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„High Society“ Drehbuchautorin und Regisseurin – Anika Decker: Powerfrau mit großem Herz

Anika Decker startet mit ihrem neuen Film „High Society“ durch

 

„Dieses Mal habe ich mich mehr getraut“ – sagt Anika Decker (42) freudestrahlend über ihren neuen Film. Verrückt, abgedreht aber auch sehr tiefgründig ist der Nachfolger von „Traumfrauen“. Er regt zum Nachdenken an und lässt uns am Ende so manches viel klarer sehen. Ich sprach mit der Marburgerin über ihr neues Werk und traf auf eine Powerfrau mit einem sehr großen Herz.

 

Wie entstand die Idee zu „High Society“?

Ich habe einen Artikel im „Zeit Magazin“ über eine alkoholkranke Krankenschwester, die diverse Babys vertauscht hat, gelesen. Das kam viele Jahre später raus und regte natürlich meine Fantasie an. Daraufhin recherchierte ich und habe festgestellt, dass Babys relativ häufig vertauscht werden. Außerdem habe ich selbst mit 15 Jahren in einem Babyzimmer in einer Frauenklinik ein Schülerpraktikum gemacht. Meine Aufgabe bestand darin, die Babys zum Stillen in die Zimmer der Mütter zu bringen. Wer weiß, wer weiß. Vielleicht habe auch ich ein Baby vertauscht. Ich hoffe es nicht.

Eine Geschichte aus dem realen Leben.

Ich glaube, aktiv nach einem Thema zu suchen, bringt oft nichts. Das Thema, was geschrieben werden will, kommt zu dir und findet dich. Außerdem wollte ich schon länger eine Komödie über Arm und Reich, sowie die verschiedenen Gesellschaftsschichten machen. Ich finde, das Ziel sollte immer sein, dass keiner in einer Blase lebt. Man sollte immer über den Tellerrand schauen und sich für Menschen interessieren, die es vielleicht nicht so einfach haben oder sich gewisse Dinge leisten können. Ich bin normal in der Kleinstadt aufgewachsen, aber seit „Keinohrhasen“ komme auch ich ab und zu mit der High Society in Kontakt. Oft sind es wahnsinnig nette Menschen, die ich dort kennenlerne, aber manchmal auch leider verdammt ignorante. Ich bin dann immer wieder erstaunt, dass jemand seine vielen Möglichkeiten dazu nutzt, um sich selbst zu preisen oder sich nur überlegt, wie das nächste tolle Auto sein kann. Ich finde, wenn du Glück im Leben hast und dir dadurch viel leisten kannst, dann solltest du eine Verpflichtung spüren, einen Teil davon weiterzugeben und dem anderen seinen Weg dadurch zu erleichtern.

Meinst du in Form von Spenden?

Mit allem, man soll sich vor allem für die Menschen interessieren.

Deine Filme sind dafür bekannt, dass vieles Privates von dir mit einfließt. Wie viel Anika steckt diesmal drin?

Wie immer sehr viel. Familie Schlonz, die in einem Plattenbau wohnt, macht sich abends zum Beispiel immer gerne Käsetoast. Das ist eine kleine Hommage an meinen Studienfreund Roland. Er kam immer bei mir vorbei, denn ich hatte eine Verlängerungsschnur zu meinem Couchtisch, worauf der Sandwichtoaster stand. Wir waren beide immer pleite und schauten ganz oft Fern zusammen, nebenbei machten wir uns dann immer Käsetoast. Auch die Rolle der Mutter von Familie Schlonz hat Anteile einer leicht hippieartigen Mutter von einer Freundin von mir, die ich sehr gerne mag.

Wie dürfen wir uns deinen Alltag vorstellen, wenn du an einem Drehbuch schreibst?

Wenn ich morgens aufwache, freu ich mich auf das Mittagessen. Ich bin strukturiert wie ein Kleinkind, es ist relativ langweilig. Ich stehe morgens auf und frühstücke mit meinem Freund. Wenn ich es geschafft habe, sehr früh aufzustehen, mache ich auch noch etwas Sport. Danach versuche ich, alle möglichen Sachen zu tun, um das Schreiben zu vermeiden. Ich fange an aufzuräumen oder beantworte E-Mails, die ich normalerweise nie beantworten würde. Wenn ich diese Drückerei hinter mir habe, setze ich mich endlich an den Schreibtisch, bis ich ausgepowert und ausgelaugt bin. Der schönste Abend für mich nach dem Schreiben ist, wenn ich mit meinem Freund koche und wir ein Glas Wein zusammen trinken.

Du hattest deinen Durchbruch als Drehbuchautorin von „Keinohrhasen“, wie kam es zur eigenen Regie und Produktion?

Das Buch zu schreiben ist der zeitlich längste Vorgang bei einem Film. Man verbringt so viel Zeit damit, dass es eigentlich für mich sehr schwer oder unmöglich ist, es einfach loszulassen. Ich bin auch sehr Detail fixiert und habe zum Glück die Möglichkeit bekommen, Regie zu führen. Deswegen waren das Co-Produzieren und die Regie eigentlich die logische Konsequenz, weil ich da die Möglichkeit habe, kreative Entscheidungen zu treffen. Ich kann dann sagen, ich hätte gerne, dass die Wohnung von Frau Schlonz gemütlich ist und man sich zu Hause fühlt. Die Wohnung von den von Schlachts stylisch ist, aber ein bisschen Kälte vermittelt. Ich habe es genau beim Schreiben vor mir gesehen und das ist natürlich ein Traum, wenn man das alles mit einem Szenenbildner besprechen darf und er es letztendlich so umsetzt.

Wenn ich „Traumfrauen“ mit „High Society“ vergleiche, ist für mich persönlich nochmal eine deutliche Steigerung mit der Liebe zum Detail zu sehen. Nichts scheint dem Zufall überlassen, angefangen von der Kleidung bis hin zum Teppich.

Ich habe mich jetzt auch mehr getraut. Es ist ein bisschen wilder und überdrehter. Manchmal hat Iris Berben Seiden Kaftane an, die das Muster des Teppichs haben.

Die waren toll.

Ja, für mich war es ein Freudenfest.

Was ist Luxus für dich?

Die Klischee Antwort stimmt bei mir tatsächlich: Zeit. Die habe ich sehr wenig und um eine Idee zu haben, muss man in einem entspannten Zustand sein. Mein Vorsatz ist, da ich mir ein bisschen Geld gespart habe, solange zu arbeiten, bis ich den Luxus von Langeweile habe. Die habe ich schon solange nicht mehr gehabt. Einfach mal auf dem Sofa rumliegen und denken, was mach ich denn jetzt? Bis ich alle meine Bücher gelesen habe, alle meine Filme und Serien geschaut, alle meine Freunde bekocht und alle vorgenommenen Kurztrips in Städte gemacht habe, dann wünsche ich mir Langeweile. Das wäre für mich ein großer Luxus.

Kannst du überhaupt einfach abschalten?

Von 150 auf null geht nicht so einfach. Ich kenne das schon und ich komme auch oft von Dreharbeiten, wo man sich so Hochpuschen musste, dass es körperlich sehr anstrengend war. Das Abschalten ist ein Prozess. Ich mache die skurrilsten Dinge, um runterzukommen. Momentan lachen schon alle über mich. Wenn ich abends zum Fernsehen kommen, fertige ich währenddessen Perlenarmbänder an. Da muss ich mich nur darauf konzentrieren, die Perle auf die Schnur zu bekommen. Es ist eine Art Konzentrationsübung für mich und es sind sogar schon einige fertig.

Worauf achtest du bei der Regie?

Da ich sehr viel Respekt vor guten Schauspielern habe, bin ich wahnsinnig begeistert, wenn sie etwas toll machen und versuche, viel Leichtigkeit und Freude zu vermitteln. Ebenfalls versuche ich ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass man sich auch mal vertun darf und das überhaupt nicht schlimm ist. In der Regel entsteht so eine sehr ehrliche und vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre. Ich versuche, das was meine Chefs in meinem vorherigen Leben gemacht haben, besser zu machen. Keinen anzuschreien oder rund zu machen. Das fand ich immer ganz furchtbar.

Gab es etwas während des Drehs, was dich selbst zum Verzweifeln gebracht hat? Was nicht funktionierte?

Nein, aber was mir sehr leid getan hat, und dafür habe ich mich schon mehrfach entschuldigt, ist das Emilia Schüle während des ganzen Drehs auf 12 cm Absätzen laufen musste. Auch, dass ich Marc Benjamin in einen Latex Anzug gesteckt habe, tat mir sehr leid. Als ich gesehen habe, wie schwer es ist, so einen Anzug anzuziehen, und dass man vorher erst mal eingepudert werden muss, da dachte ich nur: „Oh Gott der Arme“. Denn natürlich war genau dieser Drehtag der heißeste Tag des Jahres. Mir war nicht klar, dass man auch in so einem Anzug ersticken kann, wenn die Haut damit voll bedeckt ist. Wir mussten immer wieder den Anzug aufmachen und es kamen Leuten mit Ventilatoren um ihn zu kühlen.

Es ähnelt sehr „Shades of Grey“. Ein kleiner Seitenhieb?

Ja, bei uns heißt es ja auch „Herr Schwarz“ und nicht „Herr Grau“. Ich persönlich bin kein riesen „Fifty Shades“ Fan, aber seitdem glauben eigentlich alle Männer, dass wir Frauen gerne gehauen werden wollen. Ich nenne es immer aus Spaß: Aschenbrödel mit Hauen. Das ist meine eigene Aschenbrödel Geschichte. Natürlich ist es ein Seitenhieb und eine Verdrehung. Wie ich recherchiert habe, kommt es bei mächtigen Männern immer öfter vor, dass sie erniedrigt werden wollen und nicht erniedrigen wollen. Von daher gibt es eine große Überraschung in dem Film.

Sehr gut gelungen.

Ich finde, wir haben das realistischere „Fifty Shades of Grey“.

Gibt es denn schon ein neues Projekt, an dem du arbeitest?

Nein, mein Vorsatz ist jetzt erst mal Langeweile haben. Ich hoffe, ich bete dafür. Natürlich habe ich schon eine grobe Idee, aber das kenne ich schon, dass verändert sich noch zehn Mal.

Du gehörst zu den wenigen deutschen Drehbuchautorinnen, die starke Frauen Charakteren zeigt. Wie gehst du bei der Entwicklung solcher Figuren vor?

Manche Figuren sind auch verrückt oder ein bisschen feige. Ich finde, Stärke entsteht, wenn sich jemand ehrlich zum Horst machen kann. Ehrlich sagen kann, da war ich total peinlich. Die Ideen kommen meistens auch aus den letzten 15 Jahren. Ich bin von Marburg nach München gezogen. Von dort aus weiter nach Köln und wohne jetzt in Berlin. Da kann man so einiges beobachten. Die Fantasie nutzte ich natürlich auch immer, um eine Figur zu entwickeln. Eine weitere Quelle sind die Boulevardzeitschriften. Das ist für mich die allergrößte Entspannung, wenn ich nichts zu tun habe, kaufe ich mir gleich einen ganzen Stapel. Ich glaube nichts, was drin steht, aber ich liebe sie heiß und innig. Dann schaue ich auch noch die Boulevardsendungen im Fernsehen, weil die ganzen Dinge, die darin vorkommen, kann man sich manchmal gar nicht ausdenken, weil sie so absurd sind. So entstehen dann meine Figuren.

Auffällig ist, dass meistens Männer die Frauen weicher darstellen.

Es gibt so ein Klischee Bild, das stammt aus den 80zigern als Gegenbild zum Hausmütterchen: die Powerfrau. Aber ich glaube, mittlerweile hat sich das entspannt. Wir müssen nicht perfekt sein. Es ist für mich das Schrecklichste, ein ideales Bild zu sein. Deswegen versuche ich jeder Figur, die ich schreibe, zu sagen: Du bist ein bisschen irre, ist okay. Du benimmst dich scheiße, wenn du Liebeskummer hast, ist okay. Du hast den Typen zwanzig Mal angerufen, ist auch in Ordnung. Jetzt, wo ich das Thema Arm und Reich habe, beide Mütter sind keine einfachen Charaktere, aber beide haben für sich eine Wahrheit. Ich will eigentlich immer sagen: Du kannst so viel verbocken, wie du willst, wenn du es am Ende schaffst, dich aufzumachen und ehrlich zu sein. Es ist viel gewonnen im Leben, wenn man aufeinander zugehen kann.

Du hast den Durchbruch mit „Keinohrhasen“ geschafft, aber selbst keine Ausbildung in dem Bereich absolviert.

Das hat kaum einer in der Branche, es ist ein großer Luxus. Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte so eine Ausbildung machen. Ich war damals zu schüchtern, um mich an einer Filmschule zu bewerben. Ich komme aus einer Kleinstadt, wo es solche Berufe nicht gibt. Stattdessen habe ich ein Literaturstudium angefangen, was jetzt nicht so ungewöhnlich ist. Manchmal denke ich, vielleicht hat mir genau das den nötigen Kämpfergeist gegeben. Denn ich wusste, ich habe ein Mangel den anderen gegenüber und muss dadurch härter arbeiten. Zwischendurch habe ich mir aber schon gewünscht, den geraden Weg gegangen zu sein.

Wie kam es überhaupt zu der Zusammenarbeit mit Til Schweiger und am Ende zu „Keinohrhasen“?

Er war bei einem Abendessen, wo ich auch eingeladen war. Wir haben uns gut verstanden, weil ich aus Marburg und er aus Gießen kommt. Da wir beide Pädagogen Eltern haben, machten wir unsere Späße darüber. Irgendwann fragte er, ob ich einen Memory Stick dabei hätte, weil es bekannt war, dass Autoren diese immer bei sich tragen. Den luchste er mir dann einfach ab, als ich betrunken genug war und zog sich alles auf seinen Computer. Da war alles drauf, angefangen von meiner Steuererklärung bis hin zu der Kolumne über „Der Wühler und der Piker“, Er hat alles gelesen, natürlich auch meine Steuererklärung. Es kam dann zu einer Drehbuchprobe und Gott sei Dank hat er mich dann engagiert. Die Kolumne haben wir später auch mit ins Drehbuch reingenommen, weil er die so lustig fand.

Im Dezember ist es zehn Jahre her, dass ihr diesen riesen Kinohit gemeinsam hattet. Wenn du jetzt zurück blickst, was war das schönste?

Ehrlich, schon zehn Jahre? Oh mein Gott, das kann ich gar nicht glauben. Das schönste ist, dass ich von diesem wunderschönen Beruf des Schreibens jetzt Leben und meine Miete davon zahlen kann. Das ist für jeden kreativen das größte Geschenk.

 

Anika Deckers neuer Film „High Society“ ist seit letzter Woche in den deutschen Kinos zu sehen. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sie perfekt inszeniert. Es ist eine Komödie die ans Herz geht.

Anika Decker bei der Weltpremiere von "High Society"

Powerfrau mit großem Herz – Anika Decker ist wieder eine herausragende Komödie gelungen. Foto: Sabrina Heun

 

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