Ein Film über die fatalen Geschäfte eines Krankenhauses

 

Billy Wilder sagte einmal: „Für einen guten Film braucht man drei Dinge: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch.“ Andrea Frischholz hat es in Zusammenarbeit mit Jörg Tensing geschafft, eine Geschichte zu einem Thema zu entwickeln, über das morgen Abend in vielen Wohnzimmern gesprochen werden wird – den Keimbefall in Krankenhäusern. „Götter in Weiß“ ist ihr Drehbuchdebüt und wird morgen um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Das Ergebnis ist ein packendes Drama, welches bei den Zuschauern für Nachhall sorgen wird. Ich sprach mit Andrea Frischholz (39) über den mühseligen Weg, ein investigatives Thema in einem Film umzusetzen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Drehbuch über Krankenhauskeime in Kliniken, zu schreiben?

Ich bin durch einen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ auf dieses Thema aufmerksam geworden. Darin ging es um den Keimbefall auf einer Frühchenstation in Bremen. Ich suchte zu der Zeit nach einem geeigneten Stoff und als Autor greift man ja meistens zu den Themen, bei denen es um viel geht. Und im Krankenhaus geht es eben oft um Leben und Tod. Dann habe ich angefangen, weiter zu recherchieren. Denn ein TV Film ist eine schöne Art und Weise, die Zuschauer an ein Thema heranzuführen und sie gleichzeitig emotional zu packen.

Sie waren vorher in der Entwicklungspolitik tätig. Wie haben Sie es geschafft, sich das medizinische Fachwissen anzueignen und am Ende in einem Drehbuch zu verarbeiten?

Zunächst habe ich sehr viel gelesen. Bücher, aber auch medizinische Fachartikel. Auch online gibt es interessante Quellen. Dann habe ich mit vielen Ärzten gesprochen. Beim Dreh selbst stand uns dann ein medizinischer Fachberater zur Seite. Er hat das Drehbuch geprüft und Hauptdarstellerin Claudia Michelsen während des Drehs unterstützt. Er erklärte ihr, wie ein Arzt sich im OP-Saal verhält und die einzelnen Handgriffe tätigt.

Ihre Hauptfigur Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) operiert unbewusst in einem keimbefallenen OP. Selbst ihr Mann, der ebenfalls dort im Krankenhaus operiert, weiß davon. Warum haben Sie einen Arzt als Mittelpunkt der Handlung ausgewählt?

Während meiner Recherche wurde mir klar, dass viele Ärzte mit den Arbeitsbedingungen am Krankenhaus äußerst unzufrieden sind. Er kann dann zwar den Arbeitgeber wechseln, wird aber in der nächsten Klinik auf die gleichen Zwänge und Mechanismen stoßen. Der Fehler liegt im System. Der Film basiert unter anderem auf Vorfällen an der Klinik in Mannheim, wo tatsächlich in einem keimbefallenen OP-Saal operiert wurde. Ärzte versuchten jahrelang vergeblich sich bei der Klinikleitung Gehör zu verschaffen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Für mich war somit klar, dass ich einen Arzt bzw. eine Ärztin in den Mittelpunkt stellen muss.

Mit wie vielen Ärzten haben Sie sich im Vorfeld unterhalten?

Ich habe mit etwa einem Dutzend Ärzten gesprochen. Viele wollten sich zu der Thematik zunächst nicht äußern. Über Freunde und Verwandte habe ich dann aber doch noch Kontakt zu Ärzten gefunden, die bereit waren, mit mir zu sprechen.

Was denken Sie selbst über unser Gesundheitssystem?

Ich finde es kritisch, dass die Krankenhausfinanzierung in Deutschland komplett über Fallpauschalen, also ein marktbasiertes System, gesteuert wird. Wir verlassen uns darauf, dass der Markt es schon regeln wird. Es gibt aber viele Aspekte, in denen sich Krankenhäuser vom Verkauf von Müsliriegeln unterscheiden! Ich denke, bei der Gesundheitsreform ist man deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Man sieht ganz deutlich, dass seit Einführung der Fallpauschale die Zahlen besonders gewinnbringende Operationen in die Höhe schießen. Plötzlich ist Deutschland Weltmeister bei Herzkatheter Untersuchungen oder dem Einsatz künstlicher Hüftgelenke! Was ich ebenfalls sehr bedenklich finde, sind die Zielleistungsvereinbarungen, die viele Ärzte unterschrieben haben. Das alles sind ökonomische Fehlanreize.

Was wünschen Sie sich, mit dem Film zu bewegen?

Ich würde mir wünschen, dass er dazu beiträgt, dass die gesellschaftliche Debatte darüber, welche Art von Gesundheitssystem wir uns leisten wollen, zu befeuern.

Andrea Frischholz arbeitete früher in der Entwicklungspolitik und absolvierte die Ausbildung zur Drehbuchautorin an der Drehbuchwerkstatt in München.

Claudia Michelsen in dem Film "Götter in Weiß"

Claudia Michelsen sorgt morgen in dem Film „Götter in Weiß“ als Dr. Anna Hellberg für Gerechtigkeit. Foto: ARD/NDR Volker Roloff