Am Montag beginnt die Fortsetzung

„Wie es in der DDR roch? Puh, das haben schon viele versucht zu beschreiben“ grübelt Robert Stadlober (35) während unserem Interview und gießt sich einen grünen Tee auf. Grund für unser Gespräch ist die Fortsetzung des historischen Dreiteilers „Tannbach ll – Schicksal eines Dorfes“ im ZDF. Das malerische Dorf Mödlareuth, an der bayrisch-thüringischen Grenze, ist so klein, dass es selten auf einer Landkarte erscheint. Trotzdem wurde die Dorfgemeinschaft im kalten Krieg, von der Mauer in Ost und West geteilt. Eine Verfilmung die auf wahren Erinnerungen beruht. Robert Stadlober verkörpert den Agenten Horst Vöckler, der im Dorf und von seiner Familie missachtet wird.

Deine Figur Horst Vöckler ist auf einer gewissen Art sympathisch aber auch irgendwie gleichzeitig unsympathisch. Wie würdest du seinen Charakter beschreiben?

Er ist in erster Linie ein Agent, was glaube ich auch sein Verhalten bestimmt. Seine privaten Sehnsüchte müssen sich bis zu einem gewissen Punkt nach seinen Aufgaben richten. Das sind in der jungen Bundesrepublik Deutschland schwierige politische Aufgaben, die mit seinen privaten Sehnsüchten nicht ganz zusammenpassen. Dadurch und auch weil in ihm die Verwerfung dieser Jahre ist, ist er nicht greifbar. Er ist in der SS groß geworden und möchte nun einen deutschen Staat mit aufbauen. Horst arbeitet sehr ergebnisorientiert an einer neuen Welt und will die alte erst einmal begraben. Das ganze mit der Verachtung gegenüber seiner Mutter und den Gefühlen für andere Männer macht die Ungreifbarkeit seines Charakters aus.

Woher hast du die Inspiration für die Entwicklung deiner Figur genommen?

Ich habe den Charakter von einem britischen Geheimagenten genutzt, der allerdings für die Sowjets gearbeitet hat im kalten Krieg und eigentlich aus einem besseren Haus kam, sich aber irgendwann für den Kommunismus entschieden hat. In seiner Biografie gibt es viele Diskrepanzen, wie zum Beispiel die Vorliebe für das männliche Geschlecht, die es bei Horst Vöckler auch gibt.

Im ersten Teil der Fortsetzung hatte ich mehrfach das Gefühl, dass er seiner Familie gerne nahe wäre, aber irgendwie nicht zurück kann.

Das finde ich das Spannende an meiner Figur. Es ist vollkommen klar, dass er nicht mehr mit seiner Mutter zusammen sein kann, dass sie keine richtige liebevolle Beziehung aufbauen können, aber trotzdem ist natürlich die versagte Liebe und die Sehnsucht in ihm drin. Das hat zum einen mit der politischen Situation von ihm zu tun, zum anderen aber auch mit den persönlichen Dingen, die vorgefallen sind. Er befindet sich in einer Zeit, in der er sowohl beruflich, als auch privat in ein erwachsenes Leben hinein kommt. In so einem Lebensabschnitt brechen auch ganze viele Dinge.

Wie hat sich der Horst Vöckler im Vergleich zur alten Staffel verändert?

Genauso wie das Land zu einem neuen Land geworden ist, ist auch Horst Vöckler zu einem „neuen“ Menschen geworden. Ein Land, das versucht, bei Punkt Null anzufangen, als wäre nichts passiert und genau das versucht er auch für sich selbst. Zu sagen: Ja, es gab da diese Vergangenheit, aber jetzt kämpfe und arbeite ich für ein vollkommen neues Land als ein vollkommen neuer Mensch. Dass es nicht unbedingt funktioniert, macht natürlich die Faszination der Geschichte aus.

Horst Vöckler scheint sich wirklich selbst zu finden. Ich erinnere mich an eine Szene, wo er einen Mann küsst. Wie wird sich das weiter entwickeln?

Das wird spannend werden, aber genaues möchte ich noch nicht verraten. Sicherlich wird es nicht bei dem einen Kuss im Auto bleiben (lacht).

Ich finde, das macht die Fortsetzung nochmal zu etwas Besonderem und vor allem sehr spannend. Es wird nicht nur die Historie der Mauer aufgegriffen, auch wird auf ein Tabu Thema eingegangen, die Homosexualität. Wie siehst du das?

Bei ihm gibt es viele Sachen, die man im „neuen“ Deutschland nicht wissen darf. Es ist doch was Tolles, was er nun lebt. Aber für beide Sachen geht er in den Knast: seine Liebe und seine Verbrechen. Wenn man sich das mal vom heutigen moralischen Standpunkt aus überlegt, wäre er für das, was liebenswert an ihm war, ins Gefängnis gekommen.

Welchen Bezug hast du selbst zur Mauer?

Ich war am 09. November 1989 am Brandenburg er Tor und empfang Thilo Mischke, welchen viele wahrscheinlich durch Pro 7 kennen. Damals lebte ich in Österreich und wir besuchten den Bruder meiner Mutter. Es klingelte nachts das Telefon und die Verwandten aus dem Osten teilten uns mit: Die Mauer ist offen. Meine Mutter weckte mich, wir fuhren zum Brandenburger Tor und standen auf der Mauer um Thilo zu empfangen. Ich war zwar erst acht Jahre alt, kann mich aber noch genau daran erinnern wie wir zusammen im „Kosmos Kino“ in der Karl-Marx-Allee „E.T.“ zusammen geschaut haben, ohne dass ich einen Reisepass dafür brauchte, um einreisen zu dürfen. Wir Österreicher durften damals ohne große Probleme in die DDR einreisen. Das war für mich die einzige Veränderung damals, denn die DDR hat sich in den ersten Jahren meiner Meinung nach nicht verändert. Es gab immer noch genauso viele Trabis auf den Straßen und roch immer noch genauso.

Wie roch es denn in der DDR?

Das haben schon viele Leute versucht zu beschreiben. Ich würde es als eine Mischung aus Linoleum, Schweiß und festgesteckter Zukunft beschreiben.

Der Ort Mödlareuth wurde damals von der Mauer durchtrennt. Im zweiten Teil ist sie nun auch ein großes Thema. Wie war es für dich, nun plötzlich am Set eine Mauer zu haben?

Das war schon irgendwie komisch, denn unsere Maske befand sich auf der Ost-Seite, also in der DDR. Zum Drehen ging ich immer in den Westen. Das ganze Team war den ganzen Tag über getrennt und manchmal sah man die Kollegen den ganzen Tag nicht, weil sie auf der anderen Seite drehten. Wenn ich da an meine Verwandte dachte, die sich nicht wie ich frei bewegen konnten, ist es schon manchmal ein komisches Gefühl gewesen. Was man aber auch bedenken muss ist, dass die Leute für den kompletten Drehzeitraum, das waren rund fünf Monate, eine Mauer in ihrem Ort stehen hatten.

Du bist mir zum ersten Mal bei „Crazy“ an der Seite von Tom Schilling aufgefallen. Das ist nun knapp 20 Jahre her. Gab es nie mal einen Plan B für dich, etwas anderes als Schauspielern zu machen?

Einen Plan B gab es nie und ich hatte auch eigentlich keinen Plan A. Ich habe mein Leben nie geplant, weil ich als junger Mensch Hypochonder war und dachte, dass ich eh nicht länger als drei Tage lebe. Aber auch weil es meistens nicht klappte, wenn ich mal etwas plante. Als ich damals sehr populär war und als Teeniestar galt, fand ich es sehr anstrengend und schön, als es sich irgendwann mal legte. Dann spielte ich viel im Theater, jetzt mache ich wieder mehr Filme. Mittlerweile bin ich auch Vater von einer wunderbaren zweijährigen Tochter. Die vergangenen Jahre kommen mir wie eine sehr lange Zeit vor, weil ich soviel erleben durfte, dafür bin ich sehr dankbar.

Bei mir ist es zur Tradition geworden, dass Fans sich aus einem Fragenpool etwas aussuchen dürfen, was du bitte ohne groß nachzudenken ergänzt:

Wenn ich mir den Text nicht merken kann:

Umschreiben. Es gibt immer ein Grund dafür, warum man sich den Text nicht merken kann. Das liegt aber meistens nicht an einem selbst.

Dein perfekter Sonntagmorgen:

Montag ist ja eigentlich der Schauspielersonntag (lacht). Nicht zu früh von meiner Tochter geweckt zu werden und dann sagt sie hoffentlich: Lass uns noch im Bett bleiben und etwas lesen. Das finde ich am schönsten: Dann lesen wir noch ein bisschen was, frühstücken und gehen spazieren. Wobei es am Prenzlauer Berg nicht so toll ist spazieren zu gehen, weil viele Menschen unterwegs sind am Sonntagmorgen. Dann lieber doch in der Uckermark.

Schauspielern würde ich eintauschen für:

Garnichts. Okay, es sei denn jemand droht mir, meiner Familie etwas anzutun. Dann tausche ich gegen den Maurer Beruf.

Am drehen liebst du:

Die Veränderung, permanent an anderen Orten zu sein.

Am drehen hasst du:

Das was ich auch so Liebe, die Veränderung und permanent an anderen Orten zu sein. Je nachdem mit wem man unterwegs ist, kann es auch schonmal ziemlich anstrengend werden.

 

Robert Stadlober ist am Montag ab 20:15 Uhr im ZDF, in der Fortsetzung „Tannbach ll – Schicksal eines Dorfes – Schatten des Krieges“ zu sehen. Weitere Sendetermine sind der 10.01.2018 und 11.01.2018 jeweils um 20:15 Uhr. Mein Fazit: Es ist großartig, dass das ZDF mit der Verfilmung ein Stück Geschichte am Leben erhält und der heutigen Generation fast vergessenes wiederaufleben lässt.

Robert Stadlober und Jonathan Berlin in "Tannbach"

Walter Imhoff (Jonathan Berlin) will das Horst Vöckler (Robert Stadlober) verschwindet. Warum nur? Foto: ZDF/Julie Vrabelova