Morgen zweite Folge der Fortsetzung im ZDF

Am vergangenen Montag lief der erste Teil der Fortsetzung von „Tannbach ll – Schicksal eines Dorfes“. Neu im Schauspielensemble ist Clemens Schick (45), der die Rolle von Pastor Wolfgang Herder herausragend verkörpert – eine komplexe Figur, die etwas Dunkles in sich trägt und einen Weg sucht, mit der ganz persönlichen Vergangenheit zu leben. Wir sprachen in Hamburg über seine neue Rolle und woher er sich seine Inspiration für diese Figur nahm.

 

Herr Schick, Sie sind neu im Team. Wie war es für Sie in ein bereits vorhandenes Schauspielensemble einzusteigen?

Bei so einem guten Ensemble, in dem alle so offen und neugierig sind, war es ein großes Geschenk, dabei sein zu dürfen. Wenn etwas an Neuem oder Fremden dabei war, dann war es für meine Figur fast ideal. Pastor Herder ist einer, der in die Fremde geht, in die Diaspora in Bezug auf die Religion. Er ist zwar fremd dort, hat sich aber dafür entschieden. Somit konnte ich es gut in meine Figur einbringen.

Ihre Rolle als Pastor ist schon besonders. Im ersten Teil konnte man beobachten, wie Pastor Herder versucht, einen Ort über den Glauben zu vereinen. War das Ganze nicht eine große Herausforderung für ihre Figur?

Das war eine große Herausforderung. Meine Figur ging in ein Land, indem ihr Glaube nicht geschätzt wird oder sozusagen bekämpft bzw. verhindert wird. Er hat Hoffnung, auf Versöhnung. Hoffnung, dass man die Trennung noch überwinden kann – Ost und West. Herder ging in den Osten, um die zu suchen die auch daran glauben und diese zu unterstützen. Das wurde von der Politik im Osten nicht gerne gesehen. Deshalb erfährt er auch sehr viel Misstrauen von den Mitbürgern.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mir natürlich die ersten Teile angeschaut und dann hatte ich das große Glück, dass ich 1993 einen Priester in Ostberlin kennengelernt habe, die mehr oder weniger die Geschichte meiner Rolle gelebt haben und vom Westen in den Osten gegangen sind. Mit ihm hatte ich einen engen Austausch und konnte für meine jetzige Schauspielerische Arbeit enorm davon profitieren.

Was haben Sie sich speziell für Merkmale zur Entwicklung Ihrer Figur davon herausgezogen?

Das fängt bereits mit der Predigt im ersten Teil an, wo ich sozusagen den Zugang zu einer religiösen Sprachen finden musste. Wie kann man Worte verwenden und dadurch Hoffnung mit etwas Religiösem verbinden? Ich habe mich jahrelang in einer Welt bewegt, wo man miteinander so gesprochen hat. Als Schauspieler versucht man immer, eigene Erfahrungen mit der Figur zu verbinden, aber Parallelen zu einem Selbst sind keine Bedingung, um eine Figur zu verkörpern.

Ist es nicht vielleicht auch manchmal ein Nachteil, wenn es Parallelen gibt?

Ich wüsste nicht warum.

Robert Stadlober hat bereits im vorherigen Interview berichtet, wie für ihn die Dreharbeiten waren. Plötzlich stand mitten in einem Tschechischen Ort eine Mauer, die wie damals real eine Trennung des Teams erzeugte. Wie haben Sie diese Situation am Set empfunden?

Der tschechische Ort Běsno war ein wunderschöner Ort. Fast ein bisschen tragisch schön, weil der Ort heute noch genauso wie fast nach der Wende ist. Wirtschaftlich ist leider nicht viel passiert. Das Produktionsdesign bei „Tannbach“ war einfach unglaublich. Wir drehten am Block alle drei Teile hintereinander. Mal wurde die Mauer hochgebaut, mal wurde sie wieder abgebaut. Wir sahen zum Teil die anderen Schauspieler, wenn sie zum Beispiel gerade im Westen drehten, den ganzen Tag nicht. Diese Teilung eines Ortes und des Teams so zu erleben, erinnert einen daran, wie es damals den Familien wohl ergangen sein muss. Viele wurden brutal durch die Mauer getrennt.

Ich finde es kaum vorstellbar. Im ersten Teil fand eine Beerdigung statt und selbst da standen Familienangehörige weit ab im Osten hinter dem Zaun und wurden weggeschickt. Ist das nicht absurd?

Ja. Oder die Schlussszene, wo ein Hof brennt und die Feuerwehr im Westen am Zaun steht und nicht in den Osten darf, um das Haus zu löschen. Da merkt man einfach, dass Fanatismus unmenschlich ist. Leider sind wir heute nicht in der Situation, dass wir heute zurück gucken und sagen können: Damals waren sie eben so. Leider muss man heute feststellen, dass es wieder so ist.

Macht Ihnen das ein wenig Angst?

Ich bin alarmiert. Das, was in Europa passiert, ist bedrohlich und nicht zu unterschätzen. Da meiner Meinung nach, dass wovon wir profitieren und leben, in Frage gestellt wird. Es nicht so sicher ist, wie wir es die letzten Jahrzehnte gedacht haben. Was meiner Meinung nach auch dazu geführt hat, dass wir für Sachen, für die wir stehen, nicht mehr so kämpfen. Wir nehmen es für selbstverständlich hin. Das fliegt uns jetzt ein wenig um die Ohren und ich glaube, wir müssen neu lernen, für Dinge neu einzustehen.

Würden Sie sagen, dass der Film für solch eine historische Verfilmung nicht dann ein wichtiges Medium ist, um das Vergessen uns wieder vor Augen zu führen?

Es gibt unterschiedliche Gründe, einen Film zu machen. Einer um Geschichte nachzuerzählen ist ein ganz wichtiger. Das ist ganz toll, dass es bei „Tannbach“ funktioniert. Es ist aber auch traurig, dass der Film durch die Zuspitzung der politischen Situation in der ganzen Welt nochmal viel mehr an Bedeutung erhält, als man es erahnen konnte, wo das Drehbuch geschrieben wurde.

Am Ende des ersten Teils war es Herzzerreißend. Wie geht es weiter?

Ja, das Ende ist wirklich heftig. Aber mehr möchte ich noch nicht verraten. Es bleibt spannend.

 Die Dreharbeiten der Schlussszene waren nicht einfach, wie man im Making-Off in der ZDF Mediathek sehen kann. Die Sonne ging unter und somit blieb nur wenig Zeit, um diese Szene zu drehen. Machen Sie sich als Schauspieler in solchen Momenten Druck?

Drehen hat allgemein etwas mit Druck zu tun, Zeit und finanzieller Druck. Wir mussten uns gerade bei dieser Szene noch mehr beeilen, da wir mit Feuer in dem Haus arbeiteten. Das gehört aber alles zu diesem Beruf dazu.

Sie haben auch viel im Theater gemacht, was schätzen Sie mehr? Film oder Theater?

Ich schätze beides, weil es wunderbar ist. Ich mache gerade Film, weil ich Film machen möchte. Ich habe zehn tolle Jahre am Theater gehabt. Mittlerweile passt Film besser zu meinem Leben. Ich arbeite überall auf der Welt, ich reise sehr viel und habe immer wieder neue Projekte. Gerade drehte ich einen Psychothriller mit Jella Haase und Max von der Groeben, nächstes Jahr bin ich für Dreharbeiten in Finnland. Das passt zu meiner inneren Neugier und Unruhe.

Morgen Abend um 20:15 Uhr wird im ZDF der zweite Teil von „Tannbach ll – Schicksal eines Dorfes – Frieden aus Stein“ ausgestrahlt.

Clemens Schick und Henriette Confurius in "Tannbach"

Es war die bewegendste Szene im ersten Teil der Fortsetzung von „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“. Pastor Wolfgang Herder (Clemens Schick) hält Anna Erler (Henriette Confurius) zurück, in ein brennendes Haus zu laufen, wo ihr Mann eingeschlossen ist. Foto: ZDF/ Julie Vrabelova

Clemens Schick und Henriette Confurius in "Tannbach"

Pastor Wolfgang Herder (Clemens Schick) ging in den Osten um die Menschen zusammen zuführen. Ob er es schafft? Morgen um 20:15 Uhr im ZDF gibt es die Auflösung. Foto: ZDF/Julie Vrabelova