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„Tannbach“ Hauptdarstellerin – Henriette Confurius: „Wir schoben uns Briefe durch die Mauer zu“

Morgen wird der letzte Teil der zweiten Staffel ausgestrahlt

In den letzten Teilen von „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ konnten wir beobachten, wie Anna Erler zu einer erwachsenen Frau heranwuchs. Ein Leben voller Brüche liegt hinter ihr, trotzdem wurde sie zu einer überzeugten Sozialistin und letztendlich zu einer leitenden Funktionärin der Partei LPG. Henriette Confurius (26) spielt die Rolle herausragend, doch stand sie vor einer großen Herausforderung, eine deutlich ältere Person zu verkörpern. Wir sprachen darüber in Hamburg.

 

In „Tannbach“ geht es um ein Dorf, welches im kalten Krieg durch die Mauer in Ost und West getrennt wurde. Du bist 1991 geboren und hast die Wende nicht miterlebt. Wie konntest du dich entsprechend auf die Dreharbeiten vorbereiten?

Mir haben die Gespräche mit unserem Regisseur Alexander Dierbach geholfen, der intellektuell sehr gut vorbereitet war, mich vorzubereiten. Eine große Herausforderung war für mich aber eigentlich nicht das Geschichtliche, sondern die Rolle einer deutlich älteren Frau zu verkörpern. Anna wächst von einem jungen Mädchen zu einer erwachsenen Frau heran, erlebt die erste große Liebe und bekommt Kinder. Ich musste deshalb für diese Rolle ganz genau schauen, was meine Figur bewegt.

Was war dabei die größte Herausforderung für dich?

Für mich war es spannend herauszufinden, inwieweit sich das Handeln einer Frau verändert, wenn sie plötzlich die Verantwortung einer Mutter trägt. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie nie ängstlich war, bis sie ihr erster Kind bekommen hat. Das kann ich jetzt besser nachvollziehen. Außerdem habe ich teilweise zwei Stunden in der Maske verbracht. Die Perücke musste geklebt werden, was damals sehr lange gedauert hat, denn ich hatte sehr lange Haare. Dann gab es noch eine Silikonmaske, damit ich im Gesicht ebenfalls älter wirke. Diese wurde nach und nach immer wieder verändert, damit der Alterungsprozess sichtbar wurde.  Mit solch einer Maske kann man sich nie frei bewegen, kann nicht einmal richtig lächeln oder sich in der Mittagspause fünf Minuten zum Schlafen hinlegen. Das war ein großer Energieaufwand, weil auch die Drehtage durch die erhöhte Maskenzeit deutlich länger waren.

Anna hat für mich einen sehr interessanten Charakter. Welche Ideale hat sie eigentlich?

Nachdem sie so viel Grausames in der Vergangenheit erlebt hat, unter anderem den Tod ihrer Mutter und ihrer Brüder, beschließt sie, für sich selbst verantwortlich zu sein. Als Friedrich, ihr zukünftiger Mann, mit leuchtenden Augen vor ihr steht und sagt: Lass uns gemeinsam eine neue bessere Welt erschaffen, geht sie dieses Wagnis ein und es wird zu ihrem Ideal. Sie gründen die LPG- Partei, die sie Hoffnung nennen, was ich unheimlich rührend finde. Sie bekommt Kinder und hält daran fest, eine bessere und sichere Welt für sie zu erschaffen. Dies wird zu ihrem einzigen Halt und egal, wie sehr das Ganze bröckelt, hält sie daran fest, um nicht alles zu verlieren. Ich glaube, dieser starke Glaube, ist ihr größtes Ideal.

Anna Erler ist durch die Mauer von ihrer Familie getrennt worden. Wie ist es für dich als Schauspieler, so etwas zu spielen?

Ich hatte tatsächlich einen Moment, wo ich plötzlich die Mauer vor mir sah und sie nicht mehr als geschichtliches Ereignis wahrnahm. Ich verstand im Ansatz, was solch eine unüberwindbare Grenze auslösen kann. In einem malerischen Dorf steht plötzlich eine bedrohliche Mauer mit Stacheldraht und zieht die ganze Präsenz auf sich. Am eigenen Leib zu spüren, ein Konstrukt wie die Mauer nicht überwinden zu können, löste viele Gefühle in mir aus.

Wie würdest du dieses Gefühl beschreiben?

Die Mauer hatte einfach etwas Bedrohliches. Im Vergleich zu damals hatte ich den Vorteil, zu wissen, dass die Mauer nur aus Pappmaché besteht. Trotzdem beeinträchtigt es einen sehr und hat auch den Dreh verändert. Wir sind uns größtenteils am Set den ganzen Tag nicht begegnet. Unserem Team erging es ein wenig wie der damaligen Dorfgemeinschaft, wir waren einfach keine Gemeinschaft und hatten nur noch ein bisschen Kommunikation, wenn man über den Zaun schauen konnte.

Ich erinnere mich an eine Szene im ersten Teil, wo Anna kurz zu ihrem Vater rüber schaut und eine nonverbale Kommunikation stattfindet, weil mehr nicht geht. Man kann froh sein, dass wir heute so etwas nicht erleben müssen.

Ja, obwohl schon wieder Mauern gebaut werden und ich mich auch frage, was bringt einen Menschen eigentlich dazu? Was ich an „Tannbach“ sehr schön finde ist, dass man so viele Blickwinkel nachvollziehen kann. Genau sehen kann, warum ein Charakter genau diese Ideale hat und wie sie entstanden sind. Es treffen so viele Ideale aufeinander, dass die einzige Möglichkeit darin bestand, eine Mauer zu bauen. Jegliche Kommunikation wurde unmöglich gemacht und das haben wir auch im Team gemerkt. Wir haben uns Briefe geschrieben. Das Ausstattungsdepartment wusste, wo die verschiebbaren Stücke der Mauer waren. Wir machten uns daraus einen Spaß, damals wäre man dafür verhaftet worden.

 

Morgen 11.01.2018 um 20:15 Uhr wird der letzte Teil der zweiten Staffel von „Tannbach ll – Schicksal eines Dorfes – Traum von Frühling“ im ZDF ausgestrahlt.

Henriette Confurius in "Tannbach"

Henriette Confurius als Anna Erler. Foto: ZDF/Julie Vrabelova

 

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