ZDF zeigt die erste Krimiverfilmung des Oscar-Preisträgers

 

„You made my day“ – schrieb Volker Schlöndorff (78) dem Produzenten Jens C. Susa als Antwort, nachdem er die Fahne des Romans „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani gelesen hatte. Für ihn stand fest, trotz wenig Krimierfahrung geht er das Projekt an und erweckt die Romanfigur Kriminalhauptkommissar Jakob Franck (Thomas Thieme) zum Leben. In Köln durfte ich ihm, während eines Pressegesprächs, Fragen zu seiner Arbeit stellen.

Eigentlich wollte der ehemalige Hauptkommissar Jakob Franck (Thomas Thieme) seinen Ruhestand genießen. Doch als Plötzlich Ludwig Winther (Devid Striesow) vor seiner Tür steht, begibt er sich erneut auf die Spurensuche im Reich der Toten, um einen seiner spektakulärsten Fälle aufzurollen. Es ist eine Romanverfilmung, die einen nicht mehr loslässt. Einmal eingeschaltet, möchte man der Hauptfigur Jakob Franck durch seine düstere Vergangenheit als ehemaligen „Todesboten“ folgen. Die Verfilmung basiert auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Friedrich Ani. „Der Auftakt des Buches ist eine große Story. Es tauchen Geister auf, die Kommissar Franck sieht und in seine Wohnung kommen. Er bewirtet sie sogar mit Tee und Keksen“, schwärmt Drehbuchautor und Regisseur Volker Schlöndorff. „You made my day“ – schrieb der Oscar-Preisträger als Antwort auf die Frage, ob er sich eine Verfilmung dieses Krimis vorstellen kann, an Produzent Jens C. Susa. „Der stille einsame Mann, der wie in einem Stummfilm dahin trödelt, das hat mich gereizt. Er widmet sich nicht der Schuldfrage, sondern fragt sich, wie die Menschen ticken, das finde ich das Schöne.“ Das Einzige, was ihm Bedenken gemacht hat, war das Genre: „Krimi, ich wusste nicht wie das geht. Die einzige Art, um herauszufinden ob ich es kann, war einfach mich hinzusetzen und ein mögliches Drehbuch zu schreiben. Dafür brauchte ich drei Wochen und hielt es aber noch sechs weitere Monate unter Verschluss, weil der Drehbuchauftrag noch fehlte. In der Zeit fiel mir auf, wie wunderbar sich der Roman verfilmen lässt.“

Volker Schlöndorff begann seine Filmkarriere 1960 mit dem Film „Wen kümmerts“, wo er Regie, Drehbuch und den Schnitt übernahm. 1980 folgt der Oscar für die Verfilmung „Die Blechtrommel“ in der Kategorie bester fremdsprachiger Film. Seine umfangreiche Filmografie zeigt deutlich, dass seine Vorliebe in der Literaturverfilmung liegt. „Das ist auch zeitgleich ein Fluch. Jedes Mal, wenn ich ein Buch verfilmt habe, sage ich mir: Das nächste Mal schreibst du selbst etwas – es geht jedes Mal in die Hose. Ich bin ein großer Leser, die Literatur inspiriert mich mehr als mein eigenes Leben. Insofern Fluch für mich, aber zum Guten für die Literaten.“ Doch wie sieht eigentlich der Erstellungsprozess bei seinen Verfilmungen aus? Schreibt auch er, wie alle anderen Drehbuchautoren, Szenen auf kleine Zettel? „Das mit den kleinen Zetteln ist tatsächlich die Beste Methode. Ich nutze sie auch und schreibe einzelne Sequenzen drauf. Anschließend schiebe ich sie an der Pinnwand hin und her, bis es am Ende ein Drehbuch ergibt.“ Die Drehbucherstellung sei ein handwerklicher Prozess, gern erinnert er sich an seine Anfangszeit zurück, wo er als Assistent bei Jean-Perre Mellvies vor mehr als fünfzig Jahren einst lernte. „Es gab noch keine PC`s und ich musste deshalb zwei Exemplare der Bücher kaufen, welche verfilmt werden sollten. Er strich mir die Stellen an, die er wollte. Die einzelnen Teile Schnitt ich aus, klebte sie auf weiße Bögen und er schrieb seine Anmerkungen dazu, bevor er die Texte seiner Sekretärin zum Abtippen gab. Ich schreibe heute noch sehr viel mit der Hand und gebe es zum Schluss in den PC ein.“

Bereits nach dem ersten Lesen des Buches habe er eine Flut von Bildern im Kopf gehabt und er wusste genau, wie der Film aussieht. Selbst das Drehbuch zu schreiben sei für die weitere Arbeit als Regisseur ein großer Vorteil gewesen. „Während des Schreibens entstehen die einzelnen Bilder im Detail und die anschließende Verfilmung wird dadurch leichter“. Jedoch setzt der erfolgreiche Filmemacher auf ein festes Ritual, bevor er mit dem Drehen beginnt. „Ich habe immer die Angewohnheit, mich auf den Boden zu legen, an die Decke zu schauen und im Halbschlaf oder der Meditation den Film in meinen Gedanken zu visualisieren. Wenn ich diese ganzen Bilder aus dem Kopf abfotografieren könnte, wäre das am Ende der fertige Film.“ Diese klare Vorstellung sei auch der Grund, warum er kein Storyboard anfertigt. „Es ist nicht gut, das zu tun, denn wenn plötzlich keine Bilder mehr im Kopf sind, ist das sehr schlecht für den Drehablauf und ist mir leider schon passiert.“ Um den Ablauf dennoch zu optimieren, setzt er auf intensives Proben mit den Schauspielern. „Wir haben diesmal drei junge Schauspieler in einer Zwischenprüfung ihrer Schauspielschule entdeckt, was mich sehr freut, sie in der Verfilmung zu sehen. Ich habe mit ihnen und dem Hauptcast intensiv geprobt. Da es ein Kammerspiel ist, können somit während des Drehs keine größeren Probleme auftreten.“ Bei der Regie für eine Krimiverfilmung gibt es im Vergleich zu anderen Genres keine größeren Herausforderungen, doch fügt er hinzu: „Ich sagte immer: Wir brauchen irgendwo noch eine Leiche, man sieht nur eine Leiche in dem ganzen Krimi. Nach dem ersten Schnitt war ich verblüfft und erleichtert, dass es funktioniert. Ich hatte aber immer das Gefühl, ich bewege mich auf hauchdünnem Eis.“ Das Drehbuch des zweiten gleichnamigen Romans von Ani, „Ermordung des Glücks“ liegt Volker Schlöndorff bereits vor. Jedoch lässt er noch offen, ob er bei dieser Produktion erneut Regie führt. „Die Figur Franck bietet sich sehr gut für weitere Verfilmungen an, da er viele Facetten hat die in ihm stecken. Es reizt mich sehr, aber ich spekuliere zurzeit auf ein anderes großes Projekt. Sehr wahrscheinlich werde ich eine Serie drehen.“

Die Filmwelt hat sich in den letzten Jahren verändert, was muss ein guter Fernsehfilm heute eigentlich leisten? „Wenn man als junger Mensch aus einem guten Kinofilm kommt, muss man erst drei Mal um den Block gehen, danach noch in eine Kneipe und am nächsten Morgen am besten noch weiter darüber reden. Beim Fernsehen ist das anders, wenn der Film vorbei ist, muss ich nach dem Abschalten gut schlafen können und alles muss aufgelöst sein.“ Dies sei keineswegs eine Kritik an die Fernsehwelt, doch stellt er eine klare Forderung an sie: „Das Film Erbe kommt zu kurz. Unsere Klassiker werden nicht gepflegt. Nur dadurch können wir eine Filmkultur erschaffen, wie sie zum Beispiel Frankreich hat. Meine Filmstudenten in Potsdam haben noch nie einen Film von Billy Wilder gesehen, das muss man sich mal vorstellen, aber Gott sei Dank gibt es heutzutage das Internet.“ Wahrscheinlich ist auch dies der Grund, warum er sich bei der Filmmusik des Krimis sehr stark an alten Verfilmungen orientiert hat. Es verleiht der Inszenierung einen besonderen Glanz, den es leider viel zu selten zu hören gibt. Volker Schlöndorff ist eine Bereicherung für die deutsche und internationale Filmwelt, ans Aufhören denkt er noch lange nicht. „Die Angst vor Langeweile“, sagt er, sei der Grund. Doch wer sich einmal mit ihm über seine Arbeit unterhalten darf, merkt schnell, wie sehr er aufblüht: „Ich habe Spaß an der Arbeit. Wenn man mit dem ganzen Team arbeitet, entdeckt man immer wieder etwas Neues. Es ist der privilegierteste Beruf, den es gibt.“

 

Morgen um 20:15 Uhr ist das neue Meisterwerk von Volker Schlöndorff „Der namenlose Tag“ im ZDF zu sehen.

Volker Schlöndorff und Friedrich Ani bei den Dreharbeiten zu "Der namenlose Tag"

Volker Schlöndorff zeigt Friedrich Ani während den Dreharbeiten ein paar Szenen. Foto: ZDF/Conny Keller

Thomas Thieme in "Der namenlose Tag"

„Der stille einsame Mann, der wie in einem Stummfilm dahin trödelt“ – so beschreibt Volker Schlöndorff seine Hauptfigur. Foto: ZDF/Conny Klein

Volker Schlöndorff und Sabrina Heun

Volker Schlöndorff und ich – selbst bei dem Erinnerungsfoto mussten wir über den deutschen Film reden.