Am Donnerstag löst Dupin einen spektakulären Fall

 „Dupin ist besessen“ – sagt Pasquale Aleardi (45) über seine Figur. Der neueste Fall übertrifft alle bisherigen bei Weitem. Das Schöne diesmal: Einblicke aus Dupins Vergangenheit werden gezeigt. Wir erfahren, warum er ohne einen Mordfall nicht glücklich sein kann und was für ihn der größte Albtraum ist. Ich sprach mit Pasquale Aleardi über den außergewöhnlichen Kommissar und den neuen Film „Bretonisches Leuchten“, der am Donnerstag um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird.

Dupin wünscht sich nichts sehnlicheres, als einen Mord. Im Kommissariat beginnt er, alles akkurat aufzuräumen und letztendlich fährt er mit seiner Verlobten Claire vor lauter Verzweiflung in den Urlaub. Sein Wunsch von einem Mordfall geht in Erfüllung und der Urlaub ist für ihn beendet. Abschalten und einmal entspannen kann er nicht wirklich, oder?

Nein, er kann tatsächlich nie abschalten, das ist einer seiner Macken. Er nimmt manchmal die Fotos der Leichen mit nach Hause und ist eigentlich immer am Arbeiten. Wenn er einen Fall hat, trägt ihn das und er gibt Vollgas, bis er ihn geknackt hat. Hat Dupin keinen Fall, dann leidet er, weil er einfach nichts anderes so gut kann. Dieses nicht abschalten können ist aber auch zugleich einer seiner größten Stärken, die er für seine Fälle nutzt. Durch diesen fast schon fanatischen Fokus kommt er immer an sein Ziel. Für seine Beziehung zu Claire ist dies natürlich sehr problematisch. Dupin ist einfach besessen. Manchmal kann er aber abschalten, wenn er Knie hoch im bretonischen Meer steht und in die Ferne schaut.

Woher kommt diese Besessenheit?

Es hat etwas mit seinem Vater und einem Vorfall in der Kindheit zu tun. Deshalb ist er so besessen. Er möchte die Mordfälle aufklären und somit für Gerechtigkeit sorgen. Dies wird im neuen Teil sehr deutlich zu sehen sein.

Meine Lieblingsmacke von ihm ist, wenn er seinen Stift zückt und wild in sein Notizbuch schreibt. Sich dabei immer wegdreht, wenn ihm jemand über die Schulter schauen will, um zu verstehen, was er da gerade tut.

Dupin zückt den Stift, wenn es zu viel im Hirn und Herz wird, das ist eine seiner Strategien, eine Art Mind-Mapping, um Dinge zu vergegenständlichen. Manchmal räumt er auch Dinge um. Er hat verschiedene Methoden beziehungsweise Macken. Dies kann man im zweiten Teil „Bretonische Brandung“ sehr gut sehen. Er ist dort in einem Haus eingesperrt, räumt die Stühle hin und her und gibt ihnen Namen wie „Monsieur X“ und „Monsieur Y“. Im dritten Teil „Bretonisches Gold“ wurde er am Arm verletzt und sollte sich mit einer Mullbinde verbinden, aber er hat mit den Mullbinden das ganze Hotelzimmer zugebunden und sich ein Gedanken-Konstrukt dadurch geschaffen. Durch diese ganzen Macken kommt er immer auf eine Lösung.

Dieses Mal ist ein Steinbruch der Tatort. Du musstest dich in schwindelerregender Höhe abseilen. Wie schwierig waren die Dreharbeiten in dieser Szene?

Es war sehr gefährlich. Das ganze Team musste sehr aufpassen, da es zum Teil bis zu 50 Meter runterging. Die Situation war angespannt. Am Tag zuvor durfte ich trainieren und wurde durch ein Geschirr gesichert. Was ich aber sehr interessant fand, als ich als Pasquale oben stand, hatte ich doch ein wenig Höhenangst und merkte, dass das Klettern nichts für mich ist. Sobald es aber hieß: Action, war die Angst verflogen, denn Dupin ist furchtlos. Ich habe durch Dupin meine Höhenangst verloren. Eine sehr spannende Erfahrung für mich. Wenn man sich in seine Figur richtig gut rein versetzen kann, ist man ein anderer Mensch.

Dass es so intensiv sein kann, war mir noch nicht bewusst?

Doch und das ist das Schöne an meinem Beruf. Je mehr man sich als Schauspieler mit seiner Figur beschäftigt, sie kennenlernen und vertiefen kann, umso mehr kann man seine Figur auch wirklich erleben. Man lebt die Figur dann einfach. Das ist ähnlich, wie bei der Musik. In dem Moment, wo alle den gleichen Akkord richtig spielen, ist man sozusagen im Flow, im Moment des Moments und vergisst alles andere. Ich mag außerdem auch einfach die ganze Körperlichkeit von Dupin, die Art wie er sich bewegt, wenn er jemanden verfolgt. Das macht einfach riesigen Spaß. Er ist ein komplexer Charakter und hat viel zu bieten.

Wie viel konntest du selbst an Dupin entwickeln?

Ich durfte schon von Anfang an viel beeinflussen und kann mich noch an die erste Drehbuchfassung erinnern. Da wirkte Dupin sehr viel älter und ziemlich steif und ich dachte: Wenn ich das spiele, muss er schon viel leidenschaftlicher, und vor allem beweglicher sein. Im Roman wird von Methoden gesprochen, die keiner verstehen und nachvollziehen kann. Dadurch hatten wir die Idee mit Dupins Mind-Mapping-Macke, was er immer bei der Lösung eines Falls anwendet. Es macht Spaß, ihn zu entwickeln. Vor allem auch sein Look wie er rumläuft, ist schon eigenartig. Er trägt immer schwarz, hat dasselbe in mehrfacher Ausführung. Dupin hat mindestens drei identische schwarze Hosen. Wobei er jetzt im Urlaub eine kurze bunte Hose dazu bekommt. Es ist der Albtraum für Dupin, sie zu tragen.

Aber er hat sie getragen.

Er hat es getan, aus Liebe zu Claire (lacht).

Irgendetwas muss er ja tun, er hat den Urlaub durch die Aufklärung des Mordes gesprengt.

Man sollte wirklich nicht mit ihm in den Urlaub fahren, weil er ständig seine hohe Veranlagung zum Ausdruck bringen möchte – Mordfälle aufzuklären (lacht).

Wie würdest du gerne die Figur noch weiterentwickeln?

Ich finde es wichtig, dass Dupins Macken beibehalten werden. Die letzten drei Dupin Filme sind für mich formal die Zauberformel, wie es weitergehen sollte. Das Ganze hat sich immer stetig weiterentwickelt und ist dadurch noch besser geworden, da sollten wir dranbleiben. Ich fände es auch klasse, wenn man seine Gedankengänge noch mehr sehen kann, wie er zum Beispiel innerlich die Fäden für seinen Fall zieht. So ähnlich, wie bei Sherlock Holmes. Dupin kommt in einen Raum und die Zuschauer sehen, was er tatsächlich wahrnimmt. Ich denke Mehr Körperlichkeit beziehungsweise Action wäre toll, wie zum Beispiel im dritten Teil „Bretonisches Gold“. Da gab es eine Schießerei. Die Kombination zwischen mehr Brain und mehr Körper, beziehungsweise Action wäre perfekt. Das Düstere, wie es sich in den letzten Teilen zeigt, würde ich auch beibehalten wollen.

Kommissar Dupin entstand ursprünglich in der Literatur. Hast du den Autor Jean-Luc Bannalec einmal kennengelernt?

Leider nein, aber ich würde ihn gerne mal kennenlernen. Unser Produzent Mathias Lösel hat sehr engen Kontakt zu ihm. Ich würde ihn gerne einmal fragen, ob er die Filme gesehen hat und ob ihn das vielleicht irgendwie beim Schreiben beeinflusst.

Es gibt viele Gegensätze bei der Filmfigur „Kommissar Dupin“ und dem Buch „Kommissar Dupin“.

Ja, der Film „Dupin“ hasst Fisch und der Buch „Dupin“ liebt Fisch über alles. Der Film ist der Film und somit ist diese Gegensätzlichkeit gut. Es ist auch eine große Herausforderung und eigentlich fast unmöglich, einen Roman auf 90 Minuten zu schreiben. Ich glaube, das ist den Zuschauern nicht bewusst, wie viel Arbeit es für den Drehbuchautor ist, einen Fall so zu konzipieren, dass er im Fernsehen gezeigt werden kann. Es ist wirklich jedes Mal eine sehr große Leistung, ich bin sehr dankbar dafür und es ist bewundernswert.

Was ich spannend finde, ist das Verhältnis von Dupin und Kadeg. Manchmal denke ich, sie mögen sich und manchmal glaube ich, sie hassen sich.

Das Lustige ist, dass es je nach Situation auch so ist. Ich glaube, er liebt die Kauzigkeit von Kadeg. Dupin ist ja selber auch irgendwie ein Kauz. Ich denke, sie haben sich gefunden. Probleme tauchen vor allem dann auf, wenn Kadeg denkt, er sei schlauer als sein Chef.

Oder, wenn Kadeg einen Witz machen möchte und Dupin diese überhaupt nicht komisch findet.

Genau (lacht). Es gab auch mal einen Vorfall, wo Dupin Kadeg richtig zusammengeschissen hat. Dass ist jeweils nicht einfach, denn wie Jan Schütte Kadeg spielt, ist schon phänomenal. Man muss sich echt zusammenreißen und in der Rolle bleiben, um vor Lachen nicht loszubrüllen (lacht.) Man muss aber sagen, dass Dupin echt nicht einfach ist. Ich kann mich noch an eine Szene erinnern, wo sein Team ihn eingeladen hat und Dupin, dass kaum aushält, nur schnell einen Schluck trinkt und danach sofort wieder abhaut. Er ist ein sehr spezieller Mensch, ein Eigenbrötler. Dass er mit Claire zusammen ist und die beiden so funktionieren, grenzt schon an ein Wunder.

Wie konzipierst du Dupin?

Das Konzept steht durch seine spezielle Verhaltensweise. Ich weiß, wie Dupin denkt, redet und handelt und schaue dann von Buch zu Buch wie ich ihn am besten zum Ausdruck bringe. Es ist jedes Mal eine neue tolle Aufgabe, denn jede Situation ist anders, jeder Fall ist anders. Viele Dinge sind aber glücklicherweise auch ähnlich, wie die Macken zum Beispiel, die ich besonders an ihm liebe.

Mein Lieblingsfall war „Bretonische Brandung“. Welcher Fall ist deiner?

Das ist schwierig für mich zu sagen, jeder Teil hatte seine Eigenheiten, die mich total gereizt haben. Im ersten, „Bretonische Verhältnisse“, hat es zum Beispiel, sehr viel Spaß gemacht, den Chef am Handy abzuwimmeln und ihm eine schlechte Verbindung vorzutäuschen. In „Bretonisches Leuchten“ waren für mich die darzustellenden Gedanken der Flashbacks eine große Herausforderung. Diese zu verinnerlicht zum Ausdruck bringen, war eine Challenge. In „Bretonischer Brandung“ war zum Beispiel das Schöne, dass Dupin am Tatort steht, in die Hände klatscht und plötzlich das Bild, mitsamt allen Beteiligten einfriert. Er spaziert sozusagen durch seine eigenen Gedanken, inspiziert alles, klatscht wieder in die Hände und der Film geht weiter. Solche Details finde ich sehr originell und ich hoffe, dass wir da mit den Regisseuren in der Entwicklung dranbleiben.

Die Regisseure wechseln oft. Ist dies für die Inszenierung ein Vorteil?

Es ist eine Umstellung, aber spannend und bringt immer frischen Wind rein.

Wie findest du den Ausgleich zum Dreh?

Wenn ich in der Bretagne bin, finde ich keinen Ausgleich, das ist positiver Stress. Da bin ich rund um die Uhr am Start. Was natürlich immer wieder schön ist, wenn man mal zwischen den Takes eine Pause hat, zehn Minuten am Meer ist und einfach nur auf den Horizont schauen kann, da laden sich die Batterien schon von selbst auf. Die Bretagne ist schon ein sehr spezieller Fleck Erde. Ein Besuch lohnt sich.

Du bist ein riesiger Film Fan, was muss deiner Meinung nach ein guter Film haben?

Spannung. Im Sinne, dass mich die Figuren und die Geschichte mitnehmen. Bei einem guten Film, egal welches Genre, stellen sich für mich keine Fragen. Ich überlege nicht, ob das gerade stimmt, was ich sehe. Wenn er gut gemacht, gut gespielt und das Drehbuch gut ist, wird man mit auf eine Reise genommen. Man vergisst dadurch seinen Alltag und kommt am Ende des Films wieder zurück ins Leben. Bei Filmen, die nicht stimmig sind, wird man rausgerissen. Ein guter Film, trägt mich durch die Tage. Vielleicht begleitet er mich auch mein ganzes Leben. So wie gute Musik, ist beides nicht wegzudenken in meinem Leben.

Glaubst du, dass ein Film auch das Leben verändern kann?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass alle darstellenden Künste dies können, wenn sie so gut gemacht sind, dass sie uns bewegen und berühren. Einer meiner Lieblingsfilme diesbezüglich ist: „Ist das Leben nicht schön“ von Frank Capra mit James Stewart. In dem Film geht es darum, dass sich ein Mensch das Leben nehmen will und sich am Ende doch anders entscheidet. Dieser Film läuft nicht grundlos immer an Weihnachten, weil er die Macht hat, gefährdete Menschen, umzustimmen. Er ist ein Meisterwerk für mich, weil er innerhalb von 90 Minuten eine Situation umdreht, die zu Beginn so trostlos war und am Ende einfach alles auf inspirierende Weise ins Positive dreht. Filme die inspirierend und erhebend wirken sind ein Geschenk.

Pasquale Aleardi ist am Donnerstag um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen. Derzeit tourt er mit seiner Gruppe „Pasquale Aleardi & Die Phonauten“ durch die Schweiz. Für alle, die den ehemaligen Broadway Sänger einmal Live auf der Bühne sehen möchten, am 12. Juni 2018 spielt er in der „Bar der Vernunft“ in Berlin. Weitere Infos findet ihr hier:

https://www.pasqualealeardiunddiephonauten.de/

Pasquale Aleardi als "Kommissar Dupin"

Pasqule Aleardi in der Rolle des „Georges Dupin“. Foto: ARD Degeto/Wolfgang Ennenbach

Pasquale Aleardi am Set von "Kommissar Dupin - Bretonisches Leuchten" in Trégastel

Während des Dreharbeiten in Trégastel. Foto: ARD Degeto/Wolfgang Ennenbach

Regisseurin Dagmar Seume, Hauptdarsteller Pasquale Aleardi und Produzent Mathias Lösel während der Dreharbeiten zu "Kommissar Dupin - Bretonisches Leuchten"

Auch wenn graue Wolken aufziehen wird weiter gedreht. Pasquale Aleardi (mitte) mit Regisseurin Dagmar Seume (links) und Produzent Mathias Lösel (rechts). Foto: ARD Degeto/Wolfgang Ennenbach