Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte herausragend inszeniert

 

Seit letzter Woche ist der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ in den deutschen Kinos zu sehen. Die Verfilmung basiert auf einer wahren Begebenheit, welche im gleichnamigen Roman von Dietrich Garstka festgehalten wurde. Zusammen mit seiner Abiturklasse, löste Garstka 1956 ein bis heute unvergessenes Ereignis aus. In Gedenken an die im Aufstand gegen Ungarn gefallenen, hielt er mit seiner Klasse eine Schweigeminute. Eine kleine menschliche Geste, welche in der DDR drastische Folgen hatte – Ausschluss vom Abitur für die ganze Klasse in der gesamten Bundesrepublik. Lars Kraume (45) ist es nach der Verfilmung „Der Staat gegen Fritz Bauer“ erneut gelungen, uns ein wichtiges Stück Zeitgeschichte herausragend zu inszenieren. Im Interview sprachen wir über die Entstehung und warum Verfilmungen über wahre Begebenheiten so besonders sind.

Nach der Verfilmung „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und „Terror – Ihr Urteil“ hast du nun erneut ein wichtiges Stück Zeitgeschichte verfilmt. Was reizt dich so sehr daran?

Im Grunde geht es in den beiden Filmen um diesen Umbruch Prozess in Deutschland, welcher mich sehr interessiert. Das Schweigen der 50er Jahre und der Schatten des Krieges. Es wendet sich beides explizit an die jungen Leute. Wahre Geschichten verfilme ich deshalb sehr gerne, weil sie einfach faszinierender sind. Sie zeigen keine erfundenen Helden, sondern wahre Helden. Im Fall von „Das schweigende Klassenzimmer“ eine ganze Menge wahrer Helden. Welche, die sich damals sehr mutig verhalten haben. Solche Geschichten verstärkt natürlich auch das Drama für eine Verfilmung. Man geht am Ende aus dem Film und stellt fest: Mein Gott, es gibt tatsächlich Menschen, die sich in solchen Situationen so mutig Verhalten.

Die Verfilmung basiert auf dem gleichnamigen Buch von Dietrich Garstka, welcher damals die Schweigeminute anzettelte. Wie kam es zur Umsetzung?

Mir wurde das Buch vor längerer Zeit für eine Verfilmung angeboten. Nur hatte ich damals nicht die Zeit und Muße, jahrelang an diesem Film zu arbeiten. Tatsächlich kam die Idee der Verfilmung erst parallel zur Erstellung des Drehbuchs für meinen Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, welcher auch die Zeiten des kalten Krieges thematisiert. Ich nahm das Buch damals zur Hand und mir wurde klar, was dies für eine tolle Geschichte ist. Ich musste sie einfach verfilmen.

Burghart Klaußner spielt erneut eine Hauptrolle. Bereits in deinen letzten Verfilmungen hast du ihn eingesetzt. Bewusst?

Das ganze erwachsene Cast sind Schauspieler, mit denen ich schon sehr viel zusammengearbeitet habe. Ich finde sie super und ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie für meine Filme gewinnen kann. Ich weiß dann genau, wie es funktioniert. Mittlerweile ist es auch wie eine Familie für mich geworden.

Kann eine gleiche Besetzung nicht auch ein Nachteil mit sich bringen? Zum Beispiel könnte der Zuschauer gelangweilt dadurch sein, wenn er immer die gleichen Schauspieler in deinen Filmen sieht.

Ich finde, das sind alles so gute Schauspieler, da wird es einem nicht langweilig. Sie spielen ihre Rollen so gut, da fällt es manchmal gar nicht auf den ersten Blick auf, dass es dieselben sind. Der große Vorteil bei der Verfilmung von „Das schweigende Klassenzimmer“ war, dass bis auf Burghart Klaußner, alle erwachsenen Schauspieler aus dem Osten sind. Sie kannten aus ihrer Schulzeit noch dieses verschwundene Land und diese Figuren in ihren verschiedenen Facetten, wie sie in dem Film zu sehen sind. Florian Lukas, der Rektor Schwarz spielt, kannte auch Lehrer, die nicht wussten, wie sie sich zu den Fragen über das damalige System verhalten sollten. Deren Erfahrung hat für das Spiel sehr geholfen.

Das ist mit einer meiner Lieblingsrollen. Vor allem, als er seinen Schüler Theo mit einer Bauernweisheit vor den drohenden Konsequenzen der Schweigeminute warnt. „Wühlt der Regenwurm im Herbst, gibt`s im Winter manchen Sturm.“ Er wollte sie damit warnen und sie haben es alle verstanden, dass etwas auf sie zu kommt.

Dietrich Garstka hat mir bei der Erstellung des Drehbuches gesagt: Du musst aufpassen, in der Zeit haben alle so gesprochen, dass sie zitierfähig waren. Mit dem Satz war der Direktor zitierfähig, aber hat in dem Moment eigentlich nichts gesagt. Er durfte nicht Klartext reden und die Schüler warnen. Da er selbst Landarbeiter vor seiner Zeit als Rektor war, hätte man ihm somit nichts anhängen können.

Wie eng war die Zusammenarbeit mit Dietrich Garstka?

Ganz eng. Er hat alle Drehbuchfassungen gelesen. Ich bin zweimal zu ihm nach Essen gefahren und wir haben die Drehbücher zusammen durchgesprochen. Durch ihn hatte ich einen ganz tollen Lektor, welcher mir alles über ein nicht mehr existenzielles Land erzählen konnte. Das war für die Verfilmung sehr wichtig, denn es sollte das junge Publikum nachvollziehen können und das ältere Publikum, welches die damalige Zeit miterlebt hat, sollte am Ende nicht sagen: Was für ein Schwachsinn, das stimmt doch alles nicht.

Die Filmmusik ist mir diesmal besonders aufgefallen. Auch hier hast du wieder auf die Komponisten Julian Maas und Christoph M. Kaiser zurückgegriffen. Wie findet man die passende Musik zu einem solch emotionalen und mutigen Thema?

Die Schweigeminute war für uns der Schlüsselmoment. Diese Musik wurde zum Hauptthema des Films und wird deshalb oft wiederholt. Wir drehen den Film ohne Musik und erst anschließend findet das Komponieren der Musik statt. Wir haben auch noch ein Antagonisten Thema, was sich oft wiederholt und die gleiche Musik trägt. Am Anfang des Films haben wir noch eine Musik komponiert, welche an den großen Filmkomponisten John Barry angelehnt ist. Die schöne Musik für die heile Welt, bevor dann der Kampf ausbricht. Im Grunde war es aber ein langer Umweg mit der Musik. Wir haben uns lange mit der klassischen Musik der damaligen Zeit beschäftigt, mit Dimitri Schostakowitsch zum Beispiel. Aber es stellte sich am Ende heraus, dass diese Art des Komponierens zu kompliziert für den Film ist und nicht funktioniert.

Heutzutage gilt meistens das Motto: Schweigen ist Gold. Letztendlich wird sich kaum gerade zu politischen Situationen sehr wenig geäußert oder Stellung bezogen. Kann der Film etwas dazu beitragen, dass sich etwas ändert?

Ich glaube, er kann einen dazu bewegen, seine Meinung zu sagen. Und uns zeigen, in was für einer wertvollen freien Welt wir uns bewegen.

„Das schweigende Klassenzimmer“ läuft in der zweiten Woche im Kino. Ab September dreht Lars Kraume eine Serie für das ZDF über das „Bauhaus“.