Roadmovie seit Donnerstag im Kino

Am Donnerstag ist der neue Film von Matthias Schweighöfer gestartet. Ein Roadmovie, der Mut macht und das Herz berührt. Jella Haase zeigt, was sie kann und Marc Benjamin wird dank zahlreicher Tintenfischringe den Dreh nie vergessen.

Was tun, wenn man mit Anfang 20 noch nicht weiß, wo die Reise im Leben hingehen soll? Marleen (Jella Haase) hat genau dieses Problem – planlos, ziellos und ein wenig resigniert spaziert sie durchs Leben – ganz anders als ihr Bruder Erik (Matthias Schweighöfer), welcher in die Antarktis reisen möchte und endlich einen Verlag gefunden hat, der ein Buch über seine ganzen Abenteuerreisen veröffentlichen wird. Erik fordert seine Schwester heraus, endlich mal „Ja“ zum Leben zu sagen und nicht zurückgezogen in einem Sessel mit einem Buch auf ein Abenteuer zu warten. Von seiner letzten Abenteuerreise bringt er ihr ein „Vielmachglas“ mit – ein Glas, indem sie alle ihre besonderen Momente und Abenteuer auf kleinen Zettel festhalten soll. Erst, wenn ein Zettel drin ist, kommt er aus der Antarktis zurück. Doch dort kommt er niemals an und für Marleen beginnt durch einen Schicksalsschlag das Abenteuer ihres Lebens.

Florian Ross hat mit seiner Crew einen herzergreifenden Roadmovie geschaffen, der uns meiner Meinung nach zum Nachdenken anregen sollte. Wahrscheinlich mag es für den ein oder anderen zu weit hergegriffen und übertrieben sein, dass Verlust des Bruders führt eine Anfang 20-Jährige auf einen Selbstfindungstrip. Doch wann wird man sich im heutigen hektischen Alltag über die wirklichen Dinge im Leben noch bewusst? Ein Ziel erreicht, ab zum nächsten. Abitur, Studium, Karriere – die einzelnen Stationen strikt von der Gesellschaft oder den Eltern vorgegeben. Gut, dass es sie gibt, die Leinwandhelden, welche uns wie im Fall von „Vielmachglas“ an das Wesentliche im Leben erinnern: „Kleine Dinge bereichern das Leben und das ganze Leben ist eines der großartigsten Abenteuer, das es gibt. Man muss nur seine Chancen nutzen und was daraus machen“, gibt Hauptdarsteller Marc Benjamin im Gespräch bei der Weltpremiere in Köln zu bedenken. Er verkörpert Ben, welcher Marleen auf ihrem Abenteuer begleitet und immer wieder in die richtige Richtung stupst.

Auslöser für Marleens Selbstfindungsabenteuer ist der Tod ihres Bruders Erik. Sie saß am Steuer, als plötzlich auf der Kreuzung ein LKW das Auto rammt. „Es war eine der heftigsten Szenen, die wir drehten. Das ging durch Mark und Bein. Selbst die außenstehenden waren sehr ergriffen beim Dreh“, verriet Jella Haase. „Es war nicht nur die heftigste, sondern auch die aufwändigste Szene, die wir drehten. In diesen paar Sekunden steckt ein halbes Jahr Planung drin“, ergänzt Regisseur Florian Ross. Für den Dreh sei in Köln extra eine Straßenkreuzung an einem Sonntag gesperrt worden. „Wir hatten nur zwölf Stunden Zeit. Das Wetter musste stimmen und vor allem der Stunt musste auf Anhieb funktionieren. Denn wir doubelten die Schauspieler nicht und so viele Takes kann man bei einer so aufwändigen und auch höchst emotionalen Szene nicht drehen. Wir haben zwar den Überschlag nochmal im Studio gedreht, aber es musste alles auf Anhieb klappen“. Jella Haase beweist in diesen paar Sekunden auf der Kinoleinwand, welches großartiges schauspielerisches Talent in ihr steckt, das Spiel einfach herzergreifend mit einem starken Taschentuchfaktor für den Zuschauer.

Das größte Muffensausen hatte jedoch Florian Ross bei seinem Spielfilmdebüt vor einer eigentlich recht einfach erscheinenden Szene. „Die Familienszene war tatsächlich für mich die schwerste. Matthias Schweighöfer, Jella Haase, Juliane Köhler und Uwe Ochsenknecht – vier großartige Schauspieler an einem Tisch. Ich hatte Angst, dass sie sich nicht verstehen und die Szene nicht funktioniert. Nach dem ersten Take wusste ich aber, dass alles klappt und ich konnte aufatmen. Juliane Köhler schmunzelt, als sie dies hört: „Ich habe nichts davon gemerkt, dass er nervös war. Er war so ruhig und locker, das half uns genau in diesem Moment, die geforderten Emotionen zu zeigen.“ An manchen Stellen ist der Film abgedreht, aber so muss es bei einer richtig guten Komödie sein. Marleen ist zum Beispiel gerade mit Ben auf dem Weg nach Hamburg, als sie in einer Bar eine Rockerbraut (Kathy Karrenbauer) verprügelt. „Das ist meine Lieblingsszene“, lacht Marc Benjamin. „Ich darf nur nicht an den Drehtag denken, denn ich esse Tintenfischringe in der Szene und am Drehtag musste ich nach dem 80. Tintenfischring den Rest ausspucken, weil es einfach nicht mehr ging.“ Auch als Marleen mit YouTuberin Zoé (Emma Drogunova) den ersten Weg ihrer Reise trampt, kommt so einiges verrücktes auf den Zuschauer zu. „Jella Haase und ich hatten sehr viel Spaß während des Drehs und wir haben sehr viel gelacht. Ich selbst würde aber nie mein Leben in Gefahr bringen, um ein paar Klicks auf YouTube zu bekommen, so wie wir es im Film zeigen.“ Gemeinsam retten sie eine Ziege, welche einem Tiger zum Fraß vorgeworfen werden soll. Wenn man bereit ist, sich auf eine Drama-Komödie mit Tiefgang einzulassen, ist es ein wunderschönes Filmerlebnis.

De Pub 03899 VMG

Die besagte Familienszene – Uwe Ochsenknecht, Juliane Köhler, Jella Haase und Matthias Schweighöfer an einem Tisch. Foto: 2017 Warner Bros. Ent.

Jella Haase in dem Film "Vielmachglaas"

Marleen (Jella Hasse) sagt „Ja“ zum Abenteuer. Foto: 2017 Warner Bros. Ent.

Marc Benjamin und Jella Haase in dem Film "Vielmachglas"Mission erfüllt – das Vielmachglas ist gefüllt mit vielen Abenteuern. Ben (Marc Benjamin) und Marleen (Jella Haase) stehen am Hamburger Hafen.  Foto: 2017 Warner Bros. Ent.