Ein gemütlicher Nachmittag in Mittelhessen

 

Versprochen ist versprochen – ein Jahr ist es nun her, dass ich nach einem Gespräch mit Paula Paul wieder mein Blogmagazin aufgenommen habe. „So etwas braucht der deutsche Film“, sagte sie damals zu mir. Das erste große „Interview des Monats“ führten wir daraufhin gemeinsam und sie versprach: „Wenn ich wieder in der Heimat bin, treffen wir uns auf einen Kaffee oder Crépe.“ Vor ein paar Tagen löste sie das Versprechen ein. Wir trafen uns in unserer gemeinsamen Heimat Gießen, sprachen über ihre wilden Zeiten als Studentin und die darauffolgende Karriere.

 

Ein paar Minuten bleibt sie vor dem Wirtshaus „Kleiner Lenz“ stehen und schaut sich in Gedanken versunken um. „Was hat sich das alles hier verändert. Hast du eine Ahnung, wie lange ich nicht mehr hier war? Damals hieß es noch „Bitchen“ und alles war sehr düster. Das waren noch Zeiten, hier bin ich groß geworden und leider einmal an genau dieser Theke ziemlich abgestürzt.“, zeigt sie auf den Tresen im Wirtshaus. „Die meiste Zeit meiner Jugend habe ich hier verbracht. Wenn ich nicht in den Diskotheken „Phönix“ oder „Ausweg“ hinter der Theke gearbeitet habe, feierte ich entweder hier im „Bitchen“ oder nebenan im „Ulenspiegel“. Bruce Springsteen „Born in the USA“ war damals der Song zu dem wir immer feierten und ist es auch bis heute noch bei mir geblieben.“

Vom „Landschulheim Nordeck“ in Allendorf-Lumda ist sie damals zur „Ricarda-Huch-Schule“ gewechselt. „Ich war die klassische Internatsschülerin. Nachts ausbrechen stand bei mir auf der Tagesordnung. Als ich an der neuen Schule war, realisierte ich vier Wochen vor dem Abitur, dass es um etwas geht. Mein Schulleiter Herr Bernhardt verabschiedete mich bei der Zeugnisübergabe mit dem Hinweis, dass ich die Schülerin mit den meisten Fehlstunden in ganz Hessen sei“, lacht sie. Nach dem Abitur absolvierte Paula bis 1995 ein Germanistik Studium an der Justus-Liebig-Universität, mit dem Ziel, Journalistin zu werden. „Ich hätte auch ein Praktikum bei Bundesminister Volker Bouffier in Wiesbaden absolvieren können, aber ich entschied mich für ein Volontariat bei „Gruner und Jahr“.“ Einmal vor der Kamera zu stehen, sei nie ihr Plan gewesen. Ein Interview mit Schauspieler Peter Lohmeyer („Das Wunder von Bern“) verändert damals ihr Leben. „Ich war im Boulevard Journalismus bei der „Hamburger Morgenpost“ tätig und wir sprachen über meine Unzufriedenheit, denn ich merkte, dass der Journalismus doch nicht das Richtige für mich war. Er bot mir kurzerhand eine Stelle in seiner Schauspielagentur an, die er damals neu gründete und machte mir die Filmwelt schmackhaft. Somit studierte ich erneut an einer Abendschule Filmproduktion.“ Während ihrer Arbeit in der Agentur bekam sie eine kleine Rolle als Schauspielerin in einem Werbespot. „Es hat riesigen Spaß gemacht und somit investierte ich das verdiente Geld in Schauspielunterricht an der „New School“ in New York und ging für weitere Kurse nach Kuba an die „Escuela Internacional de Cine y TV“. Als ich nach den Kursen 1999 zurückkam, bekam ich gleich am ersten Abend auf der Berlinale eine Rolle angeboten“. Der Film hieß „Storno“ und wurde in Marburg gedreht.“ Von da an ging es für sie wortwörtlich bergauf, denn es folgt schnell eine Hauptrolle in der ZDF-Serie „Die Bergretter“, wo sie als Hebamme Bea Kleinert wöchentlich mehr als 7,5 Millionen Zuschauer begeistert hat. Sechs Monate im Jahr wurde damals überwiegend in schwindelerregender Höhe in Ramsau am Dachstein (Österreich) gedreht. „Wir hatten meistens einen Höhenunterschied von 2000 Metern. Immer wieder ging es bergauf und bergab. Mal musste ich am Hubschrauber hängen, mal sprang ich hinaus oder drehte in einer Gletscherspalte. Es war mit die anstrengendste, aber dafür auch eine der schönsten Zeiten in meinem Leben“, schwärmt sie. „Ich musste für diese Rolle sehr viel trainieren, da es körperlich sehr anstrengend war und man nicht nur auf den richtigen Text zu achten hat. Wir haben zwar ständig ein riesen Team von Bergrettern an unserer Seite gehabt, aber es hätte bei diesen Höhen bei der kleinsten Unkonzentriertheit sehr schnell gefährlich für uns werden können.“ Für sechs Jahre war sie in der Serie zu sehen und ist der Ramsau am Dachstein bis heute treu geblieben. „Das Haus, in dem ich damals lebte, habe ich noch heute gepachtet und versuche dort, so oft wie es geht, Urlaub zu machen.“

Von den Bergen ging es 2014 nach Hollywood, wo sie unter der Regie von Alan Rickmann („Harry Potter“) an der Seite von Kate Winslet („Titanic“) gedreht hat. Der Film „Die Gärtnerin von Versailles“, eine Inszenierung über Ludwig den XIV, verhalf ihr international einen großen Bekanntheitsgrad zu erlangen. „Ich habe es geliebt. Historische Verfilmungen sind immer etwas Besonderes. Vier Stunden Maske standen jeden Morgen auf der Tagesordnung, denn Barockkostüme sind sehr aufwendig, bis sie sitzen und einmal angezogen, heißt es: Nicht mehr essen und nicht mehr auf Toilette gehen.“ An ersteres hielten sich die beiden Hauptdarstellerinnen jedoch nicht ganz: „Kate und ich haben Schokolade wie Brot gegessen. Das lag aber nur daran, weil sie zu dem Zeitpunkt schwanger war“, lacht Paula.

Gerade hat sie die Dreharbeiten zu der ARD-Serie „Hubert & Staller“ in Bayern beendet. Ein genauer Ausstrahlungstermin steht derzeit noch nicht fest. „Ich spiele dort die Traumfrau von Staller.“ Zahlreiche Filmprojekte stehen in diesem Jahr noch an. „Ich hoffe sehr darauf, dass ich im Sommer wieder mit Til Schweiger drehen darf. Es ist immer wieder schön, mit ihm zusammen zu arbeiten. Ansonsten darf ich leider über die kommenden Projekte noch nichts Genaues verraten. Vielleicht ist aber wieder eine Serie dabei“, schmunzelt sie. Mit Schweiger war sie zuletzt in der Actionkomödie „Hot Dog“ auf der Kinoleinwand zu sehen. In den kommenden Tagen stehen Castings auf dem Programm. „Es ist immer wieder der Horror für mich. Ich bin dann zu nichts zu gebrauchen. Aber zum Glück hilft mir meine Familie vorher beim Textlernen. Mein Mann gibt die besten Tipps, obwohl er überhaupt nichts mit dem Film zu tun hat.“

Zusammen mit ihrer Familie lebt Paula in Hamburg. Rund 20 Jahre ist es her, dass sie Gießen verlassen hat. „Es war einfach eine schöne Zeit. Man muss diese Stadt einfach mal erlebt haben.“ So oft es geht kommt sie in die Heimat, um Freunde zu besuchen und nach stressigen Drehphasen zu entspannen. „Gießen ist mein Anker, hier kann ich zur Ruhe kommen, wenn ich in der Kaplansgasse ein Crépe esse. Seit dem fünften Lebensjahr gehört das Ritual zu meinem Leben. Vor unserem Gespräch musste ich auch als allererstes mit meinen beiden Kindern ein Schokoladen-Crépe essen“, lacht sie. Ihre achtzehnjährige Tochter Romy tritt gerade in ihre Fußstapfen. „Im Sommer dreht sie einen großen Kinofilm. Ob sie wie ich einmal Schauspielerin wird, ist noch unklar, aber eins weiß ich: Wenn sie hier einen Studienplatz annehmen sollte, würde ich nicht weinen. Ich habe immer eine große Herzenswärme in mir, wenn ich hier bin. Ohne meine Zeit in Gießen wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“

Nach knapp zwei Stunden verabschiedeten wir uns – mit der nächsten Verabredung in Hamburg.

Paula Paul

Paula Paul im lässigen Freizeitlook. Foto: Sonja Tobias