Interview des Monats

Heino Ferch im Interview des Monats: „Richter leben nicht ganz ungefährlich“

Morgen Abend wird es spannend im ZDF

Eine gelungene Mischung aus Drama, Crime und an manchen Stellen ein bisschen Thriller – so ist der Fernsehfilm „Der Richter“ in der kommenden Woche mit Heino Ferch (54). Er spielt Dr. Glahn, einen Rechtsanwalt, der durch diverse Umstände in ein moralisches Dilemma gerät. Um das Leben seiner Tochter zu retten, geht er über eine Grenze, die man ihm nicht zugetraut hätte. Wir sprachen in Hamburg über diese besondere Rolle und stellten uns die Frage, ob Richter wirklich so gefährlich leben, wie wir es in dem Film zu sehen bekommen.

 

In ihrem neuen Film verkörpern Sie Richter Dr. Joachim Glahn. Wie intensiv haben Sie sich im Vorfeld über das Berufsfeld zur Vorbereitung informiert?

Ich habe mit verschiedenen Richtern gesprochen und sie zum Beispiel über den Ermessensspielraum befragt. Ich wollte wissen, wie viel persönliche Beurteilung mit einfließen darf. Natürlich fragte ich sie auch, ob sie schon einmal Angst hatten, dass ihnen nach der Urteilsverkündung etwas passieren könnte. Immer wieder sehen wir nach einer Urteilsverkündung in den Medien Richter. Der Name wird eingeblendet und jeder weiß, wie sie heißen. Man denkt sich da schon: Gott sei Dank bin ich nicht derjenige, der das jetzt beurteilen musste.

Während ich den Film sah, fragte ich mich auch des Öfteren, ob es solch eine extreme Situation in der Realität wirklich für Richter gibt? Dass der Richter am Ende selbst bedroht wird.

Richter leben schon nicht ganz ungefährlich, denke ich.

Dr. Glahn ist auf den ersten Blick ein kühler Typ, der das ein oder andere Geheimnis mit sich trägt. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Dr. Glahn ist souverän, manchmal zu souverän. Er ist sehr von sich überzeugt, erfolgreich und auf der Hut. Außerdem durchleuchtet er Hintergründe. Nimmt kein Blatt vor den Mund, gegenüber den richtigen Leuten und den Vertrauten.  Er ist etwa so alt wie ich und verheiratet. Seine erwachsene Tochter befindet sich am Ende des Jurastudiums. Glahn versucht, ihr zu helfen. Denn er hat ganz klare Vorstellungen, was ihre Zukunft angeht. Dies führt zu ein paar Auseinandersetzungen, weil sie ohne Vitamin B auskommen möchte. In seiner Ehe ist die Luft raus und wenn man ihn sich genauer anschaut, steckt er in einer Lebenskrise, würde ich sagen.

Er hält sich sehr an die Rechtsnormen, kommt aber selbst durch diverse Umstände in Schwierigkeiten. Am Ende muss er um das Leben seiner Tochter bangen und alles nimmt eine Wendung, die sich zuvor nicht erahnen lässt.

Ja genau, das Spannende an dem Film ist, dass der Beginn ganz anders ist, als der Schluss. Die Fallhöhe ist sehr groß. Es passieren ein paar Überraschungsaktionen von anderen, was dazu führt, dass sein Leben, seine Familie und seine Existenz bedroht sind. Aus Not macht er Sachen, die ihn vor einer Wand stehen lassen, sodass sein Leben nicht mehr so sein wird, wie es war.

War diese Fallhöhe der Punkt, warum Sie sich nach dem ersten Lesen des Drehbuchs für diesen Film entschieden haben?

Das war der Reiz an der Geschichte. Richter haben eine Position, zu der normalerweise aufgeschaut wird. Macht ist vielleicht das falsche Wort, aber er hat schon eine gewisse Macht, weil er unseren Staat vertritt und Menschen beurteilen muss. Das Ganze wird auf einmal komplett infrage gestellt.

Dr. Glahn geht erhobenen Hauptes mit den Konsequenzen seines falschen Handelns um. Sich nicht entsprechend der Rechtsnormen zu verhalten bedeutet das Aus als Richter.

Ja, er ist erst mal suspendiert und alles wird geprüft. Ich weiß aus den Fachquellen, dass man rehabilitiert werden kann, ich glaube nach zwei Jahren. Trotzdem würde er immer als Richter oben sitzen und es gäbe die Gefahr, dass ein Staatsanwalt einen Antrag wegen Befangenheit stellt: Sie sind doch der, der damals in dieser Situation gewesen ist und können es nicht beurteilen.

Wie haben Sie ihn in der Drehvorbereitung entwickelt?

Ich bin immer ein Freund von wenig demonstrativ „zeigen“ und sich vor allem „verhalten“. Ich lege lieber die Karten Stück für Stück auf den Tisch. Das finde ich persönlich auch immer spannender, wenn ich Filme sehe. Ich mag lieber die Entdecker Position im Film. Diesen Freiraum hat uns das Buch und unser Regisseur Markus Imboden gegeben. Das war sehr schön, denn dadurch konnten wir den Menschen, der sich plötzlich anders verhält als erwartet, ganz langsam aufbauen.

Was war das Schöne an der Rolle für Sie?

Das Schöne und Interessante an der Rolle als Richter war zum Beispiel, dass man einfach zuhören kann, wie sich die Anwälte in die Haare kriegen. Dazu nur ein interessiertes Gesicht machen muss und am Ende einfach sagen kann, wenn sie fertig sind: Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.

Wenn ich mir ihre Filmografie der letzten Jahre anschaue, drehen Sie sehr viel. Wie viel Drehtage haben Sie durchschnittlich im Jahr und wie findet man den Ausgleich?

Das ist unterschiedlich. Ich hatte jetzt eine längere Winterpause und drehe seit Ostern wieder. Meinen Ausgleich finde ich zu Hause bei meiner Familie. Wir leben auf dem Land in Oberbayern. Außerdem habe ich Pferde und spiele Polo.

Fehlt ihnen nach einer langen Drehpause die Kamera?

Ja, nach einer Zeit freut man sich dann doch, wenn es wieder weiter geht. Aber ich hatte letztes Jahr ein unglaublich volles Jahr mit Filmen, die alle ineinander übergingen, und ich dadurch oft kaum einen freien Tag hatte. Das ist dann schon auch ein wenig anstrengend, aber dafür hatte ich jetzt eine schöne Winterpause.

Sie sind damals vom Bremerhaven nach Salzburg gegangen, um zu studieren. Wie war die Ausbildung damals für Sie und wie viel profitieren Sie noch heute von dem erlernten?

Vom Bremerhaven nach Salzburg – das war ein Kulturschock für mich. Ich habe morgens um neun angefangen und bin abends um elf wieder aus der Uni raus. Zwischendurch gab es mal zwei oder drei Stunden Pause und man konnte etwas essen oder ich habe frische Luft geschnappt. Das war ein sehr intensives Studium am „Mozarteum“ mit dreizehn anderen Studenten in meinem Jahrgang, aber einfach eine tolle Zeit. Ständig hatte man Musik um sich rum, da die Studenten überall saßen, um zu proben. In den Studentenbuden gab es deswegen oft Probleme. Aber natürlich war die Zeit auch durch Unsicherheiten geprägt.  Am Anfang freute man sich, dass man unter 1.000 Bewerbern ausgewählt wurde und am Ende wusste man plötzlich nicht, wie es für einen weiter geht. Ich wurde nach meinem Studium zum Glück direkt nach Berlin engagiert, was sehr schön war. Ich profitiere noch von einer Menge aus dieser Zeit an der Schauspielschule.

Würden Sie sagen, es hat heute auch viel mit Glück und nicht nur mit Können zu tun, als Schauspieler arbeiten und davon leben zu können?

Da kommt vieles zusammen: Talent, Glück, Ausdauer. Können muss man was, Charisma hat man oder hat es nicht. Man muss Chancen nutzen, investieren und Sachen machen, wo man auch vielleicht unsicher ist. Und man muss das Händchen haben, Situationen ins positive zu wenden.

Was meinen Sie genau mit „Situationen ins positive wenden“?

Damit meine ich, wenn man zu Castings oder zu einem Vorsprechen geht. Manche können mit Prüfungssituationen schwer umgehen. Mir hat es immer geholfen, wenn ich die Leute persönlich getroffen habe. Man muss sich in dem Moment einfach bewusst machen: Jetzt in den nächsten fünf Minuten geht es um den Job und ich muss alles geben. An sich glauben und an tausend Prozent denken, damit einhundert funktionieren.

Ausdauer haben Sie sehr viel, wenn ich mir die letzten 25 Jahre ihr Schauspieler Daseins genauer anschaue. Bis in die 90er Jahre haben Sie parallel am Theater gespielt und Filme gedreht. Wie kam der endgültige Entschluss, nur noch vor der Kamera zu stehen?

Ich bin 1987 direkt nach dem Studium nach Berlin. Habe dort über sechs Jahre an zwei großen Theatern gespielt. Das Schillertheater, was meine zweite große Heimat in Berlin war, ist nach dem Mauerfall geschlossen worden. Ein paar Jahre war ich dann am Burgtheater in Wien. Meine Theaterproduktionen wurden oft lange gespielt und so hatte ich die Möglichkeit, gleichzeitig viel zu drehen. Es ging dann irgendwann nahtlos über zum Film.

Gab es einen Auslöser, der Sie dazu bewegt hat, Schauspieler zu werden?

Den einen Auslöser gab es nicht. Ich bin mit 15 Jahren als Kunstturner auf die Bühne gekommen. Da hat mich schon relativ schnell die Leidenschaft gepackt – das Fieber, wenn die Bühnenlichter angehen. Das habe ich bis zum Abitur intensiv betrieben und im Theater an vielen Produktionen mitgewirkt. Es kam Ballett dazu, ein paar Sätze hier und ein paar Flicflacs da. Es war schnell klar, dass es auf ein Vorsprechen an einer Schauspielschule hinausläuft (lacht).

Wenn ich Ihnen ein Drehbuch vorlegen würde und Sie unbedingt dafür engagieren möchte. Was muss es beinhalten, damit Sie nicht ablehnen?

Geheimnis, Spannung und es muss mich packen. Wenn die ersten 20 Seiten mich nicht packen, dann wird es mühsam. Es braucht Figuren und Konflikte, die spannend sind. Es darf auch gerne ein historischer Stoff sein. Und dann kommt es natürlich auch noch darauf an, wer es inszeniert und wer noch im Ensemble dabei ist.

Morgen um 20:15 Uhr wird im ZDF der Film „Der Richter“ ausgestrahlt. Der Film ist packend und überraschend von der ersten bis zur letzten Minute.

Heino Ferch in dem Film "Der Richter"

Dr. Joachim Glahn (Heino Ferch) verfolgt aufmerksam die Befragung durch Richter Wollenkamp (Sebastian Urzendowsky) – wie das Urteil aussehen wird, könnt ihr morgen Abend erfahren. Foto: ZDF/ Christoph Holsten

 

Zum Inhalt des Films:

Dr. Joachim Glahn (Heino Ferch), Vorsitzender Richter am Berliner Landgericht, ist bekannt für seinen bedingungslosen Glauben an Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit. Für ihn gibt es keine Grauzone. Auf diesem Weg soll ihm seine Tochter Luise folgen, die erfolgreich ihr Jurastudium absolviert. Die heimliche Affäre mit Gerichtsmedizinerin Michaela Biel hat Glahn gegen seine Gefühle beendet, er will seine Frau Alexandra nicht länger belügen. Doch dann gerät Glahn, der im Gerichtssaal die volle Wahrheit fordert, in ein moralisches Dilemma: Seine Tochter wird entführt und um ihr Leben zu retten, soll er gegen seine Überzeugung den des Mordes angeklagten Holger Wieland (Wolfram Koch) freisprechen. Der Gerichtsprozess bringt Glahns fragile Familienfassade ins Wanken und verlangt ihm eine schwerwiegende Entscheidung ab.