Deutscher Filmpreis

Nominiert für die #lola 2018

 

Ein Film ohne Musik ist für mich wie Fußball ohne Ball – funktioniert nicht. Christoph M. Kaiser (54) und Julian Maas (43) sind in diesem Jahr für den „Deutschen Filmpreis“ in der Kategorie „Beste Filmmusik“ für den Film „3 Tage in Quiberon“ nominiert. Für mich ebenfalls eine sehr gute Leistung ist ihre Musik für den Film „Das schweigende Klassenzimmer“, wofür sie leider nicht nominiert wurden. Im Interview konnte ich herausfinden, wie Filmmusik entsteht und worauf zu achten ist. 

 

Ihr seid bei dem diesjährigen „Deutschen Filmpreis“ in der Kategorie „Beste Filmmusik“ für den Film „3 Tage in Quiberon“ nominiert. Wie entsteht Musik für einen Film?

Julian: Es gibt nicht das eine Rezept, wie Filmmusik komponiert wird. Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Bei einem Kinofilm lesen wir vorab das Drehbuch und entwickeln die Ideen, wenn wir die ersten gedrehten Szenen des Films sehen. Es kann aber auch vorkommen, dass für die Dreharbeiten schon Musik benötigt wird, wenn zum Beispiel eine Szene mit einer Live-Band in dem Film vorkommt. Dann fangen wir schon vor den eigentlichen Dreharbeiten mit dem Komponieren an. Generell ordnen wir uns mit der Musik dem Film unter. Das hat zur Folge, dass wir in relativ unterschiedlichen Stilen komponieren können, weil uns jeder Film eine andere Aufgabe stellt.

Somit ist die Aufgabe des Films der Grund, warum es viele verschiedene Stile der Filmmusik gibt?

Christoph: Stilistisch gibt es diverse Möglichkeiten, wie wir komponieren könnten. Deshalb stellen wir uns vorweg zusammen mit dem Regisseur oder der Regisseurin die Frage: Was erzählt die Musik? Was könnte sie für eine Aufgabe haben? „3 Tage in Quiberon“ zum Beispiel hat eine teils nostalgisch wirkende Musik, weil sie Romy Schneider als Figur in den 70er Jahren heraufbeschwört. „Das schweigende Klassenzimmer“ hat grundsätzlich eher eine zeitlosere, klassische Musik.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, die passende Musik zu finden, wenn man das komplette Filmergebnis noch nicht gesehen hat.

Christoph: Nicht unbedingt. Manchmal bedient der Film ja auch ein gewisses Genre. Wenn es zum Beispiel ein Piratenfilm ist, dann ist es naheliegend, in welche Richtung die Musik geht. Solche Filme haben meistens eine orchestrale Musik mit einem Abenteuer-Aspekt.  Bei einem Gruselfilm wird zum Beispiel eher eine kriechende Klangmusik verwendet, die einem das Unwohlsein bringt. Wir komponieren sehr viel für Erzähl-Filme, die eher realistisch sind und trotzdem eine Dramatisierung über die Musik brauchen. Da gilt es das richtige Mass an Emotionalisierung zu finden.

Julian: Dafür ist „Das schweigende Klassenzimmer“ ein gutes Beispiel. Von der Dramaturgie ist es schon fast eine Abenteuergeschichte. Hier haben wir ein Antagonisten-Thema, das sich in verschiedenen Variationen durch den Film zieht und somit eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt.  

Die Musik fand ich sehr schön und höre ich heute die ersten Töne, habe ich sofort wieder die Filmszenen im Kopf. Dies passiert mir allerdings nur, wenn die Musik optimal zu der Szene passt.

Julian: Musik wird meistens als angenehm empfunden, wenn der Film im Ganzen stark ist. Wenn die Musik eingesetzt wird, damit eine Inszenierung überhaupt funktioniert, empfindet es der Zuschauer meist als unangenehm. Wenn zum Beispiel Emotionen erst durch die Musik entstehen, spricht es nicht unbedingt für einen guten Film. 

In Kinofilmen ist die Musik meistens mächtiger, als in einem klassischen Fernsehfilm. Wie lange benötigt ihr im Durchschnitt für das Komponieren?

Christoph: Für unseren vorherigen Film „Das schweigende Klassenzimmer“ haben wir drei bis vier Monate gebraucht. Bei „3 Tage in Quiberon“ war es ein halbes Jahr. Es kommt immer auf den Film an. Kinofilme benötigen generell mehr Zeit. Allein durch die Grösse des Raumes und auch weil der gesamte Ton ja in Dolby Surround präsentiert wird, muss die Musik aufwändiger produziert werden. Für unseren letzten Fernsehfilm brauchten wir nur einen Monat.

Julian: Dazu muss man sagen, dass die Musik für diesen Fernsehfilm rein elektronisch produziert ist. Da fällt die ganze Phase der Orchestrierung weg. Partituren, Dirigenten einweisen und die Aufnahmen. Wenn man die Musik nur mit Samplern und Synthesizern lösen kann, fallen diverse zeitaufwändige Arbeitsprozesse weg.

Wenn ihr mit einem Orchester arbeitet, wie dürfen wir uns das vorstellen? Habt ihr ein komplettes Orchester im Studio?

Christoph: Das gibt es auch, aber dafür reicht leider selten das Budget oder es gibt nicht ausreichend Zeit. In diesem Fall nehmen wir kleinere Gruppen getrennt auf. Ein Orchester besteht aus verschiedenen Schichten. Bei den Streichern zum Beispiel befinden sich oben die Geigen, in der Mitte die Bratschen, darunter die Celli und ganz unten die Kontrabässe. Wenn wir die getrennt aufgenommenen Instrumentengruppen am Ende zusammenfügen, ergibt sich wieder ein Gesamtbild.

Oftmals kommt es mir vor, dass bei manchen Verfilmungen die Musik nicht ganz optimal zu der Szene passt. Wie viel Einfluss habt ihr bei der Produktion?

Christoph: Mitspracherecht haben wir während des ganzen Entstehungsprozesses. Wir legen zusammen mit dem Regisseur fest, wo die Musik im Film vorkommt und was sie in der Szene erzielen soll. Bei einem fertigen Film achten wir sehr genau darauf, dass die Musik mit der Szene stimmig ist. Deshalb nehmen wir auch regelmäßig an den ersten Screenings in Kinos teil, um zu prüfen, ob die Musik die richtige Energie hat oder vielleicht sogar zu viel vorwegnimmt.

Julian: Das ist immer sehr lehrreich für uns. Im Studio wirkt die Musik ziemlich anders, als im Kino, wenn man mit mehreren Leuten den Film sieht.

Ein Film ohne Musik ist für mich wie Fußball ohne Ball – funktioniert nicht. Was bedeutet euch die Filmmusik?

Julian: Ist für mich der Ort, in dem ich mich kreativ betätigen darf. Sie hat für mich sehr viel Lebensinhalt.  

Christoph: Das Spannende bei der Filmmusik ist, dass die Musik in einem Kontext einer Erzählung jedes Mal neu zu finden ist. Es geht um die Geschichte und die Musik ist ein wichtiger Teil davon. Das interessiert mich mehr, als ein Soloalbum mit zwölf Liedern einzuspielen.

Am Freitag, den 27. April 2018 entscheidet sich, ob die beiden Komponisten eine der begehrten Lolas erhalten. Das Erste überträgt die Preisverleihung ab 22:00 Uhr.

Christoph M. Kaiser und Julian Maas

Christoph M. Kaiser (links) und Julian Maas (rechts) sind in der Kategorie „Beste Filmmusik“ nominiert. Am Freitag erfahren wir, ob sie eine der begehrten Lolas mit nach Hause nehmen dürfen. Foto: Antonia Gern