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„Deutscher Filmpreis“ nominierter Szenenbildner – Erwin Prib: „Digitalisierung ist eine riesige Chance“

Deutscher Filmpreis

Zwei Mal nominiert für „Bestes Szenenbild“

 

Die Chance, dass Erwin Prib (40) am Freitag eine der begehrten Lolas in der Kategorie Szenenbild erhält, ist relativ groß. Denn zwei von drei Nominierungen gehen in diesem Jahr an ihn für „Manifesto“ und „Jugend ohne Gott“. Ich durfte vorab ein paar kleine Einblicke in seine Arbeit bekommen, welche je nach gewünschtem Szenenbild jede Menge Körpereinsatz erfordert.

 

Du bist in diesem Jahr für das Szenenbild in „Manifesto“ und „Jugend ohne Gott“ nominiert. Zwei komplett unterschiedliche Verfilmungen. Wie entwickelst du generell ein Szenenbild?

Das ist sehr stark projektabhängig. Zuerst lese ich das Drehbuch und entwickle die ersten Ideen. Das sind die schönsten Wochen meiner Arbeit, da ich in Ruhe recherchieren kann. Bei historischen Verfilmungen zum Beispiel gehe ich dazu in eine Bibliothek und suche mir die benötigten Informationen aus Büchern heraus. Ich schaue mir auch viele mögliche Motive an, um einen Eindruck zu bekommen, ob man direkt vor Ort drehen kann. Ist dies nicht möglich, muss ich es unter Umständen im Studio nachbauen. Ich habe zum Beispiel mal ein Szenenbild erstellt, was in der Kanalisation spielte. Dazu durfte ich in eine Kanalisation absteigen und mir alles genau anschauen.

Das hört sich abenteuerlich an.

Ja, mit einem Schutzanzug in die Kanalisation abzusteigen und durch die Kloake zu laufen, ist schon besonders (lacht). Am Ende stellte ich fest, dass man alles bauen muss und nicht direkt vor Ort drehen kann. Womit ich aber schon rechnete.

Hast du mittels Fotografie alles genau festgehalten, um es später nachbauen zu können?

Ich hatte eine Kamera dabei und filmte es ab. So hat man für den Entwurf schon mal eine genauere Referenz.

Wenn du ein Szenenbild entwirfst, baust du vorab ein Modell, um es dem Regisseur besser veranschaulichen zu können?

Ganz unterschiedlich. Ich zeichne und konzipiere sehr viel digital, baue auch 3D Modelle im Rechner. Manchmal baue ich auch Modelle aus Pappe, vor allem wenn es um einen Studiobau geht. Bei den meisten deutschen Filmproduktionen wird allerdings versucht, aufgrund des knappen Budgets, on location zu drehen und sehr wenig zu bauen.

Wie sieht dieser Arbeitsschritt genau aus?

In der ersten Phase suche ich zusammen mit Location Scouts die verschiedenen Motive, welche in der Umsetzung funktionieren könnten. Das können Häuser, Landschaften oder ähnliches sein. Dann erstelle ich ein Ranking von den gefundenen Locations, welches ich im Anschluss dem Regisseur präsentiere. Im zweiten Schritt gehe ich zusammen mit dem Regisseur und dem Kameramann vor Ort die einzelnen Locations durch, welche in die engere Wahl kamen. Zusammen im Team entscheiden wir, wo gedreht wird und was gegebenenfalls von mir noch gebaut werden muss, falls etwas fehlt.

Welche Themen lassen sich on location sehr schlecht herstellen?

Gerade arbeite ich an einem Film, welcher überwiegend in einem Bunker spielt. Die Geschichte ist ein bisschen WikiLeaks angehaucht und ein Mann wird in einem bunkerartigen Computerlabor gezeigt. Diese Kombination von Bunker und Computerlabor on location umzusetzen, wird sehr schwierig werden. Wir haben zwar etwas gefunden was passen könnte, aber ich muss trotzdem sehr viel dazu bauen, damit es stimmig ist.

Manche Regisseure legen nicht viel Wert auf Kleinigkeiten, was dem Zuschauer sofort ins Auge fällt. Sei es nur die Wandfarbe, die nicht stimmig ist. Manchmal hat man auch das Gefühl, dass die Schauspieler sich plötzlich komplett anders in diesen Szenen verhalten. Wie gehst du vor, wenn ein Regisseur nicht auf Kleinigkeiten achten möchte, weil er der Annahme ist das es dem Zuschauer nicht auffällt?

Man muss sich seine Kämpfe aussuchen (lacht). In diesem Fall schaue ich, was die Seele des Szenenbildes ist. Wenn wir zum Beispiel ein Straßenbild nehmen, wo nur ein halber Tag gedreht wird und ich bin partout der Meinung, das Filmen in die andere Richtung wäre besser, würde ich mich weniger für einsetzen. Am Ende ist davon nicht viel zu sehen im Film. Viel mehr setze ich mich für einen zwei wöchigen Dreh in einer Villa ein, da es viel mehr Präsenz am Ende im Film hat. Allerdings muss man natürlich auch schauen, was habe ich für eine Verfilmung. Ist sie stark visuell, kämpfe ich minutiös um alles. Mein Wunsch ist es, immer alles zu einer glücklichen Synthese zu führen.

Oftmals wird heute das Szenenbild digital mittels Bluescreen oder Greenscreen ergänzt. Siehst du die Neuerung der Technik ein Vorteil oder ist es eher nachteilig für deine Arbeit?

Ich sage immer: Das, was am Computer passiert, ist meine digitale Baubühne. Das, was ich aufgrund eines begrenzten Budgets oder einer fehlenden Gegebenheit nicht real umsetzen kann, kann mir die digitale Technik ergänzen. Für mich ist es eine riesige Chance und es ist wichtig, dass wir als Gewerk sie auch als solche begreifen. Wenn ich einen Entwurf anfertige, sehe ich oftmals, bis wohin ich bauen kann und der Rest wird in der Postproduktion erstellt. Bei „Jugend ohne Gott“ ist zum Beispiel die Schlussszene auf diesem Weg entstanden. Emilia Schüle und Jannis Niewöhner laufen aus dem Gefängnis Händchen haltend heraus. Links neben ihnen ist das Gefängnis zu sehen und rechts neben ihnen ein riesiger Windpark. Es sollte den Kampf gegen die Windmühlen darstellen. Dort, wo im Film der Windpark zu sehen ist, steht in der Realität eine Wohnsiedlung.

Wie lange hast du am Szenebild für „Jugend ohne Gott“ gearbeitet?

Fast 5 Monate, was für einen futuristischen oder historischen Film recht kurz ist. Die Kollegen bei den großen amerikanischen Verfilmungen, wie zum Beispiel bei „Harry Potter“, arbeiten manchmal über Jahre am Szenenbild.

Zum Abschluss verrate mir noch eins: Tut es nicht weh, wenn am Ende Bauten abgerissen werden, welche man erschaffen hat?

Nein, es geht. Aber da ich auch ein sehr nachhaltiger Mensch bin, versuche ich, die Bauten zu recyclen. Das Camp von „Jugend ohne Gott“ ging an ein polnisches Musikfestival und konnte so wiederverwendet werden. Toll, wenn so etwas dann klappt.

Erwin Prib studierte Architektur und gelang durch ein Praktikum zum Szenenbild. Am Freitag erfahren wir, ob er eine der begehrten Lolas für seine herausragende Arbeit erhält. Nominiert ist er für das „Beste Szenenbild“ in:

„Manifesto“:

Einer deutsch-australischen Filminstallation, welche 2015 von Julian Rosefeldt inszeniert wurde. Der Film vereint Zitate aus verschiedenen Kunstmanifesten und besteht aus zwölf miteinander in Beziehung stehenden Geschichten. Cate Blanchett verkörpert darin dreizehn verschiedene Rollen.

„Jugend ohne Gott“:

Ist ein deutsches Filmdrama, welches von Alain Gsponer auf Basis des gleichnamigen Romans von Ödön von Horváth basiert. Es geht um eine Gruppe Jugendlicher, welche aus gutem Hause stammen. Sie erhoffen sich durch die Teilnahme an einem Assessment-Camp einen Platz an einer der begehrten Rowald-Universitäten zu erlangen. In den Hauptrollen sind Jannis Niewöhner und Emilia Schüle zu sehen.

Das Erste zeigt am 27. April 2018 um 22:00 Uhr die Verleihung aus dem Palais im Berliner Funkturm. Dann werden wir erfahren, ob Erwin Prib eine der begehrten Lolas mit nach Hause nehmen darf.

Szenenbildner Erwin Prib

Erwin Prib fertigte bereits für zahlreiche Filme das Szenenbild an. Ihm ist es wichtig, dass es später für einen anderen Anlass wiederwverwendet werden kann. Sofern dies möglich ist. Foto: Anna Prib

 

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