„Ich werde nicht schweigen“ – packendes Drama im ZDF

 

Margarete Oelkers gehört zu den Kriegswitwen, welche bis heute allen Freigeistern ein Denkmal setzt. 1950 kämpft sie verzweifelt, denn Ihre kleine Witwenrente bleibt ihr verwehrt. Sie schlägt sich mit Näharbeiten durchs Leben, um ihre beiden Kinder zu ernähren. Als sie den Behörden vermehrt Widerstand leistet, wird sie aufgrund einer angeblichen Schizophrenie in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingewiesen. Dort erlebt sie, wie Menschen auf brutalste Art und Weise ums Leben kommen. Ein Film, der auf wahren Begebenheiten beruht. Nadja Uhl (45) verkörpert Margarete Oelkers einzigartig und sensibilisiert uns für ein fast vergessenes Thema: Die Euthanasie an Menschen. Wir sprachen in Hamburg über die Dreharbeiten und die unmenschlichen Bedingungen unserer Kriegs- und Nachkriegszeit.

 

Welch absurde Geschichte Margarete Oelkers widerfahren ist. Sie kämpfte für ihr Recht und weil es den Behörden zuwider war, wurde ihr eine Schizophrenie attestiert. Mit der Folge: Ein Jahr Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. Nach der ersten Sichtung hat der Film mich mehr als fünf Tage beschäftigt. Traurig und einfach nur grausam, was ihr widerfahren ist. Wie erging es dir, als du zum ersten Mal das Drehbuch gelesen hast?

Ich bin zuerst eher sachlich an das Buch gegangen. Dann habe ich mich aufmerksamer dem Thema gewidmet, was aufgrund der Schwere erst einmal bewältigt werden muss. Ich hatte vorher schon eine Lesung auf einem Ärztekongress in Potsdam zu den „T4- Programmen“ gehalten. Es steht für „Tiergartenstraße 4“, wo damals Euthanasie an Kindern geplant wurde. Somit war ich mit dem Thema vertraut. Hatte aber insgeheim gehofft, dass ich meinen Beitrag zur Aufklärung damit geleistet habe und mit diesen grausamen Dingen abschließen kann.

Anscheint wurdest du wieder auserwählt. Ein bisher sehr unbekanntes Thema, die Euthanasie in Form des Aushungerns, den Menschen näher zu bringen. Margarete Oelkers kam diesen Maßnahmen in der Klinik Wehnen auf die Spur.  

Ich schloss das eine Thema gerade ab und dann kam das Buch von Regisseurin Esther Gronenborn. Ich habe mich zunächst etwas gesträubt.

Was war für dich der Aspekt, dich wieder auf solch ein schweres Thema einzulassen?

Ich traf mich mit Esther und ihrem Co-Drehbuchautor Sönke Lars Neuwöhner. Mir lagen ein paar Fragen auf dem Herzen und ich hatte Anregungen, welche sie sehr schnell umsetzten. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, was sehr förderlich für den Vertrauensprozess und maßgeblich für die ganze Arbeit war. Esthers Geschichte berührte mich sehr.

Sahst du in deiner Rolle die Möglichkeit, etwas bewegen zu können?

Ich sah bei all dieser ganzen Tragik die Möglichkeit, allen Freigeistern und Menschen die unbequem für andere waren, nur weil sie ihr Recht einfordern, ein Denkmal mit meiner Rolle zu setzen. Margarete war eine Frau von nebenan und wurde zur Außenseiterin, weil sie auf ihre kleine Witwenrente bestand. Sie ist symbolisch für alle Menschen, welche gegen Ungerechtigkeit aufbegehren und sich trauen, gegen den Strom zu schwimmen, wenn sie für Gerechtigkeit stehen. Das war für mich eine große Motivation und eine Herzensangelegenheit, den Film zu drehen.

Es gab einige Szenen, wo mir als Zuschauer die ein oder andere Träne kam. Wie motivierst du dich, solche emotionalen Szenen über den langen Zeitraum der Dreharbeiten durchzuhalten?

Ich stellte mir vor, wie Margarete sich gefühlt haben muss, als Mutter zweier Kinder im Recht zu sein. Alle sagen, du bist es nicht. Du bist an Leib und Leben bedroht und darfst deine Kinder nicht mehr sehen. Diese Entmündigung und diesen Ohnmachtszustand fand ich traumatisch. Ich konnte dieses Unrecht im Nachhinein mit meiner Arbeit würdigen. Zum Glück haben wir mit der Kunst des Films die Möglichkeit dazu. Tom Buhrow hat einmal in den Nachrichten gesagt, dass jede achte Familie von den Folgen der Euthanasie betroffen ist. Mit einem Film können wir Menschen dazu verführen, sich diesem unangenehmen Thema zu stellen. Ein wichtiger Auftrag der Filmkunst ist es auch, einen Finger in Wunden zu legen. Betroffene Seelen können dadurch vielleicht nach all den Jahren von ihrem Leiden befreit werden. Sie sehen es und sprechen hoffentlich in der Familie darüber. Viel zu oft wird einfach nur geschwiegen.

Das stimmt. Oftmals wird das Erlebte der Kriegs- oder Nachkriegszeit totgeschwiegen. Manchmal ist Schweigen Gold, aber in solchen Fällen eher nur ein Nachteil, finde ich.

Das finde ich auch. In diesem Schweigen rumoren der Konflikt und die Tragödie über Generationen weiter. Diese alten Wunden können nur heilen, wenn Schuld und Sühne im richtigen Maß zum Tragen kommen. Der erste Schritt ist das Hinsehen, dann kommt das Benennen. Die Euthanasie-Opfer wurden bis heute nicht so oft zum Thema gemacht.

Bis heute wurden auch die Verantwortlichen der damaligen Euthanasiemaßnahmen in Wehnen nicht zur Rechenschaft gezogen. Wie denkst du darüber?

Wehnen hat das Geschehene mit einer Gedenkstätte aufgearbeitet. Das eigentlich Verrückte für mich ist aber, dass alles unter dem Deckmantel gesellschaftlicher Normen als medizinische Notwendigkeit gesehen wurde. Das ist für mich ein gespenstischer Gedanke.

Was war für dich das Bewegendste am Dreh?

Es gab für mich einen Moment bei den Dreharbeiten, den ich glaube vermutlich nie vergessen werde. Wir drehten an einem heißen Sommertag in einem sehr schönen friedlichen tschechischen Städtchen. Durch die Hitze hatte alles einen gewissen Zauber und eine Magie. Irgendwie spürte man aber, dass auch etwas Bedrückendes in der Luft lag. Ich konnte es mir nicht erklären und fragte beim Team, ob sie auch so eine seltsame Traurigkeit empfinden. Esther Gronenborn schaute mich an und sagte: Ich wollte es dir eigentlich erst später sagen, aber wir drehen gerade in Theresienstadt.

Der Ort, wo damals im Konzentrationslager zahlreiche Juden ums Leben kamen. Unglaublich, dass du das gespürt hast.

Ja, alle! In Drehabläufen ist man immer in einem Funktionsmodus und schaut nicht auf das Ortsschild. Aber in dieser ganzen Schönheit empfand ich eine so tiefe Traurigkeit, die ich mir einfach nicht erklären konnte. Das war für mich der intensivste Moment des Drehs. Nach diesem Drehtag bin ich sehr nachdenklich ins Hotel gefahren. Ich sprach mit meinem Mann darüber. Wir beschlossen, dass wir noch einmal nach Theresienstadt fahren. Es war mir ein Bedürfnis, mich noch einmal auf meine Art den dortigen Gegebenheiten zu stellen.

Welche Szenen wurden dort gedreht?

Es ist zum einen die Szene, wo Margaretes Vertraute Antje Eversen, aus dem Laden ihres Vaters kommt. Sie geht zu ihr, um Margarete Kraft zu geben, weil sie zu einer Nachuntersuchung nach Wehnen muss. Es entscheidet sich, ob sie ihre Kinder wiederbekommen kann. Zum anderen wurden auch dort die ganzen Szenen gedreht, welche Margarete im Gespräch mit Otto zeigen. Er war Pfleger in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und schildert ihr die dortigen Vorfälle an der schönen Flusspromenade im Mondschein. Sie erfährt in diesem Moment, dass viele der Patienten mittels der Euthanasiemaßnahme des Aushungerns ums Leben kamen. Nach und nach wurden den Patienten die Kalorien reduziert, bis sie letztendlich verstarben.

An die Szene mit Antje kann ich mich noch ganz genau erinnern, für mich ein unfassbar ergreifender Moment. Sie bekam den Umgang von ihrem Vater mit Margarete strengstens verboten, weil sie angeblich verrückt ist. Dann geht dieses junge Mädchen mit einer Selbstverständlichkeit auf sie zu. Egal, was ihr Vater sagt, der es durch das Schaufenster im Laden sah. Wie schaffst du den Ausgleich nach solch berührenden Drehs?

Ich gehe nach Hause in die Stille. Das ist am Set ganz genauso. Ich spiele es und ziehe mich ein wenig zurück.

 

Am Montag, den 07. Mai 2018 wird der Film „Ich werde nicht schweigen“ um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Die Verfilmung von Regisseurin Esther Gronenborn, ist ein perfektes Beispiel was wir mit einer Verfilmung erreichen können – Packen, aufwecken, aufklären, für ein Thema sensibilisieren. Uns dazu zwingen, einer Wahrheit zu stellen, auch wenn sie grausam ist. Es ist eine Inszenierung, welche ein Denkmal für alle Euthanasie-Opfer setzt und ist alleine deshalb schon sehenswert.

Nadja Uhl und Katja Flint in "Ich werde nicht schweigen"

Margarete Oelkers (Nadja Uhl, links) kämpft unentwegt um ihre kleine Kriegswitwenrente. Um ihre Kinder zu ernähren hält sie sich mit Näharbeiten über Wasser. Eine ihrer Stammkundinnen ist die Gattin ihres Amtsarztes Dr. Ahrens (Katja Flint, rechts).  Foto: ZDF/Václav Sadilek

Nadja Uhl in "Ich werde nicht schweigen"

Voller Erschöpfung kämpft sie für ein Gespräch mit Amtsarzt Dr. Ahrens auf dem Gesundheitsamt. Dieser verwehrt ihr den Zutritt trotz vorheriger Zusage und es kommt zum Eklat. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Nadja Uhl in "Ich werde nicht schweigen"

Dr. Ahrens attestiert ihr die Diagnose Schizophrenie und lässt sie in die Heil- und Pflegeanstalt nach Wehnen einweisen. Er hat mitbekommen, dass sie ein wohl gehüttetes Geheimnis kennt. Während ihres Klinikaufenthalts kommt Margarete (Nadja Uhl) den Euthanasiemaßnahmen auf die Spur. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Nadja Uhl und Janina Fautz in "Ich werde nicht schweigen"

Zwei die sich durch ein gemeinsames Schicksal gefunden haben. Antjes (Janina Fautz, links) Mutter wurde ebenfalls in der Klinik Wehnen behandelt – doch sie verstarb während ihres dortigen Aufenthalts. Margarete (Nadja Uhl, rechts) hat herausgefunden, dass sie ebenfalls mittels der Euthanasiemaßnahme des Aushungerns umgebracht wurde. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Nadja Uhl und Rudolf Kowalski in "Ich werde nicht schweigen"

Eine Mutige Frau – Margarete (Nadja Uhl, links) erinnert in einem Gespräch ihren Amtsarzt Dr. Ahrens (Rudolf Kowalski, rechts) daran, welche grausamen Taten in Wehnen passieren. Sie fordert, dass er ihr attestiert eine falsche Diagnose gestellt zu haben, damit sie ihre Kinder wieder bekommt, welche ihr vor dem Aufenthalt weggenommen wurden. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Janina Fautz und Nadja Uhl in "Ich werde nicht schweigen"

Antje (Janina Fautz, links) gedenkt mit Margarete (Nadja Uhl, rechts) ihrer verstorbenen Mutter am Grab in der Klinik Wehnen. Beide konnten ihren langersehnten Frieden finden. Foto: ZDF/Václav Sadilek

 

Heil- und Pflegeanstalt Wehnen

Die Heil- und Pflegeanstalt in Wehnen bei Oldenburg, ist eine psychiatrische Einrichtung in der Schätzungsweise etwa 1.500 Patienten während des Dritten Reiches gezielt getötet wurden. Die Euthanasiemaßnahme erfolgte überwiegend in der Form des Aushungerns, aber teilweise auch durch Medikamentenmissbrauch. Grund für diese Maßnahmen war, die Überbelegung ab 1939. Von möglichen 400 Patienten, mussten sie in der Klinik 1.200 versorgen.

Der Verein „Gedenkstätte Wehnen e.v.“ sorgt für die Aufarbeitung der Geschehnisse. Für weitere Infos könnt ihr euch gerne hier ein Überblick verschaffen und auf Wunsch auch einen Besichtigungstermin vereinbaren: http://gedenkkreis.de/

"Alte Pathalogie" der Gedenkstätte in Wehnen

Die „Alte Pathologie“ in Wehnen ist weitestgehend erhalten. Foto: Gedenkstätte Wehnen e.v.

 

 

Gedenksätte in Wehnen

 

Auch das Massengrab ist frei zugägnlich. Ein Stein erinnert an das Geschehene. Foto: Gedenkstätte Wehnen e.v.

 

 

Gedenkstätte Wehnen

 

Ein Meer aus Steinen – jeder Stein erinnert an ein Opfer. Foto: Gedenkstätte Wehnen e.v.