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„Ich werde nicht schweigen“: Ein Denkmal für alle Euthanasie-Opfer


Esther Gronenborn zeigt grandiose Verfilmung

 

Manchmal sind es die kuriosesten Momente eines Filmemachers, die den Stoff für eine neue Inszenierung liefern. So war es auch bei Regisseurin Esther Gronenborn („Die Vergeltung“), welche durch eine Hypnosetherapie auf ein unbearbeitetes Thema ihrer Familiengeschichte stieß. Heraus kam eine grandiose Verfilmung, welche ein Denkmal für alle Euthanasie-Opfer der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte setzt.

 

„Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.“ Ein Zitat von Schriftsteller Martin Kessel, welches nicht besser auf den Film „Ich werde nicht schweigen“ von Regisseurin Esther Gronenborn passen könnte. Während einer Hypnosetherapie stieß sie auf ein unbearbeitetes Thema ihrer Familie. „Ich sah plötzlich meinen circa acht Jahre alten Vater in der Ecke eines Raumes sitzen, bitter am Weinen und konnte es mir nicht erklären. Ich erzählte ihm, was ich gesehen habe und er konnte sich daran erinnern, dass seine Mutter Margarete damals überfallartig vom Militär abtransportiert wurde.“ Da für alle Beteiligten die Situation unklar erschien, recherchierte Gronenborn in alten Briefen ihrer Großmutter. „Vermehrt stieß ich auf den Namen Dr. Jacobs in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen, wo sie zur Behandlung nach dem Abtransport eingeliefert wurde. Als ich im Internet den gleichen Namen entdeckte, welcher vermehrt mit Nazi-Verbrechen in Verbindung gebracht wurde, ahnte ich schon etwas.“ Daraufhin kontaktierte sie Dr. Harms, welcher als Historiker die Gedenkstätte in Wehnen leitet. „Ich wollte herausfinden, ob es die gleiche Person ist – er bestätigte mir dies.“ Gronenborn stieß auf eines der zahlreichen Verbrechen der Kriegs- und Nachkriegszeit und konnte die Ungereimtheiten der Vergangenheit auflösen. „Er berichtete mir, dass in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen auch noch nach Kriegsende Menschen mittels der Euthanasie-Methode des Aushungers ermordet wurden. Absichtlich seien die Kalorien bei vielen Patienten reduziert worden – bis sie verstarben.“ Dieses wohlgehütete Geheimnis wurde erst 1996, also rund 50 Jahre nach Beendigung der Maßnahmen, von Dr. Harms entdeckt. „Meine Großmutter hat es selbst 1950 miterleben müssen, als sie ein Jahr in der Anstalt verbrachte. Ich wollte über die Opfer und vor allem auch über meine Großmutter erzählen – ein Denkmal für alle Opfer setzen.“ Es ist eine Lebensgeschichte, die das Herz berührt und zeigt, was wir für großartige und starke Frauen in der Nachkriegszeit in unserem Land hatten. „Meine Großmutter Margarete Oelkers musste damals alleine für ihre beiden Kinder sorgen. Sie kämpfte lange um ihre Witwenrente, was den Behörden zuwider war. Nur, weil sie sich nicht mit der Situation zufriedengab und unermüdlich für ihr Recht kämpfte, wurde sie vom Amtsarzt des Gesundheitsamtes in die Anstalt Wehnen Zwangs eingewiesen. Schizophrenie hieß es.“ Es klingt nach einer Intrige. Doch es ist die bittere Wahrheit und beweist wieder einmal mehr, welch langen Arm der Krieg hat.

In den Hauptrollen sind Nadja Uhl als Margarete Oelkers und Rudolf Kowalski als Amtsarzt Dr. Ahrens zu sehen. Der Schauspieler ist entsetzt über „diese totale Abwesenheit von Schuld sein“, wie er es bezeichnet. „Diese Wahrheit von damals teilen zu können, hat mich gereizt, diesen Film zu drehen.“ Nadja Uhl sieht in dem Film eine große Chance: „Tom Buhrow hat einmal in den Nachrichten gesagt, dass jede achte Familie unter den Folgen von alten Nazi-Verbrechen leidet. Für uns ist es die Chance, mit der Kunst des Films alte Wunden zu heilen. Der erste Schritt eines Heilungsprozesses ist das Sehen, dann folgt das Benennen und sich zum Schluss damit auseinanderzusetzen. Einen Finger in Wunden zu legen, ist auch ein wichtiger filmischer Auftrag.“

 

Am kommenden Montag wird „Ich werde nicht schweigen“ um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Für mich ist er das klassische Beispiel, was wir mit einem Film alles erreichen können: Aufklären, wachrütteln, verstehen, Aufmerksamkeit erregen und dadurch etwas bewegen. Die Inszenierung setzt ein Denkmal für alle Euthanasie-Opfer und ist aus diesem Grund schon sehenswert.

Nadja Uhl und Rudolf Kowalski in "Ich werde nicht schweigen"

Nadja Uhl (links) und Rudolf Kowalski (rechts) zeigen eine grandiose schauspielerische Leistung. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Nadja Uhl in "Ich werde nicht schweigen"

Dafür ging Nadja Uhl bis an ihre körperlichen Grenzen. Foto: ZDF/Václav Sadilek

Janina Fautz und Nadja Uhl in "Ich werde nicht schweigen"

Ebenfalls im Cast ist Janina Fautz (links), welche die Verbündete von Margarete Oelkers verkörpert. Foto: ZDF/Václav Sadilek

 

Im bewegenden Interview des Monats gibt euch Nadja Uhl Einblicke in die Dreharbeiten und ihr könnt mehr über die Heil- und Pflegeanstalt in Wehnen erfahren. Das Interview findet ihr hier.