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#throwback mit Tim Wilde: „Wir konnten unseren Platz in der DDR nicht finden“

Erinnerungen an eine dramatische DDR Flucht

Tim Wilde (52) gehört seit rund 20 Jahren zum deutschen Schauspiel-Ensemble. Was viele nicht wissen. Er hat eine packende Lebensgeschichte, die sich durchaus für ein Drama auf der Leinwand eignen würde. In einem langen Gespräch in Berlin sprachen wir über seine zahlreichen Fluchtversuche aus der DDR.

 

Im nächsten Jahr ist es 30 Jahre her, dass die Mauer der DDR (Deutsche Demokratische Republik) fiel. Es war ein Land voller Zwänge, Einschränkungen und Aussichtslosigkeit. Tim Wilde gehörte zu den Personen, welche den Mut hatten, sich den damaligen Bedingungen zu widersetzen und zu fliehen. „Ich hatte schon immer das Bedürfnis, zu fliehen. Als ich damals in Rügen lebte, blickte ich immer der Fähre nach Schweden hinterher und wollte unbedingt mit ihr in das nicht sozialistische Ausland flüchten.“ Ein Plan, der für ihn nicht zu realisieren war. „Da ich ein guter Schwimmer war, kam ich deshalb irgendwann auf die Idee, in die Freiheit zu schwimmen. Aber mir fehlte die Ausrüstung dazu.“ Die Not machte erfinderisch und Wilde strebte mit 19 Jahren seinen Wehrdienst bei den Kampfschwimmern an. „Sie besaßen Kreislauftauchgeräte, welche ein blasenfreies Tauchen in zehn Metern Tiefe für 30 Minuten ermöglichte.“ Diese Zeit hätte gereicht, um problemlos unbemerkt durch die Spree zu tauchen. Der Schauspieler wurde am Ende seiner Grundausbildung jedoch zu den Marinetauchern versetzt. „Ich gehörte leider nicht zu den Besten. Wir hatten die Aufgabe Boote, zu reparieren und tauchten mit einem Helmschlauchtauchgerät, welches für einen Fluchtversuch ungeeignet war. Trotz allem verfolgte ich weiterhin meinen Ausreisegedanken.“ Zusammen mit seinem besten Freund sollte die Flucht in ein besseres Leben gelingen. Eines ohne Grenzen und Einschränkungen. „Ich stahl dem Unteroffizier die Schlüssel, schlich mich bei Nacht und Nebel in die Kaserne und versteckte meine Tauchausrüstung für leichte Taucheinsätze.“ Im Anschluss besuchte Wilde daraufhin seinen Freund Rainer Gotzmann im Grenzgebiet in Berlin, um alle weiteren Details zu besprechen. „Als ich zurückkam, erlebte ich die Überraschung. Man hatte meine Ausrüstung gefunden und sie zählten natürlich eins und eins zusammen. Versteckte Ausrüstung und Besuch im Grenzgebiet – Republikflucht.“ Es folgten daraufhin fünf Tage Bunker-Aufenthalt. Eine Zelle, wo die Dienenden kurzzeitig inhaftiert wurden, um über ihre Missachtungen der Dienstanweisungen nachzudenken. Währenddessen liefen die Ermittlungen gegen ihn weiter und die Stasi verhörte seinen Freund. „Als ich aus dem Bunker kam, wurde ich von zwei Stasi Beamten mit Maschinengewehren empfangen. Sie sagten nur: Bei Fluchtversuch wird geschossen. “

Tim Wilde tauchte einst mit einem Helmtauchschlauchgerät

Mit solch einem Helmtauchschlauchgerät tauchte damals Tim Wilde bei der Marine. Foto: Tim Wilde/Privat

Stasi-Gefängnis Rostock

Der Schauspieler wurde daraufhin im Stasi-Gefängnis Rostock inhaftiert. „Es folgte eine Vernehmung nach der anderen. Rainer sagte zum Glück das Gleiche aus wie ich. Dass wir nur im wunderschönen Grenzgebiet spazieren waren. Die Offiziere glaubten mir natürlich nicht, denn wer geht schon gerne an einer hohen Betonmauer spazieren?“ Gemeinsam wollten die Freunde an dem Tag eine Stelle suchen, wo sie am besten durchtauchen konnten. „Wir waren mit unseren 19 Jahren nicht wirklich die Allerhellsten.  Rainer konnte nicht einmal tauchen. Das, was ich in einem Jahr erlernt hatte, hätte ich ihm innerhalb weniger Minuten beibringen müssen. Das war nicht wirklich ein guter Plan.“ Die Situation in der DDR trieb viele zur Flucht. Egal wie, Hauptsache raus aus dem Land. Allein im Rostocker Stasi-Gefängnis durchlebten von 1960 bis 1989 rund 4.900 Untersuchungshäftlinge leidvolle Wochen und Monate. Die meisten von ihnen wurden aufgrund versuchter Republikflucht inhaftiert. Psychischer Druck bei den Vernehmungen, die Haftbedingungen, Angst und Ungewissheit führten nicht selten dazu, dass die Häftlinge zusammenbrachen. „Das Alleinsein in der Zelle fand ich nicht so schlimm. Ich dachte darüber auch nicht wirklich nach, weil ich psychisch unheimlich unter Druck stand und dadurch abgelenkt war. Man wusste einfach nicht, was sie mit einem vorhaben und vor allem, was sie wissen. Ständig fragte ich mich deshalb, was als nächstes auf mich zukommt.“ Nicht nur am Tag war es für Wilde schwer, Ruhe zu finden, auch nachts wurde ihm dies kaum ermöglicht. „Ständig ging das Licht an und die Wachmänner schauten durch die Luke in der Tür, ob wir die Hände auf der Decke liegen hatten. Aus Gewohnheit legte ich sie natürlich immer wieder unter das Kopfkissen, während ich schlief. Also schrien sie: Hände auf die Decke!“ Wildes Verhöre verliefen hingegen ruhiger als die Nächte. „Wenn wir vor dem Stasi-Beamten saßen, mussten wir eigentlich immer die Hände unter die Oberschenkel legen. Doch mein Beamter bot mir oft eine Zigarette an. Sie waren schon clever und wussten ganz genau, wie sie uns beeinflussen konnten.“ Der Kontakt zu anderen Inhaftierten blieb ihm jedoch verwehrt. „Jedes Mal, wenn ich die Zelle verließ, musste ich mich mit dem Gesicht dicht zur Wand stellen. Die Hände auf den Rücken verschränken und warten, bis die Wachmänner geprüft haben, ob ein weiterer Häftling gerade über den Flur lief. Falls nein, durften wir uns umdrehen. Somit wurde uns ein gegenseitiger Kontakt unmöglich gemacht.“

Seine Zelle war dürftig eingerichtet: Eine Holzpritsche, Toilette, Waschbecken mit Spiegel, Schrank, kleiner Tisch mit Stuhl. Tim Wilde drohte, depressiv zu werden. „Mir wurde ein Buch angeboten. Es war der Roman „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski.“ Darin schildert der Autor unter dem Decknamen Pawel „Pawka“ Kortschgin seine Erlebnisse in der Roten Armee, dem Konsomol und der Kommunistischen Partei. Als er erblindet, ist er ans Bett gefesselt, doch nie verlor er den Kampfesmut. Bis heute gilt es als bekanntes Beispiel des sozialistischen Realismus und spielte für die damalige sozialistische Bewusstseinsbildung eine bedeutende Rolle. Die rund 600 Seiten veränderten plötzlich das Leben des Schauspielers.  „Während ich las, merkte ich, dass mit der roten Kappe eines Streichholzes verschiedene Worte unterstrichen waren. Auf einer Seite mal eins, dann wieder fünf. Irgendwann begriff ich, dass jemand einen Brief auf diese Art und Weise geschrieben hat. Der Verfasser schrieb seine ganze Geschichte: Ich bin jetzt schon den vierten Monat hier. Weißt du, wie das ist, wenn man nur mit seinem Vernehmer reden kann? Ich bin total traurig, weil ich nicht weiß, was aus meinem Kind geworden ist“, zitiert er die bewegenden Zeilen des Mithäftlings.  „Bis heute kann ich diese Worte nicht vergessen und bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich frage mich immer wieder: Wer war das? Saß er vielleicht neben mir in der Zelle? Was ist aus ihm geworden? Es war für mich der Moment, wo ich merkte: Ich bin nicht allein. Das hat mich unfassbar aufgebaut und das Ganze durchzuhalten.“ Nach zwei Monaten war die Haft für den Schauspieler überstanden. „Mein Vernehmer kam zu dem Entschluss, dass ich nicht so doof sei, meine eigene Ausrüstung zu verstecken, um zu fliehen. Wenn, dann würde ich eher die eines anderen Kameraden nehmen, damit ich nicht dafür bestraft werden kann. Wenn die wüssten“, lacht der Schauspieler lauthals. Nach dem Gefängnisaufenthalt war der Weg für ihn bei den Marinetauchern zu Ende und er wurde 1987 zur Feuerwehr versetzt. Dort verbrachte er das letzte halbe Jahr seines Wehrdienstes.

Auf ein Neues…

Nach dem Wehrdienst ging Tim Wilde nach Berlin und lebte anfangs mit Rainer Gotzmann in einer gemeinsamen Wohnung im Prenzlauer Berg in der Nähe des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. „Ich machte damals jeden Job, den ich bekommen konnte, um über die Runden zu kommen. Vom Möbelpacker bis zum Barkeeper. Es war alles dabei. Am liebsten arbeitete ich aber als Platzwart im Stadion.“ Der Gedanke an eine Flucht war trotz des Aufenthalts im Gefängnis nicht vergessen und die beiden Freunde planten weiterhin, die DDR zu verlassen. „Als wir hörten, dass die Ungarn die Grenze aufmachten, wollten wir im Sommer 1989 an die tschechische Grenze fahren und über die Donau nach Ungarn schwimmen. Von dort aus ab nach Österreich. Das war unser neuer Plan.“ Ein Freund fuhr die beiden an die Grenze, aber erneut kamen Hindernisse auf sie zu. „Da die damaligen Landkarten sehr ungenau waren, mussten wir nach Gefühl fahren. Die Grenzen waren nicht deutlich eingezeichnet und Westdeutschland war nur ein großer weißer Fleck. Wir fuhren einfach los, bis wir im tschechisch/slowakischenGenzgebiet waren.“ Gut getarnt sollte diesmal die Flucht der beiden gelingen. „Wir trugen beide einen schwarzen Trainingsanzug. Unsere Taschen deponierten wir im Wald.“ Enthalten waren die kostbarsten Schätze von Tim Wilde: Zwei Jeans, ein Pulli und ein Walkman mit Kopfhörern. „Die Hosen kosteten mich damals im Intershop ein Vermögen. Zwei Monatsgehälter, insgesamt 1.000 Ostmark, also 120 Westmark.“  In einem weiteren Täschchen bewahrte er seine Ausweise auf, welches er stets um das Handgelenk trug. Alles sollte so unauffällig wie nur möglich aussehen. „Man merkt wieder, wir waren damals nicht die Hellsten. Kein Mensch läuft in der Sommerhitze in einem schwarzen Trainingsanzug herum:“ Am Abend sollte die Flucht über die Donau erfolgen. „Genau an diesem Tag war es so elendig heiß. Wir beschlossen, ins Dorf zu gehen, um etwas zu trinken. Der Ort bestand aus fünf Häusern und einer Kneipe. Als wir diese betraten, wusste natürlich jeder, was wir vorhatten.  Zwei Männer in schwarzer Kleidung – Grenzverletzer.“ Als die beiden zurück zu der Überquerungsstelle wollten, überholte sie ein Kutscher und bot an, sie mitzunehmen. Die Euphorie über den ersparten Weg zurück zur Donau und der Gedanke an die lang ersehnte Freiheit führte dazu, dass die beiden einen Moment nicht genau nachdachten. „Wir lagen flach auf dem Wagen, denn wir wollten nicht riskieren, dass man uns sieht. Vor lauter Freude beschlossen wir sofort rüber zu schwimmen und nicht mehr bis zum Abend zu warten.“ Doch dann kam alles anders. „Der Kutscher blieb plötzlich stehen. Wir hörten, wie er etwas auf Tschechisch sprach und dann folgte die Entsicherung zweier Gewehre – Kalaschnikow, ich kannte das Geräusch aus meiner Wehrdienstzeit.“ Zwei Offiziere zerrten Wilde und seinen Freund vom Wagen. „Sie brachten uns in ein Zeltlager außerhalb des Dorfes, wo bereits um die 60 Flüchtlingen saßen.“ Ein tschechischer Grenzbeamter verhörte die beiden Freunde. „Rainer saß rechts neben mir am Tisch. Hinter dem Beamten war noch ein zweiter positioniert. Diesmal hatte ich echt Angst, weil ich nicht wusste, was mir bevorstand.“ Der Beamte legte die Ausweise auf den Tisch und begann mit der Befragung. „Er sprach ständig drei Worte auf Tschechisch und wir versuchten, ihm klar zu machen, dass wir ihn nicht verstanden.“ Der Beamte gab nach dreißig Minuten auf und schickte die beiden ins Lager zurück. Noch am selben Abend sollten die Flüchtlinge mit dem Flugzeug ausgeliefert werden. „Ein Wachmann mit einer Kalaschnikow sollte uns alle bewachen. Ich hatte solche Angst, weil ich noch nie geflogen war.“ Doch die Maschine meinte es gut mit ihnen und sprang nicht an.

Westdeutsche Botschaft Prag – die Rettung?

Die „Grenzverletzer“ wurden daraufhin in ein Zugwagon im Prager Bahnhof verladen. „Wir wussten, dass die westdeutsche Botschaft in Prag Flüchtlinge aufnahm. Für uns eine Hoffnung, auf diesem Weg in den Westen zu gelangen. Der Wagon hatte zwei Türen, die unbewachte brachen wir auf.“ Den beiden gelang die Flucht. „Wir sprangen vor dem Bahnhof in das nächstbeste Taxi.“ Der Taxifahrer hielt im Palais Lobkowicz vor einer Polizeistation. „Wir schrien ihn an, weil wir dachten, dass er uns verraten will. Seelenruhig zeigte er auf die westdeutsche Botschaft. Er wollte uns helfen.“ Wilde und Gotzmann rannten los. Versuchten, einen Weg in die Botschaft zu finden. „Mittlerweile war es dunkel und wir entdeckten hinter dem Haus ein Schild mit der Aufschrift „Betreten verboten“. Das war unsere Einladung, rüberzuklettern.“ Auf der anderen Seite angekommen trauten sie ihren Augen nicht. „Da war ein Tennisplatz, ein Pool und keine Menschenseele. Als Rainer und ich im Liegestuhl am Pool lagen, die Sonne ging gerade auf und die Vögel zwitscherten, hörten wir plötzlich Stimmen.“ Sie gingen an den Zaun und trafen auf Ostdeutsche und erfuhren, dass sie in der amerikanischen Botschaft sind und diese die Flüchtlinge ausliefern. Somit kletterten die beiden auf das Gelände der bundestdeutschen Botschaft und sahen erschreckende Bilder. Rund 500 Menschen lebten auf engstem Raum in Zelten. Der Boden total vermatscht und innerhalb weniger Wochen stieg die Zahl auf 2.500 Flüchtlinge an. „Aus fünf funktionierenden Toiletten wurden zwei. An den Zäunen spielten sich täglich Dramen ab. Mütter warfen den Kinderwagen mit ihren Säuglingen rüber. Wir versuchten die tschechische Polizei mit Stöcken wegzustoßen, damit die Mütter zu ihren Kindern konnten.“ Im September 1989 kamen die Rechtsanwälte Wolfgang Vogel und Gregor Gysi in die Botschaft nach Prag, um die Lage in der Botschaft zu entschärfen. Sie boten uns an, ohne weitere Strafmaßnahmen in die DDR zurückkehren und innerhalb der nächsten Monate in den Westen ausreisen zu dürfen.“ Beide willigten sofort ein, denn im Lager wurde es unerträglich. „Nur rund 40 Flüchtlinge nahmen das Angebot an. Die anderen Botschafts-Besetzer waren entsetzt über den Verrat und bewarfen uns mit Joghurtbechern, als wir die Botschaft verließen. Schrien: Verräter! Aber was hatten wir für eine Möglichkeit? Weiter in unseren schwarzen Trainingsanzügen in der Botschaft zu warten bis etwas, passiert?“ Doch die Freunde hatten ein mulmiges Gefühl und hatten Bedenken, dass ihnen etwas zustößt. „Wir trauten der ganzen Sache irgendwie nicht und hatten Angst, dass sie uns vielleicht hinters Licht führen wollen. Aber als wir die Presseschar vor der Botschaft sahen, wussten wir, dass uns nichts passieren kann. Das hätte sonst die ganze Welt erfahren.“ Am Berliner Ostbahnhof endete am 16. September 1989 ein erneuter Fluchtversuch. „Da stand ich wieder mit meinem schwarzen Trainingsanzug, meinem Täschchen ums Handgelenk und dachte: Scheiße!“

Osten oder Ungarn? Oder doch lieber in den Westen?

Zurück in Berlin zog Tim Wilde wieder in seine alte Wohnung am Friedrich-Ludwig- Jahn-Sportpark. Beide Freunde wollten sich mit der Situation im Osten nicht arrangieren. „Wir konnten unseren Platz einfach nicht in der DDR finden. Deshalb bewarb ich mich kurz nach unserer Ankunft für ein Visum nach Ungarn. Ich hatte aber wenig Hoffnung, dass es klappt, denn fast jeder hat versucht, eins zu bekommen.“ Zwei Wochen später saß Wilde vor dem Fernseher und realisierte, dass die Annahme des Angebots ein Fehler war. „Plötzlich sah ich den Balkon der Prager Botschaft. Er war ungewöhnlich beleuchtet. Dann kam Genscher auf den Balkon. Er stand da und sagte: Ich bin gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass ihre Ausreise… Nach den ersten drei Worten bekam ich schon einen Weinflash, denn ich wusste, dass jetzt alle frei sind und in den Westen konnten. Und ich Depp saß vor meinem Fernseher im Osten.“ Es war der Abend des 30. September 1989, welcher in die deutsche Geschichte einging. Der unvollendete Satz brachte die Erlösung für mehr als 4.000 DDR-Bürger. „Nach dem ich mich beruhigt hatte, fuhr ich zu Rainer. Wir beschlossen, gleich am Montag zu Gysi zu gehen und unser Recht einzufordern. Die von ihm versprochene Ausreise wurde ihnen erschwert, denn es war die Regel, sich mittels Laufzettel bei jeder zuständigen Behörde, der Bank und der Wohnungsgesellschaft abzumelden. „Alles musste mit einer Unterschrift bestätigt werden und da sie wussten, dass wir in den Westen wollten, haben sie uns ihre Verachtung mit einer Wartezeit von bis zu acht Stunden spüren lassen.“ Am dritten Tag der Unterschriftensammlung kehrte Wilde entmutigt zurück und fand eine Überraschung in seinem Briefkasten. Es war das Visum für Ungarn. „Ich fuhr sofort zum Flughafen Schönefeld, kaufte ein Ticket und saß am Ende wieder vor einem Stasi-Beamten. In meinem schwarzen Trainingsanzug, mit meinem Täschchen ums Handgelenk und ohne Koffer. Ich gab an, nur Urlaub machen zu wollen. Glaubte mir natürlich keiner, denn sie hatten meine Akte schon vorliegen.“ Wilde forderte, seinen Anwalt zu sprechen. „Der Beamte rief Gysi an und ich habe bis heute keine Ahnung, was er ihm erzählt hatte. Am Ende sagte er nur zu mir: Herr Wilde Sie können gehen und ich will sie hier nie wieder sehen!“ Sein Anwalt bewahrte ihn vor einem großen Fehler. „Wäre ich nach Ungarn gereist, hätte ich nie wieder meine Eltern sehen können. Nur, wer offiziell ausreiste, durfte nach einigen Jahren in die DDR zurückkehren um seine Verwandtschaft zu besuchen. Wir gingen zu dem Zeitpunkt nicht davon aus, dass schon bald die Mauer fallen würde.“

Endlich geschafft…

Nach einem irrsinnigen Umweg der Flucht gelangten die beiden Freunde endlich in den Westen. Rainer Gotzmann strebte eine Karriere als Fußballer in Westberlin an und Tim Wilde kam vorerst ins Flüchtlingslager nach Gießen in Mittelhessen. „Wir Flüchtlinge bekamen damals sehr viel Hilfe von den Gießenern, das war einfach unglaublich. Eine Frau kam mit einem ganzen Anhänger voll Kleidung angefahren und ich konnte endlich nach Monaten meinen schwarzen Trainingsanzug ablegen. Ich ergatterte meine erste West-Lederjacke, worauf ich sehr stolz war.“ Nach knapp einer Woche in Gießen packte den Schauspieler die Ungeduld und er wollte arbeiten. Innerhalb von zwei Tagen besorgten die Behörden ihm eine Anstellung als Altenpfleger in der Eschersheimer Landstraße in Frankfurt am Main. „Ich konnte dort wohnen, was auf der einen Seite gut war, aber mir sehr schnell zum Verhängnis wurde. Durch die Personalknappheit forderten sie ständig Doppelschichten von mir und am Ende verdiente ich 600 Mark im Monat. Bis heute ist dieser Beruf schlecht bezahlt, was ich eine Frechheit finde. Denn die Pflege ist eine seelische und körperliche Schwerstarbeit.“ In der Zwischenzeit spitzte sich die Lage in der DDR zu und immer mehr Bürger wollten ausreisen. Als am Abend des 08. November 1989 der Regierungssprecher Günter Schabowski in einer Pressekonferenz die Erlaubnis für die Ausreise aller DDR-Bürger verkündete, gab es in Berlin kein Halten mehr. Die Grenzpolizei war überfordert und die Menschenmassen konnten die Mauer niederreißen. Das Land, welches vorher streng nach Regeln und Normen funktionierte, war plötzlich machtlos. Denn Schabowski hatte eine Notiz auf seinem Zettel vergessen und somit konnte er nicht verkünden, dass die Ausreiseerlaubnis erst ab dem 10. November 1989 gilt. Als Wilde die Bilder aus Berlin in den Nachrichten sah, beschloss er, Frankfurt wieder zu verlassen. „Die Stadt und der Job engten mich ein. Ich wollte wieder dorthin, wo ich mich auskannte und kündigte“. Der Schauspieler schaffte es zurück nach Berlin, konnte sich ein neues Leben aufbauen und einen neuen Job suchen. „Selbst eine neue Wohnung fand ich schnell, denn alles stand leer und wir konnten die freien einfach besetzen. Ich bin froh, dass ich diese Zeit des Umbruchs in Berlin erleben durfte.“

Vor kurzem besuchte Tim Wilde mit seinem Sohn Milo das Stasi-Gefängnis in Rostock. „Es war schon ein komisches Gefühl, wieder in einer Zelle an genau so einem Tisch zu sitzen, wo ich einst das Buch mit dem Brief las.“ Letztes Jahr traf er erneut auf Dr. Gysi. „Er konnte sich noch an einen Flüchtling erinnern, den er vor einem großen Fehler bewahrte und nicht einfach nach Ungarn ausreisen lies“, lacht Wilde.

TIm Wilde mit Gregor Gysi

Ein Wiedersehen nach all den Jahren – Gregor Gysi (links) und Tim Wilde (rechts).     Foto: Tim Wilde/Privat

Derzeit ist er jeden Mittwoch in der ARD-Serie „WaPo Bodensee“, in der Rolle des Wasserschutzpolizisten Paul Schott zu sehen. Im Mai wird er für eine Hollywood-Produktion vor der Kamera stehen. Til Schweiger dreht das US- Remake seines größten Kinoerfolgs „Honig im Kopf“, in dem der Berliner eine Rolle hat.

TIm Wilde

Heute hat Tim Wilde seinen Platz gefunden. Foto. barefoot Living/NIna Stiller

In dem folgenden Video, könnt ihr euch einen Eindruck über die Zustände in der Botschaft verschaffen. Hier ist auch der Besuch, von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel zu sehen und die Abreise der auserwählten Flüchtlinge:

 

Interviews von Tim Wilde findet ihr auch hier:

Tim Wilde im Interview des Monats: „Ich mag solche Jungs wie Paul“

„Hot Dog“ Hauptdarsteller – Tim Wilde: „Bösewichte sind die interessantesten“

 

#throwback – weitere private Einblicke der Schauspieler:

#throwback mit Paula Paul: „Gießen ist mein Anker“