Interview des Monats

Nina Gummich im Interview des Monats. „Man musste mich auf den Nullpunkt holen“

Besuch am Set von „Bauhaus“

 

In Dessau wurde der neue ARD-Eventfilm „Bauhaus“ gedreht. Bis heute gilt es als eine der bedeutendsten künstlerischen Bewegungen, die aus Deutschland die Welt beeinflusst hat. Nina Gummich (26) spielt die damalige Studentin Friedl Dicker, welche anders als die Frauen der damaligen Zeit und an einer der größten Revolutionen beteiligt war. Während einer Drehpause sprachen wir über den Dreh und ihre Ausbildung.

 

Du drehst gerade hier in Dessau für den neuen ARD-Eventfilm „Bauhaus“ und wenn ich mir dein Kostüm anschaue, spielst du keine typische Frauenrolle. Was ist Friedl Dicker für ein Charakter?

Friedl ist anders, als die anderen Figuren. Ihre Kommilitonin Lotte denkt zuerst, sie wäre ein Junge und erkennt nur an der Stimme, dass sie eine Frau ist. Wie du schon sagst, war ihr Kleidungsstil sehr jungenhaft, was der bubenhafte Haarschnitt zusätzlich unterstreicht. Konventionen sind ihr egal. Sie ist wild, andersdenkend, mutig und eigensinnig.

Eine ganz untypische Persönlichkeit für die Zeit der 20er Jahre. Machen diese besonderen Eigenschaften das Spiel für dich noch spannender?

Ja, auf jeden Fall. Ich liebe Rollen, die anders sind. Das Spannende an meiner Figur ist, dass es sie wirklich gab und sie nicht fiktiv ist. Wenn man sich mit ihrer Biografie beschäftigt, kann man sehr viel über sie erfahren.

Eine reale Person zu verkörpern ist weitaus schwieriger, als eine erfundene. Wie hast du dich vorbereitet?

Als ich bemerkte, dass es meine Figur wirklich gab, habe ich angefangen, im Internet zu recherchieren. In der Leseprobe hatten wir eine Biografie von ihr zur Hand, welche ich verschlungen habe. Sie hat eine wirklich beeindruckende Lebensgeschichte. Durch das Wissen entwickelte ich Vorschläge für Textänderungen oder Szenen, wo wir sie noch einbauen könnten. Sie ist eine großartige Frau gewesen.

Für alle, denen sie nicht bekannt ist, kannst du Bitte die wahre Friedl ein wenig beschreiben?

Friedl ist in Österreich geboren, verlor früh ihre Mutter. In Wien hat sie eine Fotografie- und Textillehre gemacht und ist dann nach Weimar ins „Bauhaus“ gegangen. Dort hat sie Franz Singer kennengelernt, sie wurde seine Zweite, seine ewige Liebesaffäre. Von ihm war sie mehrfach schwanger und musste abtreiben, ich gehe davon aus, dass dies ein ziemlicher Einschnitt in ihrem Leben war. Mit Franz Singer ging sie zurück nach Wien und gründete dort mit ihm eine Gemeinschaft. Später trat sie in die kommunistische Partei ein und wurde aufgrund ihrer Aktivitäten verhaftet. Danach emigrierte sie nach Prag, heiratete ihren Cousin und wurde letztendlich 1944 in Auschwitz vergast. Für mich ist sie eine beeindruckende Frau.

Deine kurzen Haare, der Overall und die Mütze. Wie sehr hilft dir das Kostüm für deine Arbeit?

Sehr, die kurzen Haare sind schon etwas ganz anderes. Meine langen blonden Haare verschwinden unter der Perücke und schon bin ich eine andere Person. Das Kostüm hilft mir schnell, in meine Rolle zu schlüpfen. Es ist toll, wenn man sich so verwandeln darf, dass man kaum wiederzukennen ist.

Ich musste eben auch erst mal fragen, ob du es wirklich bist, weil ich dich nicht erkannt habe. Einfach unglaublich, wie viel es ausmacht. Worin liegt die Herausforderung im historischen Spiel für dich?

Die Schwierigkeit liegt für mich vor allem im Improvisieren. Man muss wahnsinnig aufpassen, nicht in die moderne Sprache zu verfallen. Und wenn man bedenkt, dass wir bei Sommerhitze warme Wollkleidung, Stiefel und Mützen tragen müssen, macht es den Dreh auch nicht gerade einfach (lacht).

Wir haben vorhin im Kollektiv Raum des Bauhauses den ersten Trailer des Films geschaut. Vor rund einhundert Jahren saßen dort die Studenten gemeinsam und haben Filme oder Theateraufführungen gesehen. Für mich hat dies etwas Magisches, wenn man an dem Ort des Geschehens die Geschichte wieder aufflammen lässt.  Wie ist es für dich, hier zu spielen?

Es ist schon sehr bewegend und hat etwas Magisches. Überhaupt bewegt es mich, wenn sich Menschen zusammenschließen und hoffen, etwas bewegen zu können. Dass die Studenten die ganze Idee des Bauhauses so revolutioniert haben und diese dadurch heute noch unser Leben bestimmt, finde ich wahnsinnig berührend.

Mit knapp zehn Jahren kamst du zum Film, deine Eltern sind ebenfalls als Schauspieler tätig. Obwohl du bereits im Business integriert warst, hast du eine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig absolviert. Wie kam es zu dieser Entscheidung, denn viele verlassen die Branche für eine Ausbildung nur ungern?

Mein großer Wunsch war es, Theater zu spielen. Dafür war es gut, eine Ausbildung zu absolvieren. Alleine das Stimmtraining bringt sehr viel. In den vier Jahren habe ich intensiv an mir und mit anderen Menschen zusammengearbeitet, was mich sehr weiterentwickelt hat.

Was war für dich das Schwierige in der Ausbildung?

Normalerweise entwickelt man sich an der Schauspielschule von einem Nullpunkt bis zum Schauspieler hin. Bei mir war es genau umgekehrt. Mich musste man von der anderen Seite auf den Nullpunkt wieder zurückholen. Dadurch, dass ich schon viel gedreht hatte, war ich sehr routiniert. Wenn du lange beim Film arbeitest, ist man in allem ganz genau. Man weiß zum Beispiel, auf welchem Punkt die Tasse in der Szene abgestellt wurde. Für das Spiel beim Theater ist genau dieser Aspekt irrelevant. Man spielt an dem Abend nur einmal diese Szene und es kann immer wieder anders sein. Das macht es so besonders.

 

Bevor Nina Gummich im Frühjahr 2019 als Friedl Dicker im Ersten zu sehen sein wird, spielt sie an der Seite von Jannis Niewöhner in „Beat“. Die Serie startet Ende des Jahres auf Amazon Prime.

Nina Gummich

So kennen wir Nina Gummich. Foto: Hans Ludwig Böhme

Noah Saavedra, Nina Gummich, Alicia von Rittberg, Marie Hacke, Jörg Hartmann, Ulrich Brandhoff und Gregor Schnitzler am Set von "Bauhaus"

In ihrer Rolle als Friedl Dicker ist sie mit der Mütze und den kurzen Haaren kaum wiederzuerkennen (zweite von links). Zusammen mit dem Ensemble Noah Saavedra (links außen), Alicia von Rittberg (mitte), Marie Hacke (dritte von rechts), Jörg Hartmann (zweiter von rechts), Ulrich Brandhoff (rechts außen) und Regisseur Gregor Schnitzler (hinten) posieren sie gemeinsam für die Fotografen. Foto: Sabrina Heun

Nina Gummich und Sabrina Heun am Set von "Bauhaus"

30 Grad und ein dickes Wollkostüm – sie war an diesem heißen Tag nicht zu beneiden. Ein Schnappschuss mit mir nach dem Interview. Foto: Sabrina Heun

 

In weiteren Interviews verraten euch Produzent Nico Hofmann und Hauptdarsteller Noah Saavedra mehr über den Film. Einblicke zum Dreh gibt es hier.