Interview des Monats

Dietmar Bär im Interview des Monats: „Ich ging an meine Grenzen“

Packendes Drama im ZDF

 

Am Mittwoch ist Dietmar Bär (57) in dem einzigartigen Drama „Für meine Tochter“ zu sehen. Dort verkörpert er Apotheker Benno, der seine Tochter Emma (Anna Herrmann) im türkisch-syrischen Grenzgebiet sucht. Er ahnt nicht, dass die Reise ihn an seine eigenen Grenzen bringen wird. Dietmar Bär beweist erneut mit dieser Rolle, welches großartige schauspielerische Talent er hat. Wie er im persönlichen Interview verriet, ging nicht nur seine Figur an ihre Grenzen.

 

Apotheker Benno ist für mich der klassische Alleingänger. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Benno hat seine Frau durch eine Operation verloren. Sie infizierte sich mit Krankenhauskeimen und verstarb daran. Zu seiner Tochter hatte er schon länger ein angespanntes Verhältnis, jedoch verstärkte sich dieses durch den Tod noch mehr. Er igelte sich daraufhin in seiner Apothekenwelt ein, während Emma ihr Studium weiterführte. Umso größer war natürlich der Schock, als er erfuhr, dass sie im syrischen Grenzgebiet als vermisst gilt. Eigentlich ist er sehr besonnen und sorgfältig, aber in dem Moment handelt er irrational und unbewusst. Er realisiert, dass er nur noch seine Tochter hat und folgt ihrem Weg, um sie zu finden.

Er geht in Syrien an jegliche Grenzen und vor allem an seine eigenen. Es gibt eine Szene, wo er versprochen bekommt, für sehr viel Geld zu seiner Tochter gebracht zu werden. Jedoch in der Wüste ausgeraubt und ausgesetzt wird. Für mich war Ihr Spiel in dieser Szene sehr bewundernswert, denn gedreht wurde in der heißen Wüste von Marokko und es machte für mich den Anschein, dass auch Sie persönlich an Ihre eigenen Grenzen gingen. Wie waren diese Dreharbeiten für Sie?

Es war eine sehr intensive Arbeit, weil wir sehr viele Takes drehten. Wir fingen sehr früh an, um der Hitze zu entkommen. Letztendlich waren aber auch genau diese Bedingungen gut für den gesamten Film. Dadurch kam ich persönlich an meine Grenzen und konnte die Rolle von Benno gut umsetzen.

Dietmar Bär ging an seine Grenzen in dem ZDF Dram "Für meine Tochter"

Für 10.000 Euro wollte ihn ein Mann zu seiner Tochter bringen – doch stattdessen wurde Benno (Dietmar Bär) in der Wüste überfallen und ausgesetzt. Mit letzter Kraft schleppt er sich durch die Hitze. Foto: ZDF/Moritz Schultheiß

Das ist Ihnen und dem gesamten Team sehr gut gelungen. Für mich hatte die gesamte Verfilmung im Spiel und in der Umsetzung eine sehr hohe Wirkung. Gerade die Szenen im Flüchtlingslager waren sehr emotional. Wie dürfen wir uns diesen Dreh vorstellen, sicherlich wurde nicht in einem echten Flüchtlingslager gedreht?

Nein, für diesen Dreh wurde ein Flüchtlingslager nachgebildet. Ich war zuvor noch nie in solch einem Lager, aber ich glaube, wir haben es sehr realistisch nachgebildet. Diese Szene spielt in dem türkisch-syrischen Grenzgebiet, wo der Krieg ganz in der Nähe ist und wir alle wissen, dass dieser keine Grenzen kennt. Während eines solchen Drehs gehe ich wie bei allen anderen vor und konzentriere mich auf meine Kollegen, mit denen ich spiele. Rasin, der kleine, phantastische Junge, mit dem ich dort spielen durfte, war wunderbar.

Das Spiel zwischen ihnen war sehr besonders und lässt in Verbindung mit dem Szenenbild des Lagers alles sehr real erscheinen.

Es ist sehr wichtig, dass der Zuschauer dies am Ende so empfindet. Man konnte durch die Physiognomien der Komparsen, welche selbst aus Syrien stammen, alles sehr real verfilmen. Hinzu kommt natürlich das Gesamtbild außerhalb des Flüchtlingslagers, das hätte man in Deutschland nicht so erschaffen können. Bei Rasin kam hinzu, dass er auch selbst eine Flucht Odyssee hinter sich hat, bis er nach Nordafrika kam. Deshalb erschien er mir im Kopf sehr erwachsen und hatte dieses besondere Auftreten. Es war sehr schön, mit ihm zu drehen.

Sie drehten auch in Marrakesch, welches als „Die Perle des Orients“ gilt. Viele meiner Leser beneiden Schauspieler, weil sie immer an so wunderbaren Orten drehen. Wie viel bekommen Sie von der Umgebung während des Drehs mit?

Leider nicht viel. Alle bewundern immer, an welch tollen Orten ich drehe. Aber für mich bedeutet das nur Arbeit. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich alles anzuschauen. Wir haben allerdings zwei sehr schöne Abende auf dem „Djemaa el Fna“ verbracht. Das ist der zentrale Marktplatz in Marrakesch. Auf der einen Seite ist dort die Partyszene und auf der anderen Seite ist dieses wunderbare Morgengefühl. Die Medina, die Innenstadt, besteht aus unzähligen kleinen Gassen und Geschäften. Das hat ein sehr besonderes Flair und einen magischen Zauber.

In dem Film gibt es für mich zwei wichtige Aspekte. Zum einen, findet ein Vater wieder zurück zu seiner Tochter. Zum anderen thematisiert er die Flüchtlingssituation. Hat die Verfilmung Ihr Denken über Flüchtlinge verändert?

Ich glaube, dass ich nach dem Dreh noch einmal anders darüber denke und reflektiere. Fast täglich begegne ich der Situation am Berliner Tempelhof, wo zahlreiche Flüchtlinge leben. Benno gab mir die Möglichkeit, es aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu erleben. Denn er spürt am eigenen Leib die Gefahr des Krieges und sah das Elend mit eigenen Augen. Er weiß genau, was Hungern bedeutet und muss durch den Verlust seiner Papiere, die ihm bei einem Überfall in der Wüste geklaut wurden, auf extremste Weise feststellen, wie es ist, plötzlich ohne Identität dazustehen. So etwas nachzuempfinden verändert das Denken natürlich.

Anna Hermann im ZDF Drama "Für meine Tochter"

Emma Winkler (Anna Hermann) bringt sich durch ihre Selbstjustiz in Gefahr und erlebt das Grauen in Syrien. Foto: ZDF/Mohammed Kamal

Wie die Zuschauer zu Beginn des Films sehen können, wollte Benno mit Flüchtlingen und deren Situation nicht konfrontiert werden.

Dies geht leider sehr vielen Menschen in Deutschland so, was ich keineswegs verurteile. Man muss aber meiner Meinung nach immer bedenken: Es sind alles Menschen, die aufgrund verheerender Umstände, ihr Land und ihr altes Leben verlassen müssen. Der Begriff „Asyltourismus“ ist für mich der zynischste Begriff, den ich in den letzten Wochen gehört habe. Dies aus dem Mund eines bayerischen Ministerpräsidenten zu hören, der mit christlichem sozial durch die Gegend geht, das finde ich unglaublich.

Ich glaube, der Film hat ein großes Potenzial, in genau diese Richtung ein Zeichen zu setzen. Denn der Auslöser für Emmas Selbstjustiz, war ein Hungerstreik eines Syrers, welcher seine Frau und Kinder aus dem Kriegsgebiet nachholen wollte. Sie zog los, um die Familie aus Syrien herauszuholen, weil die Politik nicht handelte.  

Ich finde es unsäglich, darüber zu diskutieren, ob wir aus einem Land, in dem den Menschen die Bomben um die Ohren fliegen, Familienmitglieder nachholen dürfen. Natürlich muss man die logistische Herausforderung sehen, aber diese Menschen wollen nicht ewig bleiben und sie wollen wieder in ihr Land zurück. Sie suchen eine Zuflucht und ich glaube, dass unser riesiges, schönes und reiches Land, das schafft. Es wird sich nur leider so fürchterlich quer gestellt, wenn es darum geht. Wenn wir es mit dem Film geschafft haben, noch einmal die Situation anders zu sehen, wäre es sehr schön.

 Dietmar Bär in dem packenden ZDF Drama "Für meine Tochter"

Um seine Tochter zu finden, geht Benno Winkler (Dietmar Bär) an seine Grenzen und durchlebt eine Odyssee des Grauens.  Foto: ZDF/ Mohammed Kamal

Ob es Emma und Benno gelingen wird, die syrische Familie und sich selbst wieder zu vereinen? Am 08. August 2018 gibt es um 20:15 Uhr im ZDF die Antwort dazu. Für mich persönlich gehört der Film zu denen, die man gesehen haben muss. Er ist packend, bewegend, aufrüttelnd und bewegt zutiefst. Eine sehr gelungene Arbeit von Cast und Crew.

Weitere Infos zum packenden ZDF Drama gibt es hier.