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„Für meine Tochter“ Regisseur – Stephan Lacant: „Die Locationsuche war eine große Herausforderung“

Herzergreifendes filmisches Meisterwerk

 

Der kommende ZDF Fernsehfilm der Woche „Für meine Tochter“ hat es in sich. Stephan Lacant (45) erzählt mit seiner Verfilmung eine tragische Familiengeschichte, welche Vater Benno in das türkisch-syrische Grenzgebiet führt, um seine Tochter zu finden. Dort geht er an seine Grenzen und erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, vor Krieg und Gewalt auf der Flucht zu sein. Der Film zeigt viele außergewöhnliche Szenen, die herzergreifend dargestellt werden. Stephan Lacant verrät im Interview, was die größte Herausforderung für diese Filmproduktion war.

 

In Ihrer neuen Verfilmung gibt es atemberaubende Szenen in der Wüste zu sehen. Ursprünglich spielt der Film im türkisch-syrischen Grenzgebiet, gedreht wurde jedoch in der umliegenden Wüste von Marrakesch (Marokko). Wie aufwändig war diese Locationsuche für Sie und das Team?

Ursprünglich war die Idee, in der Türkei zu drehen. Schnell wurde uns aber klar, dass dies aus Sicherheitsgründen nicht umzusetzen ist. Wir suchten daraufhin ein Land, wo wir das türkische Feeling und die Wüste zusammen vor Ort haben, wurden schließlich in Marokko fündig. Außerhalb von Marrakesch fanden wir eine Steinwüste, die passend für den Dreh war. Wir haben uns dann genau die Stellen ausgeguckt, wo wir in einem 360 Grad Radius keinerlei Beduinenzelte oder Städte sahen. So konnten wir dieses verlorene und ausweglose in der Wüste sehr gut darstellen.

Dietmar Bär im ZDF Drama "Für meine Tochter"

Verloren in der Wüste – Benno (Dietmar Bär) wurde überfallen und ausgeraubt. Die Dreharbeiten in der Wüste waren nicht einfach, denn es herrschen dort Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius. Foto: ZDF/Moritz Schultheiß

Teile des Films wurden auch in Berlin gedreht. Ein Dreh im Ausland ist sehr kostspielig. Hatten Sie ihr komplettes Team aus Deutschland mit vor Ort?

Nein, wir hatten nur ein Kernteam mit dabei. Dazu zählten unter anderem der Kameramann Moritz Schultheiß, Regieassistent Chris Tromboukis und die Schnittmeistern Monika Schindler. In Marokko wird sehr viel für den internationalen Filmmarkt produziert, so hatten wir die Möglichkeit, vor Ort auf zahlreiche professionelle und engagierte Mitarbeiter zuzugreifen.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei diesen Dreharbeiten?

Es ist schwierig, mit einem Fernsehbudget, eine solche, doch recht aufwändige, Verfilmung umzusetzen. Bei den Szenen im Flüchtlingslager hatten wir zum Beispiel nur 30 Zelte. Da mussten wir genau schauen, wie wir sie, zusammen mit Zäunen und diversen anderen Elementen so positionieren, dass es nach einem sehr großen Lager aussieht. Diese Szenen haben monatelange Planungsarbeit in Anspruch genommen. Die Visuell-Effects-Technik ermöglichte uns, Fehlendes dann digital zu ergänzen, was wir mit den zur Verfügung stehenden Mitteln des Szenenbilds nicht herstellen konnten. Auf jeden Fall war natürlich auch die gesamte Locationsuche eine Herausforderung, denn das zerstörte syrische Kriegsgebiet so authentisch und realistisch wie nur möglich zu finden, war nicht einfach und hat viel Zeit in Anspruch genommen. Ebenfalls nicht einfach waren die Szenen, welche den Einfall der IS auf dem Marktplatz zeigen. Solche Szenen erfordern jede Menge Präzision und komplexe Koordination von vielen Stuntmännern und Komparsen.

Die digitale Technik ermöglicht heutzutage sehr viel. Manchmal wird Störendes retuschiert, manchmal Fehlendes hinzugefügt. In welchen Szenen haben Sie die Visual-Effects-Technik überwiegend genutzt?

Es gibt eine Szene, in der wir mit einer Kranfahrt die ganzen Ausmaße des Flüchtlingslagers zeigen. Hier wurden unsere vorhandenen 30 Zelte digital bis zum Horizont erweitert und die Menschen im Hintergrund mittels Body Duplication eingesetzt.

Das Flüchtlingslager sieht sehr authentisch aus. Wie entstand dieses Szenenbild?

Kameramann Moritz Schultheiß und ich haben uns sehr viele Dokumentationen und Bildmaterial von Flüchtlingslagern angeschaut. Im nächsten Schritt haben wir dann gemeinsam mit dem Szenenbildner besprochen, wie genau die Zelte aussehen sollten, aus welchem Material sie angefertigt werden und so weiter. Wichtig waren natürlich auch die ganzen Details, wie zum Beispiel die Wäscheleinen zwischen den Zelten, um das Ganze so echt wie möglich aussehen zu lassen. Das alles nahm sehr viel Arbeit in Anspruch.

Benno kommt während seiner Suche nach seiner Tochter in einen verlassenen Ort, der zuvor von dem IS zerstört wurde. Starke Verwüstung, verschüttete Leichen und eingestürzte Gebäude sind zu sehen. Wie lange arbeiteten Sie an dieser Szene?

Dies erfordert ebenfalls lange Planung. Für diese Szenen war es wichtig, im Vorfeld genau die Stellen zu finden, welche sich für das Szenenbild am besten eignen. Wir mussten genau die Orte finden, wo wir die Verwüstung am besten herstellen und zeigen konnten. Nachdem wir die passenden gefunden hatten, planten wir Monate vorher, wie es am Drehtag genau auszusehen hat. Das Art Department lud LKW-weise Schutt ab, positioniert ausgebrannte Autos und so weiter, um die Zerstörung syrischer Städte authentischer darzustellen. Sich am Drehtag kurzfristig umzuentscheiden, ist bei solchen Motiven nicht möglich.

Dietmar Bär und Adam Bay in dem ZDF Drama "Für meine Tochter"

Der Ort der Verwüstung – ein phänomenales Szenenbild im Endergebnis. Dietmar Bär (links) und Adam Bay (rechts) spielen eine Szene in einem verlassen Ort, wo zuvor die IS alles zerstört hat. Foto: ZDF/Mohammed Kamal

Dafür, dass wir am Ende diese Szenen nur ein paar Sekunden sehen, steckt doch sehr viel Arbeit darin. In dieser Sequenz, sind auch einige Explosionen zu sehen. Worauf mussten Sie bei den Explosionsszenen  am meisten den Fokus legen?

Die Sicherheit geht natürlich vor. Keiner darf während solch eines Drehs gefährdet werden. Dann ist es natürlich auch wichtig, dass es am Ende realistisch aussieht. Das ist gar nicht so einfach und es benötigt erfahrene Special-Effects-Artists, welche solche Szenen schon mehrfach durchgeführt haben. Zum Schluss gilt es die beste Kameraeinstellung zu finden, welche die Explosion bestmöglich einfängt.

Haben Sie dafür mit mehreren Kameras gedreht?

Nein, wir hatten zwar eine B-Kamera dabei, aber ich bin kein Freund davon, mit mehreren Kameras zu arbeiten. Wir haben überwiegend mit der A-Kamera gedreht. Ich mag kein Action-Schnitt-Gewitter und drehe lieber alles in Master-Einstellungen. Für meinen Geschmack bekommt es dadurch ein realistischeres Feeling.

Dietmar Bär im ZDF Drama "Für meine Tochter"

Monatelang wurde diese Szene im Flüchtlingslager geplant. Foto: ZDF/Mohammed Kamal

Mich hat das Spiel zwischen Benno und einem syrischen Jungen im Flüchtlingslager sehr bewegt. Was ist Ihre Lieblingsszene?

Es gibt viele Szenen, die ich sehr mag. Ich mag die Wüstensequenzen sehr, welche ich am liebsten länger gezeigt hätte, aber wir aufgrund der Begrenzung von 90 Minuten kürzen mussten. Dann mag ich auch die Szene, wo Benno vor dem Flüchtlingslager steht und nicht hineindarf, da ihm sein deutscher Pass zuvor geklaut wurde. Er kauert dann am Zaun und vor lauter Hunger nimmt er sich heimlich das Brot einer syrischen Mutter und ihrem Sohn. Das ist eine starke Szene, genauso wie die, in der Benno zum ersten Mal auf den Freund der Tochter trifft und mehr über das Schicksal seiner Tochter erfährt.

Was mögen Sie am meisten an der Regiearbeit?

Die Arbeit mit Menschen finde ich unheimlich toll und bereichernd. In der Vorbereitung auf einen Film muss innerhalb einer kurzen Zeit eine gewisse Echtheit und Tiefe entstehen, da dies für die Entwicklung der Figuren mit den Schauspielern sehr wichtig ist. Dafür ist eine Vertrauensbasis unerlässlich. Außerdem begeistert es mich, wenn man es mit einem Film schafft, Zuschauern einen anderen Blick, eine andere Perspektive zu vermitteln, die einen über das eigene Leben reflektieren lässt.

Glauben Sie, dass „Für meine Tochter“ uns in Sachen Flüchtlingskrise wachrütteln kann?

Ich hoffe es. Ich habe das Gefühl, es ist mittlerweile so wenig Empathie für die Flüchtlinge da und es wird nur noch darüber geredet, wie man diese Menschen aus unserem Land fernhalten kann. Ich denke immer, wie wäre es, wenn man selbst, oder die eigenen Kinder in diesem Land wären? Wenn der Film menschliche Empathie schaffen kann, wäre das sehr schön. Denn es sind einfach nur Menschen, welche um ihr Leben kämpfen und aus diesem Land weg wollen. Sie wollen uns hier nichts nehmen, nur sich selbst schützen.

 

"Für meine Tochter" feierte Premiere auf dem diesjährigen Filmfest in München

Stephan Lacant (hinten, vierter von links) feierte zusammen mit Cast und Crew auf dem diesjährigen  Filmfest in München Weltpremiere. Foto: Anna Hermann /Instagram

 

Ende des Jahres dreht Stephan Lacant („Fremde Tochter“, „Freier Fall“) wieder in Südamerika für ein Filmprojekt. Er studierte nach seinem Abitur Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum und Köln. Sein Regiestudium absolvierte Lacant am „Stella Adler Acting Conservatory“ in New York. Er selbst interessiert sich sehr für das Schauspiel und konnte durch sein Studium auch eigene Erfahrung vor der Kamera sammeln, welche ihm heute für seine Verfilmungen eine wichtige Grundlage bilden. „Für meine Tochter“ wird am 8. August 2018 um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Einen kleinen Vorgeschmack auf das phänomenale Drama findet ihr unter dem Link.

 

Im Interview des Monats gibt Dietmar Bär weitere spannende Einblicke zum Dreh. Weitere Infos zum Film findet ihr hier.