Interview des Monats

Karoline Schuch im Interview des Monats: „Ich weinte, als ich den Ballon sah“

Hauptrolle in Bullys neuem Thriller „Ballon“

 

„Bully ist mutig, sich an ein komplett neues Genre zu wagen“, sagt Hauptdarstellerin Karoline Schuch (36) über die einzigartige Verfilmung „Ballon“. Es ist die spektakuläre DDR Fluchtgeschichte, welche den Familien Strelzyk und Wetzel, mittels Heißluftballon 1979 ein neues Leben verschaffte. Ab Ende September können wir den Thriller auf der Kinoleinwand sehen. Schuch verkörpert die Rolle von Doris Strelzyk. Wir sprachen über ihre Erinnerungen an die DDR und die aufwändigen Dreharbeiten.

 

Michael Bully Herbig traut sich mit „Ballon“ an ein komplett neues Genre – dem Thriller. Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Muss ich machen. Außerdem dachte ich, wie mutig von ihm, sich an ein komplett neues Genre zu wagen. Ich bin stolz, dass ich dabei sein durfte.

Bei den Requisiten wurde sehr viel Wert auf Originalität gelegt und Michael Bully Herbig bestand darauf, den Ballon anhand der alten Bauanleitungen wiederherzustellen. Wie war es für Sie, mit dem riesigen Heißluftballon zu drehen?

Für den Film drehten wir sogar mit zwei verschieden großen Ballons. Direkt am Anfang sieht der Zuschauer einen gescheiterten Fluchtversuch. Dieser Ballon war mit seinen 28 Metern Höhe, im Vergleich zu dem zweiten Ballon, der eine Höhe von 32 Metern hat, sehr imposant. Ich weinte, als ich ihn das erste Mal sah.

So überwältigt?

Für mich ist generell ein Heißluftballon ein Sehnsuchtsobjekt. Ich stand das erste Mal am Set vor ihm und dachte nur daran, wie es gewesen sein muss, mit kleinen Kindern in einem nicht sicheren Ballon nachts in ein neues Leben zu flüchten. Da konnte ich nicht anders und musste weinen. Er wirkte auch einfach noch viel majestätischer in der Nacht, wie eine riesige Glühbirne am Himmel, einfach wunderschön.

Die Fluchtszenen sind sehr berührend und ich vergoss auch die ein oder andere Träne. Mir ging ständig durch den Kopf, welch hohes Risiko die Familie einging. Was dachten Sie in dem Moment, als Sie kurz davor waren, für den Dreh in das nicht sichere Konstrukt einzusteigen?

Es war wunderschön und angsteinflößend zugleich. Die Gondel hatte, wie damals die originale, eine Größe von 1,40 Meter auf 1,40 Meter. An den Seiten waren nur Wäscheleinen als Halterung befestigt. Zu wissen, dass sich dort die Familien reinsetzten, um ein neues Leben im Westen zu beginnen. Nicht wissend, ob sie es jemals schaffen, das hat mich auch schon in der Vorbereitung sehr beschäftigt und zu tiefst berührt.

Inwiefern hat Sie dies beschäftigt?

Ich fragte mich ständig, warum macht eine Mutter das? Warum begibt sie sich mit den Kindern und ihrem Mann in so eine Gefahr? Wenn sie diesen Ballon in voller Größe vor sich haben, der zu allem noch nicht sicher gebaut ist, löst es sehr viel in einem aus.

Das kann ich mir vorstellen. Allein schon die Tatsache, dass es keine festen Halterungen gab und nur die Wäscheleinen absichern sollten, würde bei mir die Panik auslösen.

Wir drehten maximal in sechs Metern Höhe und ich muss zugeben, dass dies nicht sehr angenehm war bei dieser Konstruktion. Die Familien flogen damals in 2.000 Meter Höhe und das noch in der Nacht. Nur die winzige kleine Flamme des Ballons gab ihn ein wenig Licht. Jedes Szenario, was der Zuschauer zu sehen bekommt, ist in der Realität viel imposanter gewesen. Es hat mich immer wieder sehr berührt, als ich den Film im Kino sah. Denn man muss bedenken: Die Geschichte ist eine wahre Lebensgeschichte zweier Familien.

David Kross und Friedrich Mücke bei den Dreharbeiten von Bully Herbigs neuem Film "Ballon"

Einblicke in die Dreharbeiten zu „Ballon“ – David Kross (alias Günter Wetzel) und Friedrich Mücke (alias Peter Strelzyk) bei dem zweiten Fluchtversuch. Foto: Studiocanal GmbH/Marco Nagel

Neben dem Ballon wurden viele original Requisiten für die Verfilmung genutzt. Von der Kleidung bis hin zu den Autos, der Film hat ein sehr starkes Szenenbild. Ist dies für Sie eine Hilfe im Schauspiel oder kann es auch eine Blockade auslösen?

Nein, generell sind solche Details eine große Hilfe. Einfach zu merken, dass eine Winterjacke damals eine andere Qualität hat, als heute. Zu merken, dass die damaligen Schlaghosen total unpraktisch sind, wenn man über eine nasse Wiese rennen muss, weil sie sich von unten mit Wasser vollsaugen. Außerdem hatte die Frau von damals nicht so viele Kleidungsstücke, wie die Frau von heute. Das ist der Grund, dass mein Kostüm sich immer mal wiederholt (lacht). Mir hilft es auch, eine andere Frisur und Haarfarbe zu haben. All diese Kleinigkeiten geben mir Zugang zu der anderen Frau und erleichtern das Spiel.

Erstaunlich fand ich, dass sogar zum Teil das Make-Up aus der DDR genutzt wurde.

Ja, ich hatte in der Anfangsszene bei der Jugendweihe einen apricotfarbenen Lippenstift aus der DDR, den unsere tolle Maskenbildenerin Tatjana Krauskopf besorgt hat. Er hat einfach eine ganz andere Haptik und Farbe. Außerdem waren die Lippenstifte von damals leicht bröckelnd, pflegen nicht so, wie die heutigen und der Geschmack ist auch sehr gewöhnungsbedürftig (lacht).

KAroline Schuch in dem neuen Bully Herbig Film "Ballon"

Ein Unikat – der aprocotfarbene Lippenstift aus der DDR. Foto: Studiocanal GmbH/ Marco Nagel

Der schlecht haftende Lippenstift lässt ein aufwändiges Maskenbild vermuten.

Ja, die Haare waren allein schon sehr aufwändig. Sie wurden immer aufgedreht, um den gewissen Schwung von damals zu bekommen. Früher betrieben die Frauen sehr viel Aufwand für ihre Frisuren im Vergleich zu heute.

Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Wir hatten ganz tolle Vorbereitungswochen mit Bully in München, um die einzelnen Szenen durchzugehen, haben mit allen Gewerken gesprochen, Kostüm und Maske erprobt.  Ich habe auch viel über die Fluchtgeschichte gelesen. Es gibt das Buch vom Stern „Mit dem Wind nach Westen“, was ich sehr lesenswert finde. Dann stellte ich mir natürlich die Frage: Warum sind die Menschen überhaupt aus der DDR geflohen? Ich bin selbst ein DDR Kind, aber meine Familie hatte nicht das Bestreben, wegzugehen. Deshalb musste ich für mich herausfinden, warum man sich und vor allem die geliebten Kinder in so eine große Gefahr begibt. Das war wichtig, um es spielen zu können.

Konnten Sie mit Doris Strelzyk über die damalige Zeit sprechen, um sich Eindrücke zu verschaffen?

Nein, leider konnte ich sie nicht Treffen, denn ihr Mann Peter verstarb vor einem Jahr. Deshalb bat ich nicht um ein treffen. Ich habe aber gehört, dass sie den Film sehr mag.

Ich mag das Spiel zwischen Peter (Friedrich Mücke) und Doris Strelzyk, alles ist stimmig und scheint mir bis ins kleinste Detail perfektionistisch angepasst zu sein. Wie viel Freiraum gab Ihnen Michael Bully Herbig, sich bei der Entwicklung Ihrer Figuren mit einzubringen?

Wir haben mit Bully sehr viel am Drehbuch gefeilt und geschaut, ob die verschiedenen Worte damals so ausgesprochen wurden, wie wir es planten. Gemeinsam überlegten wir: Ist dies eher ein modernes Wort? Passt der Dialekt? Friedrich Mücke und ich, wir alten Ossis, haben den ein oder anderen Satz mit ihm diskutiert (lacht). Bully war zum Glück sehr empfänglich dafür und hatte großes Interesse daran.

War die Flucht mit dem Heißluftballon eher wahnsinnig oder mutig?

Wahnsinnig mutig würde ich sagen. Man kann nur mutig sein, wenn man sich so etwas traut, aber Mut bedeutet ja nicht Abwesenheit von Angst.

Welche Erinnerungen haben Sie selbst an die DDR?

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, als die Mauer fiel und wir uns mit dem ersten Begrüßungsgeld Sachen gekauft haben. Jeder Bürger hat 100 Mark bekommen und ich kaufte mir eine „Barbie“ davon. Sie war über viele Jahre mein Heiligtum. Außerdem kaufte ich mir auch Obst, weil ich vieles noch nie gesehen hatte.

Was war es für Obst?

Die Sternfrucht und Physalis. Ich hatte auch noch nie in meinem Leben solche tollen gelben Bananen gesehen. Heutzutage kann man sich das wahrscheinlich nicht mehr vorstellen, aber damals war ich total fasziniert von diesem Anblick.

Würden Sie sagen, dass es ein großes Glück für uns ist, in der heutigen Zeit zu leben? Frei von jeglichen Vorschriften und Einschränkungen.

Ich glaube, dass es ein großes Glück ist, heute in einer viel freieren Gesellschaft mit real existierender Demokratie zu leben. Aber ich glaube auch, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl von damals eine Qualität hatte, die viele Menschen heute vermissen. Gerade die Menschen, die nach der Maueröffnung keinen Beruf mehr finden und Fuß fassen konnten. Dass eine Gesellschaft so radikal abgelöst wurde von einer völlig anderen war für viele nicht einfach. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn es schrittweiser, behutsamer passiert wäre.

Gibt es in dem Film eine Szene, die Sie sehr beeindruckt hat?

Es gibt zwei Szenen, die mich sehr berühren. Zum einen die Szene, wo Familie Strelzyk zum ersten Mal losfliegt.  Zum anderen, wo die Familie in einem Berliner Hotel wohnt, um sich vor der Stasi nach dem ersten gescheiterten Fluchtversuch zu verstecken. Peter Strelzyk liegt auf dem Bett und träumt die schlimmsten Dinge. Es wird einem nicht gleich klar, ob er es träumt oder ob es Realität ist. Das hat einen sehr hohen dramaturgischen Kniff, den Bully sich da ausgedacht hat.

Tilman Dobler, KAroline Schuch, Friedrich Mücke und Jonas Holdenrieder in Bully Herbigs neuem Film "ballon"

Nach dem gescheiterten Fluchtversuch, versteckt sich Familie Strelzyk  (von links: Tilman Dobler, Karoline Schuch, Friedrich Mücke, Jonas Holdenrieder) in einem Berliner Hotel. Foto: Studiocanal GmbH/Marco Nagel

Auf diese Kniffe bin ich reingefallen und saß fassungslos im Kinositz. Die Stasi stürmt in der Szene das Hotelzimmer und ich befürchtete, dass nun alles aus ist. Filme können manchmal gewisse Anstöße für das eigene Leben geben. Gibt es etwas, was Sie aus der Verfilmung für sich mitnehmen? 

Family First – egal, wo du bist, Hauptsache du bist von denen umgeben, die du liebst. Ich finde auch, dass der Film den Leuten, die der ganzen Flüchtlingsdebatte überdrüssig sind, einen Denkanstoß gibt. Auch Deutsche sind geflüchtet und das ist noch gar nicht lange her. Außerdem werde ich die Dreharbeiten mein ganzes Leben nicht vergessen, es war eine sehr arbeitsintensive und schöne Zeit.

Am 27. September 2018 kommt die einzigartige DDR Fluchtgeschichte in die deutschen Kinos. Neben Karoline Schuch sind Friedrich Mücke (Peter Strelzyk), Alicia von Rittberg (Petra Wetzel) und David Kroos (Günter Wetzel) in den Hauptrollen zu sehen. Es ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, die phänomenal in Szene gesetzt wurde. Ergreifend, packend und aufrüttelnd zugleich. Ein Film mit jeder Menge Gänsehaut-Momente, den man gesehen haben muss.