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„Angst in meinem Kopf“ Hauptdarstellerin – Claudia Michelsen: „Ich habe großen Respekt vor JVA-Beamten“

Packender Thriller im Ersten

 

In dem neuen Film von Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stiller („Tatort“) „Angst in meinem Kopf“ verkörpert Claudia Michelsen (47) Sonja Brunner. Eine Vollzugsbeamtin, die durch eine Geiselnahme ein Trauma erleidet und sich nach und nach von sich selbst entfernt. Wir sprachen über ihre besondere Rolle und die Arbeit der Justizvollzugsbeamten.

 

In Ihrer neuen Rolle verkörpern Sie Sonja Brunner, eine Justizvollzugsbeamtin, welche in einem Männergefängnis arbeitet. Durch eine Geiselnahme verliert sie den Boden unter den Füßen. Wie haben Sie die Veränderungen Ihrer Figur erlebt?                          

Wir haben es hier mit einer Figur zu tun, die so gar keine Heldin ist, eine Frau, die sich kontinuierlich immer mehr in ihre eigene Gefangenschaft, in ihre Katastrophe bewegt. Das war besonders, da man genau dabei zuschauen kann, wie es Schritt für Schritt dunkler wird in ihrem Leben.

Sie verändert sich zunehmend. Psychologische Hilfe lehnt sie ab und wechselt stattdessen lieber die JVA. Wäre Ersteres sinnvoller gewesen?

Natürlich, so ist es Flucht vor der Realität, aber die Folgen holen einen meistens wieder ein. Manchmal trifft man Entscheidungen, die einen noch tiefer in Situationen bringen, die man hätte vermeiden können. Ich denke, wir alle haben das schon erlebt.

In der heutigen Gesellschaft wird oftmals die psychologische Hilfe als Schwäche gesehen. Wie sehen Sie das?

Das sind überflüssige Urteile, die eigentlich keine Rolle spielen sollten. Wichtig ist doch nur, dass jeder das tut, was er braucht, um wieder in seine Kraft zu gelangen, um gesund und glücklich sein zu können. Ob das „Therapie“ heißt oder „spirituelle Reisen“, geht erst einmal niemanden etwas an, beziehungsweise steht niemandem zu, zu beurteilen.

Claudia Michelsen und Ralph Herforth in

Michael Zeuner (Ralph Herforth, rechts) macht Sonja Brunner (Claudia Michelsen, links) das Leben zur Hölle. Foto:NDR/Georges Pauly

Sonja Brunner wird von ihrem Trauma völlig eingenommen, als ihr Geiselnehmer in ihre neue Arbeitsstätte verlegt wird. Sie wird noch mehr von Angst dominiert, begibt sich in eine gefährliche erpressbare Situation und beginnt, Drogen oder Alkohol für die Insassen reinzuschmuggeln. Ich dachte die ganze Zeit: Warum kündigt sie nicht? Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Als ich das Buch zum ersten Mal las, konnte ich es kaum fassen, dass jemand so konsequent keine Heldin aus der Hauptfigur macht. Eine Frau, die Opfer ist und sich auch selbst dazu macht, unbewusst natürlich. Das gibt es nur selten. Und vielleicht kam auch daher die Lust auf diese Arbeit mit Thomas Stiller. Ich fand das Buch und vor allem die Figur sehr besonders. Was würde das für eine Reise werden in eine Geschichte, die erst einmal nur dunkel ist?  Natürlich setzt man sich selbst ins Verhältnis zu den Geschichten, die man erzählt. Wie lebt man sein eigenes Leben, ehrlich und aufrichtig? Lebt man Lebenslügen für andere? Und so weiter. Viele Fragen können sich da auftun. Aber dazu kam natürlich noch die tolle Besetzung mit den männlichen Kollegen.

Sie hat für mich trotz ihrer verheerenden Umstände eine ganz besondere Stärke gezeigt. Ihr wurde geraten, großen Abstand zu einem inhaftierten Sexualtäter zu halten. Trotzdem ließ Sonja Brunner sich nicht darauf ein und verbrachte sogar viel Zeit mit ihm. Wie beurteilen Sie diese Verbindung?

Das ist spannend, dass Sie das als Stärke empfinden, das gefällt mir. Für mich war es eher Not und die Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Er ist der einzige Mensch, der sie versteht. Ein Sexualverbrecher und eine schwache Frau kommen sich nahe und führen die ehrlichsten Gespräche miteinander. Man kommt ins Grübeln, wie oft bewegen wir uns in schnellen Vorurteilen? Nichts entschuldigt das, was er getan hat – Natürlich nicht. Aber warum? Was ist die Erkenntnis dahinter? Wir alle urteilen heutzutage sehr schnell und ohne ernsthafte Neugier. Eine spannende kluge Idee, das so in die Geschichte einzubauen.  Für mich war es sehr beeindruckend, wie JVA-Beamte den Insassen begegnen. Da gibt es erst einmal keine Vorgeschichte, um die sie natürlich trotzdem wissen. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit dieser Leute.

Claudia Michelsen und Charly Hübner in

Alle warnten Sonja Brunner (Claudia Michelsen, rechts) vor dem Sexualstraftäter Robert Sturm (Charly Hübner, links). Doch sie sah machte sich ihr eigenes Bild von ihm. Foto: NDR/Georges Pauly

Die JVA wirkt im Film recht kühl und trostlos. Wie fühlten Sie sich während des Drehs?

Es war kühl und trostlos. Wir drehten in einem stillgelegten Seitentrakt und es war natürlich ein komisches Gefühl, morgens rein- und abends wieder rauszufahren zu dürfen, so nah an der Realität zu sein und nebenan als Filmteam zu agieren. Da kommt man sich schon mal ziemlich merkwürdig vor.

Sie engagieren sich neben Ihren zahlreichen Drehtagen auch für verschiedene soziale Projekte. Woher schöpfen Sie die ganze Energie?

Ja, ich bin sehr eng mit dem Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche“ verbunden. Das sind die Helden meines Alltags, die Mitarbeiter, die jeden Tag landesweit hunderte Kinder von der Straße holen, ihnen Aufmerksamkeit, ein warmes Essen und vor allem Liebe geben. Das, was der Staat versäumt, leisten die Archen und alles auf hundertprozentiger Spendenbasis. Das ist unvergleichlich. Ich bin sehr dankbar dafür.

Claudia Michelsen in

Völlig von der Angst beherrscht – Sonja Brunner (Claudia Michelsen) kauert in einer Ecke der JVA. Foto: NDR/Georges Pauly

Am 10. Oktober um 20:15 Uhr wird im Ersten der packende Thriller mit Claudia Michelsen („Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“) ausgestrahlt. Mit dabei sind auch Ralph Herforth („Schutzengel“) und Charly Hübner („3 Tage in Quiberon“).

 

„Angst in meinem Kopf“

Sonja Brunner arbeitet als JVA-Beamtin in einem Gefängnis. Seit Jahren verdient sie, dass Geld für die Familie – ihre Stieftochter Iris und ihren Mann Jens. Der Autor hofft, mit seinem neuen Roman endlich bei einem Verlag landen zu können. Nach einem Zwischenfall mit dem Gefangenen Michael Zeuner, der Sonja Brunner bei einem Ausbruchsversuch als Geisel genommen hatte, wechselt sie in eine andere JVA – sie verdrängt das Erlebte und arbeitet weiter. Zunächst läuft auch alles gut, doch der finanzielle Druck zu Hause steigt. Der Insasse Walter nutzt Sonja Brunners Naivität aus und lässt sie für Geld kleine Dienste verrichten. Eines Tages wird ausgerechnet Zeuner an Sonjas neue Arbeitsstätte verlegt. Ihr einziger Vertrauter unter den Gefangenen, der Frauenmörder Robert Sturm, hilft ihr, als Zeuner und Walter sie immer mehr in die Abhängigkeit und Korruption treiben wollen.