Interview des Monats

Alwara Höfels im Interview des Monats: „Es ist noch viel Handlungsbedarf“

Packendes Drama im ZDF

 

„Wir haben abgetrieben!“ – am 06. Juni 1971 löste diese Schlagzeile auf dem Magazin „Der Stern“ eine Revolution aus. 28 Frauen standen öffentlich zu ihrer Abtreibung und trieben eine Diskussion in der Gesellschaft voran, ob und unter welchen Bedingungen eine Frau abtreiben darf. „Aufbruch in die Freiheit“ greift genau dieses Thema auf, zeigt einzigartig die Rolle der Frau von damals. Alwara Höfels (36) spielt neben Anna Schudt (44) eine emanzipierte Frauenrechtlerin, welche Vieles bewegt. Wir sprachen im großen Interview des Monats über die Rolle der Frau von damals bis heute und stellten fest, dass nach wie vor ein dringender Handlungsbedarf in vielen Bereichen besteht. 

 

Frau Höfels, Sie verkörpern eine für mich besondere Frau in den 70er Jahren. Charlotte setzt sich sehr für die Frauenbewegung ein und ist genau das Gegenteil des unterdrückten Frauenbilds von damals. Wie haben Sie Ihre Figur erlebt?

Charlotte kämpft für ein neues Frauenbild. Dafür, dass sie mehr in die Selbstverantwortung kommen. Sie hat ganz klar die Mechanik der Unterdrückung verstanden und agiert aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus. Im Vergleich zu ihrer Schwester Erika, welche als brave unterdrückte Metzgersfrau lebt, ist sie das komplette Gegenteil. Deshalb kann sie auch lauter sein und für die straffreie Abtreibung kämpfen. Für mich ist sie eine Parade Rolle.

Der Film thematisiert auch sehr schön das berühmte „Stern“ Cover, welches viele Porträtfotos von Frauen zeigt, die damals abgetrieben haben. Würden Sie sagen, dass wir froh sein können, nicht in den 70er Jahren als Frau gelebt zu haben?

Auf jeden Fall. Erika ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Sicherlich schaute ich durch den Dreh zurück und dachte mir: Was für eine spannende Zeit das damals gewesen sein muss. Aber keiner dachte, dass dieses „Stern“ Cover eine Notwendigkeit hatte. Die Leute sind auf die Straße gegangen und es wurde laut.

Sollten wir Frauen heute lauter sein?

Nicht nur wir Frauen. Die Gesellschaft sollte generell lauter sein. Sicherlich haben sich im Vergleich zu damals viele Dinge verändert, aber trotzdem sollten wir genau hinschauen, wo noch Handlungsbedarf ist. Wir haben in der heutigen Zeit, nicht wie in den 70er Jahren ein Informationsdefizit, sondern es gibt ganz klar ein Handlungsdefizit.

Alwara Höfels und Anna Schudt in "Aufbruch in die Freiheit"

Gemeinsam kann man viel bewegen – Charlotte (Alwara Höfels, links) und Erika (Anna Schudt, rechts) gehen mit vielen anderen Frauen auf die Straße um laut gegen den Paragraphen im Strafgesetzbuch zu werden. Foto: ZDF/ Martin Rottenkolber

Früher wurde viel mehr demonstriert, warum tun wir das heute nicht mehr?

Heute gibt es einen ganz anderen Leistungsdruck und Dinge, die uns vom Wesentlichen ablenken. Ich glaube, da muss man einfach wieder einen empathischeren Zugang zum Miteinander finden.

Wo sollten wir am meisten handeln?

Es gibt einige Bereiche. Ich finde es jedoch eine Fars, dass der Paragraf 218 im Strafgesetzbuch nach wie vor existiert. Dieses Gesetz wurde 1933 in Zeiten von Hitler verabschiedet. Erst 1995 wurde er gelockert, das heißt, mit bestimmten Auflagen darf eine Frau straffrei heutzutage abtreiben. Die Auflagen besagen, dass die Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen und frühestens nach drei Tagen eines verpflichtenden Beratungsgesprächs erfolgen darf. Der Eingriff bleibt unter diesen Bedingungen jedoch rechtswidrig. Aktuell haben wir den Fall einer Frauenärztin aus Gießen in den Medien verfolgen können, welche sich für einen Schwangerschaftsabbruch ausgesprochen hat und erst kürzlich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Der Film ist aktueller denn je.

Der Film ist vor allem unsere Chance, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Den Blick in die Vergangenheit zu werfen und sich im besten Fall damit auseinanderzusetzen. Ich selbst habe zwei sehr guten Freundinnen, welche sich für eine Abtreibung entschieden haben. Ich begleitete sie zu dem Beratungsgespräch von „Pro Familia“ und sie verliefen nicht so, wie man es sich erhofft hat. 

Wie liefen diese Gespräche ab?

Eigentlich müsste man über zwei Sichtweisen aufklären. In diesem Fall gab es aber nur eine moralische Sicht auf die Dinge. Und ich denke, dass eine selbstbestimmte Frau, die sich für diesen Weg aus nachvollziehbaren Gründen entscheidet, auch ernst genommen werden sollte. Dahingegen autonom handeln darf und sollte. Eines der Gespräche brachen wir sogar ab.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach noch ändern?

Wir haben nach wie vor eine Lohndiskriminierung. 1949 gab es die formale Gleichstellung zwischen Mann und Frau. 1977 durfte eine Frau ohne die Unterschrift ihres Mannes arbeiten. 1980 gabs die Lohngleichheit und wo stehen wir heute? Wir Frauen verdienen immer noch 21 Prozent weniger, als die Männer. Das Thema ist noch nicht fertig gedacht und es gibt noch viel Handlungsbedarf. In Schweden gibt es zum Beispiel für Frauen in Führungspositionen ein Jobsplitting. Auch ist es dort üblich, dass jeweils die Frau und der Mann drei Monate Elternzeit nehmen. Dies sind Formen, die bei uns durchaus denkbar wären.

Sind Sie privat auch ein Kämpfer Typ wie Charlotte, wenn Sie etwas ungerecht finden?

Ja, ich reagiere auf Ungerechtigkeit auch sehr stark. Aber ich denke, ich bin nicht so laut, wie Charlotte. Ihre Haltung zur Abtreibung ist in jedem Punkt für mich nachvollziehbar und wenn es ein Zettel dazu geben würde, würde ich alles dazu unterschreiben.

Carol Schuler, Anna Schudt, Franziska Hartmann und Alwara Höfels in "Aufbruch in die Freiheit"

Erika (Anna Schudt, zweite von links) wird zum ersten Mal laut in ihrem Leben. Gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels, rechts), deren Freundinnen Anett (Carol Schuler, links) und Gabi (Franziska Hartmann, zweite von rechts)  geht sie auf eine Demo. Foto: ZDF/Martin Rottenkolber

Wie sieht es derzeit mit der Rolle der Frau im Filmbusiness aus?

Wie ich an den angebotenen Rollenprofilen sehe, gibt es auch hier eine Veränderung. Vor zehn Jahren wurden noch andere Rollenbilder erzählt als heute, das begrüße ich an der Stelle. Es werden stärkere und emanzipierte Frauenbilder gezeigt. Das passt in unsere Zeit und ist auch notwendig.

Was dachten Sie, als Sie das erste Mal das Drehbuch gelesen haben?

Großartig, was für ein Geschenk. Ich habe es nicht geglaubt und musste es gleich noch mal lesen, das passiert selten. Die Dramaturgie und die starke Figurenzeichnung. Sie waren alle nachvollziehbar und vor allem die Darstellung der Männer hat mich sehr berührt. Das ist ein „One in a million Buch“, so eine Grundlage bekommst du nicht oft auf den Tisch. Dann kamen wir auch in der Traumkonstellation zusammen. Ich kenne Anna und fand sie immer spannend. In meinen kühnsten Träumen konnte ich mir aber nicht ausmalen, dass es sowohl vor, als auch hinter der Kamera so gut aufgeht. Auch in den Drehpausen diskutierten wir viel und erzählten uns unsere Familiengeschichten.

Ihr Spiel ist sehr packend und emotional. Man leidet förmlich mit Ihnen. Lange nach der Sichtung hat der Film mich noch beschäftigt. Vieles ging mir durch den Kopf.

Zu einem guten Film gehört aber auch ein gutes Buch. Alles Weitere baut sich darauf auf.

Von den Drehbuchautorinnen, über die Regie, bis hin zu dem Hauptcast – die Produktion war von Frauen dominiert.

Das stimmt, aber ich finde es sowieso wichtig, dass im Fernsehsektor mehr Frauen Regie führen, als im Kinosektor. Wir waren alle am Set in Demut für dieses Thema, sowohl die Frauen, als auch die Männer.

Welche Szene hat Sie am meisten bewegt?

Das ist der Nachklapp zur Abtreibung. Man sieht Erika auf der Straße nach dem fehlgeschlagenen Eingriff auf der Straße verbluten. Da hat es mich gerissen, und zwar in Gänze. Spielerisch waren für mich die Szenen im Krankenhaus sehr bewegend gewesen. Es gibt wenige Schauspieler, die auch im Off, also wo der Zuschauer sie nicht sehen kann, weil ich nur gezeigt werde, so phänomenal spielen können. Als sie dort im Bett lag und wir diese Szenen drehten, hat sie mich sehr berührt. Ich habe sie für jede Sekunde geliebt, die sie mir und dem Film mit ihrer Arbeit geschenkt hat.

Alwara Höfels und Anna Schudt in "Aufbruch in die Freiheit"

Zwei die sich vor und hinter der Kamera gefunden haben – Alwara Höfels (links) und Anna Schudt (rechts). Foto: ZDF/Bernd Spauke

Wie kommen Sie nach so einem emotionalen Dreh wieder zur Ruhe?

In dem Moment, wo jemand „Aus“ ruft, bin ich nicht mehr emotional dabei. Natürlich muss man schauen, dass man die Ökonomie über die vier bis fünf Wochen Drehzeit gut einteilt und im Nachlauf nicht nahtlos weiterarbeitet. Figuren, die sich aus dem Leben erzählen, wollen auch gelebt werden. Deswegen ist es auch wichtig, am Leben teilzunehmen und die Batterien wieder aufzuladen. Die Rolle resümieren und zur Ruhe kommen. Einfach ein wenig träumen und nachdenken, was man getan hat, um die nächste Arbeit schöpferisch tun zu können.

Gibt es eine Rolle, die Sie gerne noch spielen würden?

So eine Rolle wie Charlize Theron in „Monsters“ würde mich reizen. Eine Figur, die große Abgründe hat und erst mal düster ist. Ich habe mich oftmals für zweite oder dritte Rollen entschieden, um viele Rollenprofile zu haben, um nicht in einer Schublade zu landen. Die Saat ging bei mir auf und ich spiele jetzt nur noch Hauptrollen. Aber für die richtige Geschichte würde ich mich auch wieder in den Hintergrund stellen und motiviert von A nach B laufen, ohne etwas zu sagen.

Alwara Höfels in "Aufbruch in die Freiheit"

Charlotte ist für Alwara Höfels eine Parade Rolle. Foto: ZDF/Bernd Spauke

 

Alwara Höfels ist am 29. Oktober 2018, um 20:15 Uhr in der Rolle der emanzipierten Charlotte zu sehen. „Aufbruch in die Freiheit“ ist ein Film, der uns alle angeht und aufhorchen lassen sollte. Eine phänomenale Inszenierung und ein hervorragendes Spiel, welches hoffentlich vieles in unserer Gesellschaft bewegen wird.

 

„Aufbruch in die Freiheit“

Erika ist verzweifelt, als der Arzt feststellt: Schwanger! Noch ein Baby? Ihre drei Kinder, die Arbeit in der Metzgerei von Ehemann Kurt und dazu die Verpflichtungen, die das Dorfleben mit sich bringen, sind ihr jetzt schon zu viel. In ihrer Not reist sie unter dem Vorwand, ihre Schwester Charlotte zu besuchen, nach Köln. Dort lässt sie heimlich abtreiben. Der Eingriff misslingt jedoch, nur durch eine Not-OP können die Ärzte Erika retten. Als Kurt davon erfährt, gerät die Ehe in eine ernsthafte Krise. Obendrein kommt es zum Streit zwischen ihm und der ältesten Tochter Ulrike. Das Mädchen bekommt eine Empfehlung für das Gymnasium, doch Kurt sieht Ulrikes Zukunft im Familienbetrieb. Und gegen seinen Willen kann sich auch Erika nicht durchsetzen. Kurzentschlossen verlässt sie mit ihren Kindern Mann, Haus und Hof und zieht zu Charlotte. Bei dieser in Köln findet sie sich in einer anderen Welt wieder, in der kein Platz für Kurt zu sein scheint. Nach anfänglichem Zögern fasst Erika Mut und ordnet ihr Leben völlig neu. 

 

„Mein Bauch gehört mir!“

Anfang der siebziger Jahre begann mit dieser Parole die Frauenbewegung, mit dem Ziel die ersatzlose Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch zu erzielen. Eine historische Debatte, die lange anhält, wie auf der Seite des „Deutschen Bundestages“ nachzulesen ist.