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„Werk ohne Autor“ Hauptdarsteller – Tom Schilling: „Der erste Take ist magisch“

Großes Kino auf internationalem Erfolgskurs

 

Tom Schilling (36) hat sich seit Jahren in der deutschen Filmszene etabliert. Seit gut zwei Wochen ist er in der Hauptrolle des Films „Werk ohne Autor“ auf der Leinwand zu sehen. Eine Rolle mit wenig Text, dafür mit starker Körpersprache. Wir trafen den Berliner am Rande der Kino Tour im Kinocenter Gießen für ein persönliches Interview, um mit ihm über seine Rolle als Maler Kurt Barnert, seine Liebe zur Kunst und den weltweit umjubelten Film zu sprechen.

 

Herr Schilling, die Verfilmung „Werk ohne Autor“ zeigt schonungslos, mutig und herzergreifend ein wichtiges Stück unserer Zeitgeschichte. Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Ich fand es sehr komplex, weil es eine Menge Stoff über drei Dekaden deutscher Geschichte verknüpft und dazu noch vermittelt, wie gute Kunst entsteht. Das, was Florian da erschaffen hat, hat mich sehr beeindruckt. Die Geschichte ist von Anfang bis Ende in sich stimmig und bleibt bis zur letzten Minute spannend.

War dieser Aspekt für Sie der besondere Reiz, die Hauptrolle zu verkörpern?

Bei mir ist es immer eine Kombination aus drei Sachen. Erstens: Die Rolle. Ich schaue hier genau, ob mir etwas dazu einfällt und ob ich mich im Moment in der Rolle sehe. Zweitens: Der Regisseur. Florian ist jemand, der nicht viele Filme gemacht hat und gleich mit seinem Spielfilmdebüt „Das Leben der Anderen“ einen Oscar bekam, was ich sehr beeindruckend finde. Er ist ein Typ, der immer alles auf eine Karte setzt. Das sollte ein guter Regisseur meiner Meinung nach mitbringen und dies war für mich auch ein Grund, mit ihm zu arbeiten. Drittens: Das Drehbuch. Mich muss die Geschichte packen.

Herr von Donnersmarck zeigt wie kein anderer zuvor sehr detailliert die Euthanasie Maßnahme an Psychisch-Kranken und Schwerbehinderten Menschen. Auch werden Traumatisierungen durch den Krieg in Szene gesetzt.

Ich glaube, er hat mit diesem Film ein Werk erschaffen, was er schon immer machen wollte und keiner konnte ihm reinreden. Er war überzeugt davon, dass der Film genauso sein muss, wie er jetzt geworden ist. Das bewundere ich an ihm.

Sie wollten selbst einmal Maler, wie Ihre Figur Kurt Barnert, werden. Warum ist es am Ende dann doch das Schauspielen geworden?

Weil ich ein ganz einfacher Mensch bin, der über Anerkennung funktioniert. Die bekam ich schneller durch die Schauspielerei. Mit 16 habe ich angefangen, ernsthaft Filme zu drehen und merkte mit „Crazy“, dass wenn ich einen sehr guten Regisseur habe und ein gutes Team um mich rum habe, ich eine gewisse Kraft habe als Schauspieler. Dies war mir vorher nicht bewusst und hat mir sehr gutgetan. In meinen Zwanzigern habe ich allerdings mit meiner Entscheidung lange gehadert – dachte, Schauspieler ist der falsche Beruf für mich.

Warum?

Neu zu sein und Talent zu haben ist immer einfach, aber dann lange dabei bleiben zu können, ist unheimlich schwer. Das ist wie in einer Liebesbeziehung, das erste Jahr ist alles „wow“ und dann merkst du, dass du dich nicht immer neu erfinden kannst. Damals habe ich oft gedacht: Schade, dass ich doch nicht Maler geworden bin. Dann könnte ich jetzt in meinem Atelier mit ein paar Farben vor einer Leinwand stehen ohne diesen großen Druck. Am Ende durfte ich jetzt doch einmal Maler sein (lacht).

Diese Gedanken sind verständlich, denn das Filmbusiness ist eines der größten und schnelllebigsten, was wir haben. Außerdem sind Ihre Angebote trotz großer Bekanntheit sehr stark von außen abhängig und von jetzt auf gleich kann Ihre Karriere trotz großer Bekanntheit vorbei sein.

Ja, das dachte ich damals immer. Mittlerweile habe ich aber rausbekommen, dass es immer irgendwie weiter geht. In gewisser Weise habe ich mich auch etabliert, aber genau dies zu schaffen ist unheimlich schwer. Das Problem ist aber auch in anderen Genres vorhanden. Roland Kaiser und die Rolling Stones sind zum Beispiel seit mehr als 40 Jahren im Geschäft. So etwas zu schaffen und halten ist harte Arbeit.

Martin Otto, Tom Schilling und Florian Henckel von Donnersmarck im Kinocenter Gießen

Gut eine Stunde nahmen sich Tom Schilling (mitte) und Florian Henckel von Donnersmark (rechts) Zeit für ein intensives Filmgespräch mit dem Publikum. Moderiert wurde das ganze von Martin Otto (links), dem Leiter des Kinocenter in Gießen. Foto: Sabrina Heun

Kommen wir zurück zur Malerei. Wer ist ihr Lieblingsmaler?

Die Werke von Gerhard Richter gefallen mir sehr gut. Außerdem habe ich eine Schwäche für deutsche Romantik, wie Caspar David Friedrich. Ich mag eher die düstere Malerei und kann mit Pop Art überhaupt nichts anfangen. Die Bildergattung von Seestücken finde ich sehr toll und traurig. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich meine ganze Wohnung damit voll hängen.

Muss ein gutes Gemälde also eine gewisse Traurigkeit für Sie haben?

Ja, es muss mich aufwühlen. Ich mag Bilder, die mir einen wohligen Schauer bereiten und in schwere große Stuckrahmen passen. Diese Gattung von Bildern mag ich am liebsten.

Sie haben früher Malkurse besucht. Malen Sie derzeit noch?

Nein, ab und zu zeichne ich noch. Für den Film habe ich wieder mehr damit angefangen und auch zusammen mit dem Maler, welcher die Bilder in unserem Film gemalt hat, zusammengearbeitet. Habe mit Öl gemalt und das zentrale Bild im Film, die Verhaftung des Burghart Kroll, den Chef des Euthanasie Programms, habe ich ebenfalls in einem Kleinformat gemalt.

Im Film haben Sie sehr wenig Text und mussten sehr viel mit der Körpersprache arbeiten. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe sehr viel nachgedacht und bin mit dem Stoff schwanger gegangen, wie man so schön sagt. Bestimmt habe ich mich vier Monate nur mit der Malerei befasst. Habe Texte von Gerhard Richter gelesen und besuchte Vorlesungen an der Kunstakademie. Dort habe ich mich sehr intensiv mit den Studenten unterhalten, denn Vieles hat bei der Kunst nicht nur mit dem Machen zu tun, sondern auch mit dem Darübersprechen. Außerdem baute ich Keilrahmen und Bilderrahmen in einem Atelier. Dann eignete ich mir noch verschiedene Techniken an, um großformatige Bilder zu malen. Es war alles in allem eine sehr intensive Vorbereitungsphase.

Sie verkörpern ihn mit sehr viel Würde. Wie sah es am Drehtag selbst aus, wie schlüpften Sie kurz vor dem Dreh in Ihre Rolle?

Das Schwierigste ist für mich tatsächlich, mich vor dem Dreh in die Rolle einzufinden und zu dem Punkt zu kommen, dass ich am ersten Drehtag sicher bin. Vor jedem Dreh habe ich Alpträume. Denke, ich kann das nicht mehr. Das ist ein Klassiker bei uns Schauspielern, dass wir träumen, am Set zu stehen und plötzlich gab es neue Seiten im Drehbuch (lacht). Man möchte sich einfach nicht vor dem ganzen Team blamieren und es ist nun mal auch die teuerste Kunstform, die wir haben. Da möchte man keine Patzer machen und die teure Drehzeit schädigen. Ich bin davor immer völlig angespannt und kein guter Familienmensch. Während des Drehs bin ich wie in einem Tunnel und meistens voll fokussiert. Sicherlich gibt es auch mal Drehs, wo ich viel lache, aber meistens bin ich in meiner eigenen Welt.

Ihre Figur hat eine heftige Blockade und kann plötzlich nicht mehr malen. Wie lösen Sie Ihre Blockaden während des Drehs, wenn es Sie einmal plötzlich trifft?

Das passiert leider ganz oft. Manchmal reagiere ich mit Selbsthass und Verachtung darauf. Aber es bringt natürlich einen nicht weiter. Insofern sollte man sagen, es ist wie es ist und die Situation akzeptieren.

„Werk ohne Autor“ ist an die Lebensgeschichte des Künstler Gerhard Richter angelehnt. Haben Sie ihn vor dem Dreh kennenlernen dürfen?

Nein, das haben beide Seiten nicht forciert. Florian wollte, dass ich meine eigene Figur erschaffe. Natürlich habe ich mir auch Filme wie „Gerhard Richter Painting“ oder andere Filmaufnahmen von ihm angeschaut. Er ist kein expressiver Maler, sondern eher ein sehr spiritueller, innerlicher Maler.

Man sagt oft, dass die Kunst aus dem Inneren entsteht. Ist dies bei der Schauspielerei genauso?

Ja, viele Karrieren von den Schauspielern sind von ihrem persönlichen Geschmack sehr geprägt. Jeder sucht sich die Stoffe aus, die er richtig und gut findet. Er muss auch Stoffe finden, die zu ihm passen. Es gibt meiner Meinung nach immer den Schauspieler für die richtige Rolle. Manchmal kann ich es gar nicht sagen, warum ich ein Drehbuch richtig gut finde. Bei mir ist es oft ein Bauchgefühl, was sich bis zum Drehen fortsetzt. Es ist kein strategisch durchdachter Prozess. Am Ende hoffe ich immer, dass ich es schaffe, etwas Wahrhaftiges und Echtes umsetzen zu können.

Gibt es eine Szene im Film, die Sie sehr ergriffen hat?

Als Schauspieler darf mich im Spiel keine Szene ergreifen. Das ist ein klassischer Anfänger Fehler. Denn dann stehst du außerhalb deiner Figur und schaust auf deine Szene. Wenn ich als Schauspieler sage: Meine Figur tut mir leid, weil ihm etwas Schreckliches wiederfahren ist. Diese aber eigentlich nicht wehleidig ist, dann habe ich etwas falsch gemacht.

Mich hat die Schlussszene sehr ergriffen. Kurt Barnert steht vor einer Reihe Busse und lässt sie für sich alle auf einmal Hupen. Dies hat seine Tante Elisabeth immer gerne gemocht, welche aufgrund ihrer Schizophrenie vergast wurde.

Das stimmt, diese Szene ist sehr schön. Ich mag dieses Schlussbild sehr, weil meine Figur endlich angekommen ist. Ich ihm einen gewissen Frieden schenken kann.

„Sieh niemals weg“ – ein Hinweis den Kurt von seiner Tante früh eingeprägt bekommen hat. Schaut die Gesellschaft heute manchmal noch gerne weg, wenn es unangenehm wird?

Ein schwieriges Thema, was sich nicht pauschalisieren lässt. Ich kann es verstehen, wenn man sich vor schlechten Nachrichten schützt. Früher fand ich dies ignorant und war der Meinung, man müsse sehen, wie schlecht die Welt ist, in der wir leben und muss was dagegen tun. Heute habe ich aber dafür Verständnis, wenn man sich nur auf die guten Sachen fokussiert. Ich bin der Meinung, jeder sollte es so tun, wie er es für richtig hält. Wenn er dann sich privat vornimmt, nett zu sein, ist schon viel getan.

Florian Henckel von Donnersmarck soll ein sehr akribischer Regisseur sein. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Er schaut sehr genau hin und sucht sehr ausdauernd nach etwas ganz Besonderem, was er vorher im Kopf hatte. Wir haben zum Teil sehr viele Takes gedreht.

Tom Schilling - ein Star zum anfassen im Kinocenter Gießen

Tom Schilling erhielt viel Lob und Anerkennung vom Publikum für seine Rolle des Kurt Barnert. Foto: Sabrina Heun

Das ist sehr ungewöhnlich.

Nein, es kommt immer auf den Regisseur an. Manche drehen nur zwei, andere wiederum mehr. Für mich persönlich sind die ersten Takes immer die magischen, da es neu ist. Manchmal brauchen andere Schauspieler oder auch Teammitglieder mehrere. Das bringt immer eine gewisse Unruhe mit, die ich überhaupt nicht mag. Ich glaube fest an die Magie des ersten Takes und das der Schauspieler intuitiv etwas richtig macht. Man hat sich für ihn entschieden und ich glaube, er begreift viel tiefer als alle anderen seine Figur.

Im Ausland wird „Werk ohne Autor“ auf vielen Festivals mit „Standing Ovation“ gefeiert. Wie erging es Ihnen, als Sie sich zum ersten Mal bei der Weltpremiere auf dem „Filmfestival Venedig“ auf der großen Leinwand sahen?

Ich muss grundsätzlich alle meine Filme vorab immer schauen. Am liebsten mache ich dies auch ganz für mich allein. Ich muss mich daran gewöhnen und mich mit Sachen anfreunden können, die ich überhaupt nicht mag. Ansonsten bin ich total angespannt. In Venedig war ich somit vorbereitet und als wir dann noch Standing Ovation bekamen, war es wundervoll. Grundsätzlich ist es sehr schön mitzuerleben, wie viel Zuspruch und Lob wir von den Zuschauern bekommen. Egal, ob im Ausland oder jetzt wie hier auf der Kino Tour, alle sind total begeistert, was uns natürlich sehr freut.

Der Film ist in der Vorauswahl für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Was machen Sie, wenn er einen bekommt?

Dann treffen wir uns erneut für ein Interview und ich würde wie im Film zum Pinsel greifen, um ein Bild zu malen, was wir am Ende für einen guten Zweck versteigern.

Deal. Was nehmen Sie aus diesem Filmprojekt für sich mit?

Ich habe durch Florian eine gewisse Offenheit in spirituellen Dingen bekommen und habe einen Akkord an mir kennengelernt, den ich vorher nie auf meiner inneren Klaviatur gespielt habe. Es hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht, wofür ich Florian sehr dankbar bin.

Was erwartet den Zuschauer mit „Werk ohne Autor“?

Es erwartet ihn ein dreistündiger Film, der in keiner Minute langweilt und eine spannende Geschichte über drei Epochen deutscher Geschichte erzählt.

 

Wir dürfen also gespannt sein, ob Tom Schilling schon bald sein versprechen einlösen darf. Derzeit läuft der Film in zahlreichen deutschen Kinos und auf vielen Festivals weltweit.

Sabrina Heun und Tom Schilling

Gibt`s ein Oscar – wird gemalt. Versprochen ist versprochen. Tom Schilling mit mir nach dem Interview.

 

„Werk ohne Autor“

Der Film ist inspiriert von wahren Begebenheiten über drei Epochen deutscher Geschichte von dem dramatischen Leben des Künstlers Kurt (Tom Schilling, „Oh Boy“), seiner leidenschaftlichen Liebe zu Elisabeth (Paula Beer, „Bad Banks) und dem folgenschweren Verhältnis zu seinem undurchsichtigen Schwiegervater Professor Seeband (Sebastian Koch, „Das Leben der Anderen“), dessen wahre Schuld an den verhängnisvollen Ereignissen in Kurts Leben letztlich in seiner Kunst und seinen Bildern ans Licht kommt.

 

Mein Fazit

„Werk ohne Autor“ zeigt ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, perfekt, liebevoll und gleichzeitig schonungslos inszeniert. Er bricht Tabu Themen, wie die Thematisierung von Euthanasie Maßnahmen Psychisch-Kranker und Schwerbehinderter Menschen. Er zeigt außerdem die Folgen einer Traumatisierung, wie kein anderer Film je zuvor. Es lässt nur hoffen, dass ein so wichtiger Film, der unsere Vergangenheit meisterlich aufarbeitet, seine verdiente Anerkennung erhält, uns dadurch wachrüttel und zwingt, ein Stück vergangenes aufzuarbeiten.