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„Die Protokollantin“ Drehbuchautorin und Regisseurin – Nina Grosse: „Man muss eine Filmfigur ernst nehmen“

Fünfteilige Serie mit Iris Berben, Moritz Bleibtreu, Peter Kurth und vielen anderen

 

Es gibt sie, diese Filmfiguren, welche einen so fesseln, dass man nicht abschalten kann. Man will unbedingt wissen, warum sie sich seltsam verhält und zu der Person geworden ist, die sie ist. Die einem noch lange nach dem Abschalten in Erinnerung bleibt und zum Nachdenken anregt. Iris Berben verkörpert ab Samstag in der neuen ZDF-Serie „Die Protokollantin“ genau solch eine Figur. Freya Becker, eine geheimnisvolle Frau, die sich durch den tragischen Verlust ihrer Tochter von sich selbst entfernt und in einem Morddezernat tagtäglich mit den härtesten Fällen konfrontiert wird. „So haben wir Iris Berben noch nie gesehen“, schwärmt Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse (60) und verrät im Interview ihr Erfolgsgeheimnis für die Entwicklung dieser faszinierenden Filmfigur.

 

Frau Grosse, Sie haben mit Freya Becker eine faszinierende Figur erschaffen, die einem das Abschalten der Serie deutlich erschwert. Wie entstand die Idee, über eine Protokollantin in einem Morddezernat eine mehrteilige Serie zu schreiben?

Die Grundidee stammt von dem Münchner Krimiautor Friedrich Ani. Er hat einmal mit einer Protokollantin gesprochen und sie erzählte ihm von ihrem Arbeitsalltag. Da entstand die Idee, zu zeigen, was mit einer Frau passiert, die tagtäglich hauptsächlich männliche Gewalttaten protokolliert. Was löst das in ihr aus? Sie kann nichts dazu sagen, kann nicht eingreifen und darf sich nicht äußern. Dies auszuloten fanden wir interessant und ich habe daraufhin die Bücher entwickelt.

Wie sind Sie beim Konzipieren der Filmfigur genau vorgegangen?

Ich habe zum ersten Mal eine „Bibel“ geschrieben, wie die Amerikaner das nennen. Dazu habe ich rund zwanzig Seiten pro Filmfigur geschrieben, mir ihre Biografie und jedes nur erdenkliche Detail aus ihrem Leben ausgedacht.  Dadurch sind die einzelnen Geschichten zu den Figuren sehr lebendig geworden.  Freya, zum Beispiel: mir wurde klar, dass sie als ältere Frau jemanden braucht, der ihr bei ihren Taten hilft. Wo also lernt sie, die Protokollantin, eine Person aus der Halbwelt kennen? Wo treffen sie sich? Welches Verhältnis haben sie zueinander? Aus diesen Überlegungen entstand die Figur des Damir, den Freya in meiner Vorstellung auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter getroffen hat. So formte sich nach und nach die komplexe Figur der Freya Becker mit ihren zwei Leben.

Iris Berben in "Die Protokollantin"

Iris Berben ist Freya Becker in der neuen ZDF-Serie „Die Protokollantin“. Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen

Sie wird von Ihnen sehr charakteristisch und detailverliebt dargestellt. Wie haben Sie diese Figur, mit all ihren unfassbar vielen überraschenden Facetten, entwickelt?

Es ist wichtig, die Filmfigur ernst zu nehmen. Gerade so eine ambivalente Figur wie Freya.  Dazu habe ich ihr ein Umfeld geschaffen, was sie glaubhaft wirken lässt. Ich stellte mir die Frage: Was muss mit einer Frau im Vorfeld passiert sein, dass sie sich so weit von sich selbst entfernt? So kam ich auf die Geschichte, dass ihre Tochter verschwunden ist und Freya auch nach 11 Jahren nicht weiß, was mit ihr passiert ist. Freya konnte diese Tochter nie beerdigen und entwickelt dadurch einen eigenen schwarzen Blick auf die Welt.  

Mich berühren sehr die Szenen, in denen Freya nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Sie füttert ihre Katze, schenkt sich ein Glas Wein ein und erzählt ihr die neuesten Kriminalfälle. Man merkt dadurch von Minute zu Minute, wie Freya sich von sich selbst entfernt.

Ich habe mir vorgestellt, dass sie immer noch in der ehemaligen Familienwohnung lebt – wo die Geister ihrer verschwundenen Tochter Marie und ihres verstorbenen Ehemannes durch die Zimmer wandern. Es gibt nur noch die Katze als letztes Relikt. Sie wollte nie ausziehen, alles hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Nein, Freya bleibt fast manisch an ihrem alten Leben kleben.

Iris Berben und Zoe Moore in "Die Protokollantin"

Freya Becker (Iris Berben, links) sieht oftmals den Geist ihrer verschwunden Tochter Marie (Zoe Moore, rechts) in ihrer Wohnung. Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen

„Die Protokollantin“ ist ihre erste Serie. Worauf mussten Sie bei dem Verfassen des Drehbuchs im Vergleich zu den bisherigen Filmen besonders achten?

Die Herausforderung bestand darin, ein starkes Ensemble zu schaffen. Außerdem, die großen Bögen in der Geschichte so zu zeichnen, dass die Zuschauer auch bereit sind, fünf Folgen dran zu bleiben. Ich fand es spannend, wie man mit Vergangenheit im horizontalen Erzählen umgehen kann. Dieses große Puzzle und wann fügt man wieder ein fehlendes Teil hinzu.

Nina Grosse und Iris Berben während der Dreharbeiten zu "Die Protokollantin"

Nina Grosse (links) drehte gemeinsam mit Iris Berben (rechts) ihre erste Serie. Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen

Worin lag die Herausforderung im Entstehungsprozess der fünf Folgen?

Ich habe ehrlich gesagt die Postproduktion unterschätzt. Wir haben rund acht Monate für den Schnitt, die Tonbearbeitung, die Musik gebraucht. Man muss immer wieder durch alle Folgen gehen und den Aufbau prüfen. Stimmen die Spannungsbögen von der letzten Folge mit der ersten überein? Da braucht man schon einen längeren Atem, als beim klassischen Einzelstück.

In der Serie werden viele Fälle und Verhöre von Straftätern skizziert. Sind diese original oder fiktiv inszeniert?

Das sind original Fälle, die ich verfremdet habe. Der erste Fall mit Thilo Mencken zum Beispiel, ist an den Fall „Pascal“ angelehnt. Eine Geschichte von einem Jungen, der Anfang 2000 angeblich von einer ganzen Kneipen Belegschaft missbraucht wurde und danach nie wiederauftauchte. Das war einer der größten Kriminalfälle in Deutschland und alle Beschuldigten wurden nach einem sechsjährigen Prozess wieder freigesprochen.

Moritz Bleibtreu und Iris Berben in "Die Protokollantin"

Freya Becker (Iris Berben, rechts) und ihr Bruder Jo Jacobi (Moritz Bleibtreu, links) haben beide eine schwere Last mit sich zu tragen. Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen

Sie verfassen oft das Drehbuch und führen im Anschluss Regie. Ist dies eher ein Vor- oder Nachteil?

Wenn man schreibt und anschließend auch Regie führt, weiß man sehr genau, was man beim Drehen will. Man hat den Film beim Schreiben ja schon einmal gesehen. Ich habe dann eine sehr präzise Vision von dem Stoff, bin sozusagen „sattelfest“, was, glaube ich, für alle Mitarbeiter von Vorteil ist… Wenn ich ein fremdes Buch verfilme, muss ich mich ja in eine fremde Vorstellungswelt einarbeiten, das ist auch sehr reizvoll, aber ein ganz anderer Prozess.

Was erwartet den Zuschauer in den kommenden fünf Folgen?

Ihn erwartet eine komplett neue Iris Berben. Ich würde sagen, so haben wir sie noch nicht gesehen. Außerdem gibt es eine ziemlich spannende Geschichte zu sehen, die mit der Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ zu tun hat, aber auch eine traurige Liebesgeschichte erzählt.

Iris Berben und Peter Kurth während der Dreharbeiten für "Die Protokollantin"

Iris Berben (links) und Peter Kurth (rechts) während der Dreharbeiten. Foto: ZDF/Alexander Fischerkoesen

„Die Protokollantin“ nahm in diesem Jahr bei den „Cannesseries“ der Filmfestspiele in Cannes teil. Die neue ZDF-Serie startet ab dem 20. Oktober 2018 um 21:45 Uhr. In fünf Folgen zeigt sich nicht nur Iris Berben von einer Seite, die wir bisher noch nie an ihr gesehen haben. Auch Moritz Bleibtreu überzeugt in der Rolle als ihr Bruder Jo Jacobi. Ein schwacher gebrochener Mensch, der an seinem Glück festhält. Rund fünf Jahre arbeitete Nina Grosse („Schuld ll – Cello“, „Schuld – Der Andere“) mit ihrem Team an der Serie. Gedreht wurde an 73 Drehtagen in Berlin und Bayern.

Nina Grosse

Nina Grosse wurde im August 1958 in München geboren. Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften absolvierte sie ein Regiestudium an der „Film- und Fernsehhochschule“ in München. 1988 erhielt sie den „Bayerischen Filmpreis“ für „Der Gläserne Himmel“. Es folgte 1991 der Max-Öphüls-Preis für den Spielfilm „Nie im Leben“. Ihr Film „Der verlorene Sohn“ wurde 2009 mit dem Bernd Burgemeister Preis ausgezeichnet.