Cast & Crew

„Keiner schiebt uns weg“ Hauptdarsteller – Christoph Bach: „Ansprüche an Frauen sind höher“

Film zur ARD Themenwoche „Gerechtigkeit“

 

Die Produktion eines Films dauert durchaus manchmal Jahre, bis der Zuschauer das Ergebnis im TV zu sehen bekommt. Umso erschreckender ist es, wenn das Thema plötzlich aktueller denn je ist. Christoph Bach (43) verkörpert in dem ARD-Themenwochenfilm „Keiner schiebt uns weg“ – ein Betriebsratsmitglied in den 70er Jahren, der mit drei Frauen für eine Lohngleichheit für Frauen und Männer kämpft. Im gemeinsamen Gespräch stellten wir fest, soviel hat sich nicht verändert, oder doch?

 

Herr Bach, „Keiner schiebt uns weg“ ist eine grandiose Verfilmung über den Kampf der Lohngleichheit in den 70er Jahren und das Thema ist gerade aktueller denn je. Was macht für Sie den Film besonders?

Beim Lesen des Drehbuchs wurde mir schnell klar, dass es ein Stoff ist, der eine große Aktualität hat. Frauen verdienen heutzutage immer noch 21 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Das Besondere an dem Film für mich ist, dass er sehr schön herausarbeitet, dass Männer meist gar kein Bewusstsein für diese Lohnungleichheit hatten – und immer noch nicht haben. Für sie ist es normal, dass Frauen deutlich weniger verdienen. Außerdem zeigt der Film, dass es großen Mut und Kampfgeist benötigt, solche Ungerechtigkeiten zu thematisieren, das Schweigen zu brechen.

Ich fand es sehr interessant, dass Ihre Figur Richard („Ritschi“) Blaschke  ebenfalls am Anfang sehr skeptisch war, obwohl er eigentlich als Betriebsratsmitglied dies nicht hätte sein dürfen. Wie haben Sie seine Veränderung erlebt?

Obwohl er Mitglied im Betriebsrat ist, kann auch Ritschi sich schlicht nicht vorstellen, dass hinter der Lohnungleichheit tatsächlich ein System steckt. Als er beginnt zu recherchieren und feststellt, dass die Vorwürfe stimmen, entscheidet er sich die Arbeiterinnen zu unterstützen. Ich fand es schön zu erleben, wie Ritschi bei diesem Kampf für Gerechtigkeit und durch sein Engagement plötzlich auch sozial eine ganz andere Rolle bekommt, sich persönlich öffnen kann. Am Anfang der Geschichte lebt er eher zurückgezogen, aber im Verlauf blüht er auf.

Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie?

Ich glaube, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, ist es wichtig, sich seine eigenen Privilegien bewusst zu machen. In Bezug auf den Film, würde dies bedeuten, dass Männer sich fragen sollten: Welche Privilegien habe ich? Wo bin ich bereit, welche abzugeben? Bietet mir die Abgabe eventuell sogar Vorteile? Manchmal sind Männer vielleicht auch in einem Rollenbild gefangen, das sie unglücklich macht, verhärtet und im schlimmsten Fall verkümmern lässt. Sich für Geschlechtergerechtigkeit stark zu machen, ist somit für alle ein großer Gewinn.

Wie sieht es denn mit der Gleichberechtigung für Frauen im Filmbusiness derzeit aus?

Nach wie vor gibt es beispielsweise viel mehr Sprechrollen für Männer, als für Frauen. Und häufig sprechen die Frauenfiguren miteinander fast nur über die Männerfiguren. Aber ich erlebe gerade, dass das in Drehbuchbesprechungen viel öfter thematisiert wird und völlig andere Perspektiven aufmacht. Das Schöne daran ist: die Bücher werden dadurch einfach besser.

Das Szenenbild war enorm. Gezeigt wird meist eine alte Fabrik, wo die Frauen Bilder entwickeln und diese für den Versand abpacken. Wie war es für Sie, in die Welt der 70er Jahre einzutauchen?

Das Szenenbild war wirklich toll. Besonders interessant ist natürlich, dass der Film in einem Foto-Labor spielt. Die zu gering bezahlten Frauen entwickeln täglich Bilder von Menschen, die ein Leben führen, dass sie sich selbst so nicht leisten können. Sie sehen Fotos von Urlauben, Familienfesten und Restaurantbesuchen. Das macht natürlich wütend und bestärkt sie in ihrem Kampf für gerechten Lohn.

Wie haben Sie sich für den Film vorbereitet?

Die Geschichte ist an wahre Begebenheiten angelehnt. In Gelsenkirchen gab es tatsächlich so ein großes Fotolabor, wo die Frauen für mehr Lohn kämpften. Diese Zeit ist gut dokumentiert und wir hatten einiges an Material. Auch der Filmtitel „Keiner schiebt uns weg“ ist einem Lied-Text der sogenannten „Heinze-Frauen“ entnommen. Außerdem ist es ein richtiger Ensemble-Film. Wir haben viel über das Drehbuch gesprochen und intensiv geprobt.

Können wir also davon ausgehen, dass es ein paar hitzige Diskussionen am Set gab?

Auf jeden Fall! Die Diskussionen wurden immer wieder durch das aktuelle Tagesgeschehen befeuert: in 70er-Jahre-Kostümen am Set zu sein und in den Nachrichten dauernd über ähnliche Dinge zu lesen, gab uns manchmal das Gefühl, wir spielen die Jetztzeit.

Sie sind ein Kind der 70er, wie haben Sie die Entwicklung des Frauenbildes damals erlebt?

Wenn ich an meine Schulklasse am Gymnasium denke, waren bei einigen Mitschülern zwar beide Elternteile berufstätig, oft arbeitete allerdings die Frau nur in einer Halbtagsstelle, weil sie sich danach noch um den Haushalt und die Kinder kümmern musste. Diese Dinge wurden aber nicht unbedingt als wirkliche Arbeit angesehen und auch nicht so entlohnt. So entstehen Abhängigkeiten, obwohl die Ansprüche an Frauen oft viel höher sind. Trotzdem hat sich damals auch schon einiges geändert. Auf meiner Schule damals war die coolste Person, – weil souverän, schlau und lustig zugleich -, ein Mädchen aus der 12. Klasse. Auch die Jungs haben irgendwann alle versucht so zu sprechen und auszusehen wie sie.

Christoph Bach, Alwara Höfels, Karsten Antonio Mielke und Regisseur Wolfgang Murnberger drehten "Keiner schiebt uns weg"

Ein Teil des Casts  mit Regisseur Wolfgang Murnberger (rechts) – von links: Christoph Bach, Alwara Höfels und Karsten Antonio Mielke. Foto: WDR/(52)

 

Christoph Bach ist zusammen mit Alwara Höfels („Zweiohrküken“), Imogen Kogge („Donna Leon – Das goldene Ei“) und Katharina Marie Schubert („Zuckersand“) am 14. November 2018 um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen. „Keiner schiebt uns weg“ ist ein Film, der uns ganz klar zeigt, dass wir uns in Sachen Lohngleichheit noch nicht viel bewegt hat und noch ganz klar Handlungsbedarf besteht. Außerdem ist er der Beweis, was wir bewegen können, wenn wir den Mut fassen und gegen Ungerechtigkeiten ankämpfen.

 

„Keiner schiebt uns weg“

Gelsenkirchen, 1979. Durch Zufall erfährt Lilli (Alwara Höfels), dass ihr Mann Kalle (Karsten Antonio Mielke) und seine Kollegen deutlich mehr Lohn für ihre Arbeit bekommen als die Frauen im Fotolabor. Und das, obwohl Kalle noch gar nicht so lange im Betrieb ist. Lilli und ihre beiden Freundinnen Gerda (Imogen Kogge) und Rosi (Katharina Marie Schubert) sind aufgebracht und wollen dagegen angehen, steht doch seit über 30 Jahren im Grundgesetz: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. In Bezug auf Lohngleichheit hat sich aber nichts verändert. Dabei haben die drei Frauen eigentlich schon genug Probleme. Lilli kämpft mit dem Vater ihrer beiden Kinder, der sie zu allem Überfluss mit einer anderen Frau betrügt. Auch ihre selbstverliebte Mutter Charly (Gitta Schweighöfer), die viele gutgemeinte Ratschläge für ihre Tochter bereithält, ist keine große Hilfe. Dazu kommen die unbezahlten Rechnungen und ein kaputtes Auto. Rosi hingegen arbeitet heimlich bei Foto Kunze – gegen den Willen ihres Mannes –, um das heile Bild vom Familienglück aufrechtzuerhalten, denn das Geld ihres Mannes Wolfgang (Martin Brambach) reicht für ihren Lebensstandard nicht aus. Und Gerda fristet nach dem Tod ihres Mannes ein recht einsames Dasein in ihrer Gartenlaube. Doch die Frauen wollen sich nicht länger unterbuttern lassen. Für eine Anklage gegen ihren Arbeitgeber benötigen sie mehr als die Hälfte der Frauen im Betrieb hinter sich. Lilli, pragmatisch wie sie ist, sieht darin kein Problem und fühlt sich durch den Zuspruch des Betriebsratsmitglieds Ritschi (Christoph Bach) und der Gewerkschaft bestärkt. Dabei legen sich die Frauen nicht nur mit der gesamten Chefetage ihrer Firma an, sondern auch mit den männlichen Kollegen im Betrieb und ihren Familien.