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„Was uns nicht umbringt“ Regisseurin und Drehbuchautorin – Sandra Nettelbeck: „Wir müssen wieder aufmerksamer sein“

Mitte November ist Kinostart

 

„Seargent Pepper“ – ein erfolgreicher Film aus dem Jahre 2004 ist der Anlass für das neue Filmprojekt von Sandra Nettelbeck (52). Und das kann sich aufgrund einer fabelhaften Inszenierung durchaus sehen lassen. Wir sprachen mit ihr über die Entstehung des Films und die umfangreiche Figurenentwicklung.

 

Frau Nettelbeck, in Ihrem neuen Film steht ein Therapeut im Vordergrund, welcher nicht nur mit seinen Patienten, sondern auch mit sich selbst zu kämpfen hat. Wie kamen Sie auf diese außergewöhnliche Filmidee?

Als August Zirner in „Sergeant Pepper“ im Jahr 2004 schon zum zweiten Mal als Therapeut auftrat, versprach ich ihm, dem Therapeuten seinen eigenen Film zu schreiben. Eines Tages fiel mir der Titel „Was uns nicht umbringt“ ein. Die Grundlage für den Film war also ein altes Versprechen und eine neue Idee.

Wie sind Sie dann auf die zahlreichen unterschiedlichen Figuren gekommen? Einer hat eine Zwangsstörung, die andere wiederum ist Hypochonder und wieder ein anderer hat eine starke Depression.

Wenn ein Psychotherapeut im Zentrum eines Reigens steht, trifft man wie von selbst eine bunte Mischung von menschlichen Störungen.

Wie sind Sie bei der Erstellung des Drehbuchs vorgegangen?

Es wurde schnell klar, dass ich unmöglich alle Geschichten gleichzeitig schreiben konnte. Also habe ich mir die verschiedenen Erzählstränge separat vorgenommen. Ich fing an mit den Figuren, die am weitesten von Max entfernt waren und arbeitete mich langsam an seine Handlung heran. Als ich dann mit allen Geschichten fertig war, arbeitete ich sie in den Haupterzählstrang von Max ein. So ging ich auch beim Schnitt vor.

Was war für Sie das Schwierigste?

Die Balance zu halten war unheimlich schwer. Ich konnte nicht allen Geschichten den gleichen Platz einräumen. Loretta, die Ex-Frau von Max, hatte vorher zum Beispiel viel mehr Raum. Vieles musste ich kürzen, weil ich sonst den einzelnen Geschichten die Luft zum Atmen genommen hätte. Das war auch die große Herausforderung beim Schneiden, denn nur, weil es auf dem Papier eine wunderbare Dynamik hat, heißt das noch lange nicht, dass diese auch im Film funktioniert.

Was mir besonders bei Ihrer Verfilmung aufgefallen ist, war das Szenenbild. Wie schwer war es für Sie, das Passende zu finden?

Ich habe wie bei „Bella Martha“ erneut mit dem wunderbaren Szenenbildner Thomas Freudenthal zusammengearbeitet. Wir mussten aber zum Beispiel lange suchen, um den richtigen Zoo zu finden und hatten schließlich das große Glück, im Pinguin Gehege im Wuppertaler Zoo drehen zu dürfen. Wir wurden ganz toll vom dortigen Team unterstützt. Es ist nicht einfach, mit Tieren und den notwendigen technischen Voraussetzungen eines Drehs zu arbeiten.

Mir gefallen unheimlich gut die Szenen, in denen die Figuren sich ihren Gedanken hingeben. Sich denken, was sie gerade in der Sekunde gerne tun würden, sich es aber letztlich nicht trauen. Sollten wir nicht manchmal mehr über unseren Schatten springen und seinen Sehnsüchten nachgehen?

Ich glaube, das tut einem immer gut. Man kann dies glaube ich aber nicht immer verallgemeinern. Je nachdem, was derjenige für Fantasien hat, sollte man es manchmal lieber für sich behalten (lacht). Grundsätzlich denke ich jedoch, könnten wir offener mit unseren Sehnsüchten gegenüber denen, die uns kostbar sind, umgehen. Damit sie wissen, was wir uns wünschen.

August Zirner und Barbara Auer in "Was uns nicht umbringt"

Max (August Zirner, links) sucht den Halt bei seiner Ex-Frau (Barbara Auer, rechts). Foto: Matthias Bothor/ Alamode Film

Laufen wir manchmal vor Problemen davon?

Ja klar. Wir laufen gerne vor unseren Problemen davon, weil jeder Lösungsversuch Risiken birgt. Max sagt zum Beispiel sehr schön zu seinem Hund: Du musst erst dein Verhalten ändern, dann ändern sich auch deine Gefühle. Das ist der Leitsatz der Verhaltenstherapie. Wenn wir uns dies zu Herzen nehmen, kommen wir irgendwann leichter durch den dunklen Tunnel, vor dem wir uns fürchten. Das wird einem nicht geschenkt, aber es lohnt sich auf jeden Fall, daran zu arbeiten.

Würden Sie sich wünschen, dass die Zuschauer sich dies aus Ihrem Film als Message mitnehmen?

Ich freue mich natürlich, wenn die Leute sich angesprochen fühlen und sich wiedererkennen in meinem Film. Wenn das außerdem noch dazu führt, dass vielleicht jemand etwas riskiert, was er sonst vielleicht nicht getan hätte, dann wäre das wunderbar.

Weniger Drehtage und eine komplett neue Technik – nur ein paar Dinge, die sich im Filmbusiness in den letzten Jahren geändert haben. Wie empfinden Sie die ganzen Neuerungen?

Weniger Drehtage waren schon immer ein Problem. Was ich sehr schade finde ist, dass den Leuten die Aufmerksamkeit immer mehr abhandenkommt, weil alles viel schneller wird. Die Kommunikation ist zum Beispiel schneller und vielfältiger geworden, und ich habe das Gefühl, dass dies auf Kosten der Aufmerksamkeit geht, die Leute hören nicht mehr genau hin oder lesen E-Mails nicht mehr zu Ende. Dabei ist es im Leben so wichtig, dass wir gut zuhören und genau hinschauen. Damit wir nichts, womöglich das Wichtigste, verpassen.

Was erwartet den Zuschauer mit Ihrem neuen Film?

Im besten Fall eine Geschichte, die ihn sowohl zum Lachen, als auch zum Weinen bringen kann, in der sich an der einen oder anderen Stelle wiedererkennt.

 

Rund vier Jahre hat Sandra Nettelbeck an „Was uns nicht umbringt“ gearbeitet. Das Ergebnis, welches in 39 Tagen entstand, ist ab dem 15. November 2018 in den deutschen Kinos zu sehen. Mit dabei sind unter anderem August Zirner („Sergeant Pepper“), Johanna ter Steege („Sergeant Pepper“), Barabara Auer („Nachtschicht“) und Bjarne Mädel („Gundermann“).

 

 

 

„Was uns nicht umbringt“

Als Vater zweier jugendlicher Töchter – mit einer eigensinnigen Ex-Frau, die zugleich seine beste Freundin ist, einem schwermütigen Hund, den er sich gerade erst angeschafft hat, und seinen eigentümlichen Patienten – braucht Psychotherapeut Max wahrlich keine neue Herausforderung. Aber wenn Sophie, die bezaubernde Spielsüchtige mit Beziehungsproblemen, stets zu spät in seiner Praxis erscheint, gerät Max vertraute Welt ins Wanken. Während er sich noch einzureden versucht, Profi genug zu sein, um Profi zu bleiben, führt eine unverhoffte Begegnung der beiden zu immer mehr Verstrickungen – und es passiert, was nicht passieren sollte: Der Therapeut verliebt sich in seine Patientin. Wie soll er ihr helfen, ohne sich einzumischen? Wie kann er sie lieben, ohne sie zu verlieren? Hin- und hergerissen zwischen Gefühl und Verstand, zwischen seiner Patientin und der Frau, die er liebt, muss Max zunächst dem alten Flugzeugleitsatz folgen: Helfen Sie sich selbst, bevor Sie versuchen, anderen zu helfen.