Cast & Crew

„100 Dinge“ Hauptdarsteller – Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer: „Vergesst das Wesentliche nicht“

Neuer Film von Florian David Fitz in den Kinos gestartet

 

Gerade vor Weihnachten befinden wir uns gerne schnell im Stress. Müssen noch das letzte Geschenk besorgen, benötigen die Zutaten für das Festmahl und auch der Weihnachtsbaum muss der Beste sein. Doch brauchen wir wirklich all das, um glücklich zu sein? Florian David Fitz (44) zeigt in seinem neuen Film „100 Dinge“, was wirklich im Leben zählt. Zusammen mit Matthias Schweighöfer gastierte er im Cineplex Marburg, wo wir die beiden Schauspieler am Montag zu einem intensiven Gespräch trafen.

 

Seit einer Woche ist der neue Film von Florian David Fitz (44) in den Kinos. Nach seinem letzten Filmprojekt „Der Geilste Tag“, wo es um zwei schwerkranke Personen ging, landet er mit seinem neuen Film nun seinen neuen Coup. Nicht nur das Schauspiel scheint dem Münchner zu liegen, auch in Sachen Drehbuch und Regie beweist er erneut, welch großartiges Talent in ihm steckt.  In „100 Dinge“ geht es um die beiden Freunde Paul (Florian David Fitz) und Toni (Matthias Schweighöfer). Zusammen entwickeln sie eine App, welche wie „Siri“ mit den Menschen spricht. Allerdings kann „Nana“, so heißt die Digitale-Freundin aus der App, Gefühle wahrnehmen und entsprechend darauf eingehen. Die zwei Freunde verkaufen die App für sehr viel Geld und im großen Übermut wetten sie, dass sie 100 Tage auf alles verzichten können, was sie besitzen. Grund dafür ist ihre Konsumsucht. Und mit alles ist wirklich alles gemeint. Ihnen bleibt nur der Schlüssel an der Halskette, mit dem sie Zugang zu ihrer Speicherbox und all ihren Habseligkeiten haben. Jeden Abend dürfen sie sich einen Gegenstand zurückholen und schon beginnt das Problem: Was brauche ich eigentlich?

Dokumentation aus Finnland ist Auslöser

 „Die Idee zum Film kam mir durch eine Dokumentation aus Finnland. Dort hat ein Mann wirklich 100 Tage auf all seine Sachen verzichtet und sich jeden Abend einen Gegenstand zurückgeholt“, erzählt Florian David Fitz im Gespräch. „Mir war es wichtig, dass die Figuren eine Echtheit besitzen und ich auch die älteren Generationen mit einbeziehe. Sie hatten damals während und nach dem Krieg nichts, trotzdem waren sie zufrieden. Wir haben heute alles und sind größtenteils unzufrieden.“ Auch wenn es eine Komödie ist, schlägt der Filmemacher ernste Töne an. So zeigt er deutlich, wie sehr sich unsere Welt durch die Digitalisierung verändert hat. Wie beeinflussbar und unzufrieden wir sind. Uns dem endlosen Konsum hingeben und unseren Zielen hinterherrennen, um am Ende für kurze Zeit glücklich zu sein. Doch auf diesem Weg geht Vieles vergessen. „Paul hechtet so sehr seinem Ziel hinterher, dass er nicht mitbekommt, dass seine Oma verstirbt. Für mich ist diese Szene eine der bewegendsten, weil sie so viel über unser Verhalten aussagt. Als ich mich eben heimlich ins Kino geschlichen habe, lief genau diese Stelle auf der Leinwand. Ich habe ein paar Seufzer gehört, was mich sehr freut, denn dann habe ich genau das erreicht was ich wollte – die Leute zum Nachdenken bringen“, schmunzelt Fitz. „Man denkt immer: Wenn ich das Ziel erreicht oder mir etwas Bestimmtes gekauft habe, bin ich glücklich. Aber so ist das Leben nicht. Als ich mir meine erste Wohnung und mein Klavier gekauft habe, war ich glücklich. Aber es hielt nicht für ewig“, gibt der Schauspieler zu bedenken.  „Es gibt zwar immer das Versprechen, dass uns die Dinge, die wir kaufen, glücklich machen, aber vielleicht sollte man ehrlich mal hinterfragen, ob dies auch wirklich so ist.“ Ihre Figuren sind einem enormen Konsumrausch ausgeliefert. Doch wie sieht es privat aus? „Als Schauspieler kommen wir automatisch in den Rausch des Konsums und müssen nicht einmal etwas dafür tun. Wir bekommen viele Dinge von Firmen geschenkt. Sind eigentlich ständig am aussortieren. Größtenteils spende ich an einem Second-Hand-Laden von der Diakonie oder verschenke es an Freunde“, so Fitz.

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Wir hatten ein intensives Gespräch mit den beiden, was uns sehr nachdenklich stimmte. Foto: Sabrina Heun

Digitalisierung verändert

Vieles habe sich durch die Digitalisierung in den letzten Jahren verändert. „Ich erinnere mich gerade oft an die Zeit zurück, in der man sich noch Briefe geschrieben hat. Was wir da alles in der Zeit machen konnten, wo wir noch nicht ständig am Handy hingen. Heute wache ich auf oder setze mich ins Auto und schaue zuerst auf Instagram oder in meinem E-Mail-Postfach nach Nachrichten“, schildert Matthias Schweighöfer. „Es gibt Leute, die surfen permanent im Internet und beschäftigen sich nur auf diesem Wege mit der Außenwelt. Auch ich merke mit erschrecken, wie viel Zeit ich damit verbringe und frage mich: Wo soll das noch alles hinführen?“ Fitz fügt hinzu: „Die Frage können wir momentan noch nicht beantworten. Eigentlich sollte die Erfindung der E-Mail alles erleichtern und die Zeit für den gesparten Postweg für etwas anderes freiräumen. Doch ist stattdessen alles viel mehr und schneller geworden, was uns das Leben eigentlich erschwert“.

Handy ist nach wie vor unerlässlich

Paul und Toni müssen für 100 Tage Vieles aufgeben. Da stellt sich die Frage: Was können die Hauptdarsteller getrost weglassen? „Auf mein Handy kann ich nur schwer verzichten. Es erleichtert uns Vieles, aber es verändert auch unser Bewusstsein. Wir haben das Wissen der Welt in unserer Hand und dies bringt automatisch eine Veränderung mit sich, die wir derzeit aber noch nicht verstehen.“, schildert Fitz nachdenklich. „Wir stehen erst am Anfang und es ist wichtig, dass uns dies bewusst wird. Dass wir aufwachen und merken, dass etwas passiert und wir Regeln dafür schaffen müssen“, fügt er hinzu. Auch Schweighöfer könne nur schwer auf Dinge verzichten und sein Handy weglegen fällt ihm schwer. Doch was hat dies eigentlich für einen Grund? Warum fällt es uns Menschen so schwer, das Handy oder andere Dinge einfach wegzulassen? Fitz und Schweighöfer sind sich einig. „Ich habe für mich eine Analogie herausgefunden, warum ich nicht ohne mein Handy kann. Man drückt einen Knopf und schon erscheint der Nächste, den man wieder drückt und ein neuer geht auf. Diese Knöpfe zu drücken, ermöglicht uns, unsere Bedürfnisse zu befriedigen“, erklärt Florian David Fitz seine Theorie und fügt hinzu: „Wir merken gar nicht mehr, wie sehr wir damit beschäftigt sind, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Ich würde gerne die Zeit, die dazwischen liegt, wieder ein bisschen erweitern. Dass man bewusst diesen Raum genießt und nicht nur noch nach seinen Wünschen lebt.“

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Für viele ging in Marburg ein Wunsch in Erfüllung – ein Selfie mit Matthias Schweighöfer. Foto: Sabrina Heun

Dreharbeiten bei Eiseskälte

Ende Februar bis Mitte April haben in Berlin die Dreharbeiten stattgefunden. Eine besondere Herausforderung für Cast und Crew waren die Nacktszenen, welche am Ende im Film nur rund sieben Minuten ergeben. „Es war gar nicht so einfach, die Nacktszenen im Loft zu drehen. Man musste immer genau schauen, wie wir am besten vor der Kamera laufen, ohne dass man diverse Stellen von uns sieht“, lacht Fitz und fügt hinzu: „Auch konnten wir keine Mikros an uns befestigen, wie wir dies normalerweise für eine bessere Tonqualität tun.“ Alles sei diesmal ein wenig anders gewesen, doch stellt sich berechtigt die Frage: Sind die Schauspieler wirklich nackt bei Eiseskälte durch Berlin gerannt? „Natürlich“, flunkert Matthias Schweighöfer breitgrinsend und gibt am Ende doch zu: „Wir haben uns bei der Szene, wo wir die Oberbaumbrücke entlang rennen, doubeln lassen. Das war aber das Einzige“. Beeindruckend ist erneut das Maskenbild von Charlotte Chang, die hervorragend eine Augenentzündung bei Schweighöfer zum Vorschein bringt. „Toni bekommt eine starke Entzündung, weil er seine Kontaktlinsen wegen der Wette nicht wechseln kann. Hierzu bekam ich Augenblut in die Augen. Das sind Tropfen, die meine Tränenflüssigkeit rot werden ließen. Sie waren ziemlich unangenehm“, erinnert sich Schweighöfer. „Ich war echt fies und habe immer schön nachtropfen lassen, weil es manchmal für die Szene nicht reichte. Für Matthias waren diese Drehtage nicht leicht, denn er bekommt in einer weiteren Szene, die Augen mit Kamillenteebeuteln zugedeckt. Manchmal sah er am Drehtag für lange Zeit nichts, was sehr unangenehm für ihn war“, schildert Fitz.  

Was können wir tun?

Der Film regt zum Nachdenken an. Doch wie können wir uns verändern? Matthias Schweighöfer rät: „Einfach das Handy während dem Schlafen nicht neben das Bett legen oder aber am besten komplett ausschalten. Das ist schon ein kleiner Anfang, aber ein großer Schritt.“ Und der Regisseur gibt noch mit auf den Weg: „Wenn ihr Apps herunterladet, schaut genau, was sie alles für Funktionen haben. Denn ich habe während der Recherchen für meinen Film herausgefunden, dass die Apps uns zum Teil abhören können, ohne dass wir dies merken.“

Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz in "100 Dinge"

Was brauchen wir eigentlich wirklich im Leben? Matthias Schweighöfer (links) und Florian David Fitz (rechts) fangen in ihren Rollen bei Null an. Foto: 2018 Warner Bros. Ent.

Florian David Fitz hat nach seinem letzten Filmprojekt „Der Geilste Tag“ mit „100 Dinge“ ein Film erschaffen, welcher uns aufhorchen lassen und zum Nachdenken anregen sollte. Auch, wenn er an manchen Stellen in die Extreme geht und maßlos übertreibt, so ist es doch die beste Lehre für uns, endlich aufzuwachen. Zu sehen, wie wir uns in den Zeiten der Digitalisierung verändert haben und vielleicht noch verändern werden. Gerade in der besinnlichen Weihnachtszeit, welche leider nur noch von Hektik und Konsum geprägt ist, ist die Geschichte, die einem Großstadtmärchen gleicht, eine große Bereicherung. Denn es erinnert uns an die wesentlichen Dinge im Leben: Mut, Miteinander, Vertrauen und Liebe. Es war Zeit, dieses Thema auf die Leinwand zu bringen und uns an das Wesentliche im Leben zu erinnern.