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„Charité“ Interviewreihe – UFA CEO und Produzent Nico Hofmann: „Der Markt wird durch Mut bestimmt“

Start der neuen Staffel – Wie alles begann

 

Am vergangenen Dienstag startete die zweite Staffel der Erfolgsserie „Charité“. Für uns ist sie eine der besten Serien Deutschlands und gilt gerade für die Schauspieler als Karrieresprungbrett. Deshalb blicken wir in unserer Interviewreihe zusammen mit den Filmemachern hinter die Kulissen. Den Anfang macht Nico Hofmann (59), mit dem wir zurück auf die Anfänge und die Produktion der sechs neuen Folgen blicken.

 

Herr Hofmann, am Dienstag startete die zweite Staffel von „Charité“. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, eine Serie über das weltbekannte Krankenhaus in Berlin zu drehen?

Die Drehbuchautorin Dorothee Schön kam auf uns zu. Sie hatte die Geschichte in Zusammenarbeit mit Dr. Sabine Thor-Wiedemann, die auch Ärztin ist, genaustens recherchiert. Beide haben sich sehr lang um die Rechte in Gesprächen mit der Charité bemüht. Ich gebe zu, ich war damals sehr skeptisch, ob das Format funktioniert.

Was löste die Skepsis bei Ihnen aus?

Ich war nicht sehr vertraut mit der Wilhelminischen Zeit. Die erste Staffel beginnt ja mit der Gründung der „Charité“. Es war eine Zeit, die für mich nicht sehr präsent war und mich deshalb nicht sofort anzog. Als ich aber die Drehbücher zum ersten Mal in der Hand hielt und lesen konnte, welch emotionales und politisches Zentrum sich hinter der Geschichte des Krankenhauses verbirgt, war ich sehr begeistert.

Die zweite Staffel thematisiert die Jahre 1943 bis 1945. Eine Zeit, in der alles politisch war und die „Charité“ einem perfiden Gesundheitssystem unterlag. Wie groß war die Skepsis, genau diesen Zeitabschnitt zu verfilmen?

Da ich schon immer etwas über Ferdinand Sauerbruch, den außergewöhnlichsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts, drehen wollte, brauchten mich die Autorinnen nicht zu überzeugen. Ferdinand Sauerbruch ist eine sehr ambivalente Person und diese unheimliche Moraldiskussion, die die zweite Staffel aufzeigt, ist nochmal ein ganz anderer Blickwinkel auf die damalige Zeit und die „Charité“.

Ulrich Nöthen als Fwerdinand Sauerbruch in der zweiten Staffel der Erfolgsserie "Charité"

Ulrich Nöthen verkörpert Ferdinand Sauerbruch. Foto: ARD/Xiomara Bender

Wenn ich die neue Staffel sehe, stehen die Chancen sehr gut, dass Sie an die bisherige Erfolgsgeschichte anknüpfen kann. War es für Sie sehr lehrreich, auch mal ein Projekt umzusetzen, wo das Bauchgefühl am Anfang nicht gleich stimmte?

Auf jeden Fall. Es war aber vor allem auch eine Vertrauenssache. Ich kenne Dorothee Schön sehr lange. Wir haben zusammen studiert und sie ist jemand, dem ich wahnsinnig vertraue. Und bisher haben wir gemeinsam viele Erfolge erzielt. Sie schreibt für uns gerade das Drehbuch zu „Die Porsche-Saga“ auf der Grundlage des Buches von Stefan Aust und Thomas Ammann.

Für mich war es am Anfang eine starke Umstellung, dass ein großer Sprung und Cut zur ersten Staffel gemacht wird. Von 1888 springt der Zuschauer in das Jahr 1943. Worin lag für Sie die Herausforderung bei den neuen Folgen?

Genau dieser Cut war eine große Herausforderung. Alle Zuschauer rechnen damit, dass wir genau dort weitererzählen, wo wir bei der ersten Staffel aufgehört haben. Viele vermuteten nach der ersten Staffel, dass sie Alicia von Rittberg in ihrer Rolle als Ida Lenze weiterverfolgen können. Wir haben viel mit Jana Brandt, der MDR Fernsehspielchefin, diskutiert, ob wir einen Zeitsprung wagen. Im Mittelpunkt der Serie sollte die Charité selbst als Institution im Wandel der Zeit stehen und wir entschlossen uns dazu, die wichtigsten Zeiten der medizinhistorischen Geschichte zu zeigen. Wir haben uns bewusst für die Jahre 1943 bis 1945 entschieden, um einen Brennpunkt der Medizingeschichte ins Zentrum zu stellen. Die „Charité“ bietet mit ihrem über dreihundertjährigem Bestehen eine sehr gute Möglichkeit, politisch relevante Themen wieder in das Gedächtnis der Zuschauer zu holen, was gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig ist.

Gedreht wurde erneut in Prag, wo aufgrund der Gebäudestruktur ein enormer Vorteil für einen historischen Dreh besteht. Ist dies im Vergleich zu einem Studio Dreh in Deutschland für Sie ein Vor- oder Nachteil, mit dem ganzen Team im Ausland zu drehen?

Dass wir in Prag drehen, hat auch etwas mit den Produktionskosten zu tun. Wir sparen dort im Durchschnitt 30 Prozent im Vergleich zu Deutschland ein.

Das ist eine enorme Summe, die man bei einer großen Produktion einsparen kann.

Ja, am Ende ist die Entscheidung aber auch eine Mischung aus dem finanziellen Aspekt und der dortigen Gebäudestruktur. Gewisse Kulissen findet man nur noch in Prag.

Was müsste sich ändern, dass diese große Schere des finanziellen Aspektes nicht noch weiter auseinandergeht und wir auch High-End-Formate vermehrt in Deutschland drehen?

Oliver Berben und ich sind leidenschaftliche Verfechter einer Umstrukturierung des deutschen Filmfördersystems. Wir sind der Meinung, dass High-End-Serien in Zukunft eine andere Beachtung finden müssen. Es darf nicht sein, dass wir im europäischen Wettbewerb zu besseren Konditionen in anderen Ländern produzieren können, als bei uns. Die Sender möchten, dass wir mit immer weniger Budget produzieren. Also bleibt uns manchmal leider keine andere Wahl, als im Ausland zu drehen. Politisch gesehen wäre es notwendig, auf dem gleichen Level in Deutschland produzieren zu können.

"Charité" zweite Staffel

Eine Serie die erneut in die Geschichte eingehen wird. Zum Erfolgsensemble gehören in der zweiten Staffel – von oben links: Ulrich Nöthen (Ferdinand Sauerbruch), Mala Emde (Ani Waldhausen), Luise Wolfram (Margot Sauerbruch), Jannik Schümann (Otto Marquardt), Artjom Gilz (Dr. Artur Waldhausen) und Jacob Matschenz (Martin Gruber). Foto: ARD/Julie Vrabelova/Montage Maria Jülisch

Ich finde es im Vergleich zum Europäischen Markt immer sehr schade, dass wir bei deutschen Serien immer nur eine geringe Anzahl von Folgen produzieren. Die USA startet im Vergleich meist mit rund 25 Folgen pro Staffel und wir meist selten mit über zehn Folgen. Ist dies auch eine Folge der Kosteneinsparungen?

Je geringer die Stückzahl der Folgen ist, umso teurer ist das Programm. Die Amerikaner können also mit 25 Folgen per se wesentlich günstiger produzieren. Dazu muss man sagen, dass sie ebenfalls sehr viel in Tschechien und Ungarn drehen. Ich finde, dass jeder Stoff eine gewisse Erzählzeit hat. Deshalb fühle ich mich auch sehr wohl mit den jetzigen sechs Folgen der zweiten Staffel „Charité“. Die Serie hat genau die richtige Länge, um diesen geschichtlichen Abschnitt zu erzählen.

In den neuen Folgen werden, wie bei der ersten Staffel, die medizinischen Gegebenheiten sehr originalgetreu und mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Für Sie ein Muss?

Ja, natürlich. Dr. Sabine Thor-Wiedemann hat uns während des Drehs ununterbrochen medizinisch beraten. Am Ende muss jedes Detail stimmen, und hier wird auch viel Rechercheaufwand betrieben, sonst hätten wir auch nicht die Unterstützung der „Charité“ bekommen.

Wie viel Einfluss hat die Marktforschung heutzutage auf eine Serien- oder Filmproduktion? Betreiben Sie selbst mit der UFA gewisse Nachforschungen, welcher Stoff dem Zuschauer gefallen könnte, oder trauen Sie sich lieber Outside-the-Box an Themen ran?

Alle wichtigen UFA-Produktionen der letzten Jahre sind Outside-the-Box entstanden. „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Charité“ und „Deutschland83“ waren Programme, die anfangs gegen erheblichen Widerstand produziert worden sind. Bei diesen Projekten haben wir keine Marktforschung betrieben, um zu schauen, ob es dem Zuschauer gefallen könnte. Ich bin auch ein Gegner davon, eine Marktforschung in diesem Zusammenhang zu beauftragen. Sicherlich lässt sich ein Trend erforschen, aber das Publikum schaut heute spezifischer denn je auf die Qualität des Produkts. Gemeinsam mit den Sendern betreiben wir erst nach der Ausstrahlung sehr viel Marktforschung. Meistens besagt diese das, was wir zuvor auch schon als Bauchgefühl hatten. Wir haben zum Beispiel bei der RTL-Serie „Freundinnen – Jetzt erst recht“ aufgrund der Marktforschungs-Ergebnisse das Set-Up verändert und laufen nun erfolgreicher mit dem Format. Unsere Marktforschung zeigt, ob der eingeschlagene Weg auf lange Sicht der richtige ist. Aber das Grund Set-Up einer Serie oder eines Films würde niemals aus einer Marktforschung entstehen.

Ich habe derzeit das Gefühl, dass viele sich an mutige Stoffe, Tabu-Themen oder andere gewagte Filmproduktionen in Deutschland nicht rantrauen. Woran könnte dies liegen?

Da reden sie jetzt genau mit dem Richtigen (lacht). Der ganze Markt entscheidet sich im Moment nur noch nach Mut und neuem Ansatz. Ich bin sicher, dass alle auf dem Markt verschwinden werden, die den Mut leider nicht haben, auch gewagte Themen zu produzieren. Das Publikum erkennt Qualität und honoriert neugierig machende und innovative Stoffe. Zudem ist es unglaublich erfahren, weil es durch internationale Streaming-Plattformen weltweit Programme konsumieren kann. Wir haben jetzt einen ganz anderen Bildungsstand, mit dem es umzugehen gilt. Die Schlacht gewinnen sie nur, wenn sie komplett innovatives Programm betreiben.

Zum Abschluss hätten gerne unsere Leser von Ihnen gewusst, was eine gute Serie für Sie beinhalten sollte?

Auf jeden Fall sollte für mich als Zuschauer eine Relevanz und ein großes handwerkliches Know-how erkennbar sein. Außerdem hat eine gute Serie für mich noch eine gewisse Angstfreiheit in dem, was sie erzählt.

Nico Hofmann UFA CEO

Nico Hofmann hat das richtige Gespür für gute Stoffe und wagt sich immer wieder an neue Ansätze ran. Foto: UFA GmbH

Am 19. Februar 2019 ist um 20:15 Uhr im Ersten die erste und zweite Folge der Erfolgsserie „Charité“ ausgestrahlt worden. „Heimatschuss“ und „Schwere Geburt“ waren ein gelungener Auftakt in die kommenden sechs Folgen. Für alle die, die am vergangenen Dienstag den Staffelstart verpasst haben: In der ARD Mediathek sind die gelaufenen Folgen kostenlos online abrufbar. Die weiteren Folgen werden jeweils dienstags um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

 

 „Charité – Heimatschuss“

Berlin, 1943: Kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes besteht die Medizinstudentin Anni Waldhausen (Mala Emde, „303“) ihr Examen beim berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen, „Deutschland 83“). Prüfungspatient ist der junge Soldat Lohmann (Ludwig Simon, „Meine teuflische gute Freundin“), dessen zerschossenen Oberschenkel Sauerbruch dank einer besonderen Operationstechnik retten kann. Sogar die Wochenschau filmt. Alle werden Zeugen von Sauerbruchs großer Kunst – und von seinem cholerischen Temperament, vor dem auch seine 30 Jahre jüngere Ehefrau und Assistentin Margot (Luise Wolfram, „Tatort“) nicht sicher ist. Anni selbst will bis zur Geburt an ihrer Doktorarbeit über die Selbstverstümmelung von Soldaten arbeiten. Ihr Doktorvater ist der Nazifunktionär und Chef der Psychiatrie, Max de Crinis (Lukas Miko, „Die beste aller Welten“). Er vermutet, dass der frisch operierte Soldat Lohmann sich seinen „Heimatschuss“ selbst beigebracht haben könnte. Er erzwingt trotz Sauerbruchs Widerstand, dass er zusammen mit Anni im Auftrag der Wehrmacht Lohmann begutachten kann.

 „Charité – Schwere Geburt“

Berlin, 1943: Weil Prof. Stoeckel (Bernd Birkhahn, „Die Seelen im Feuer“) eine prominente Patientin versorgen musste – Magda Goebbels (Katharina Heyer, „Die Frau hinter der Wand“) mit einer Fehlgeburt – kommt der Chef der Frauenklinik beinahe zu spät zu Anni in den Kreißsaal. Sie verblutet fast bei der Geburt und ihr lebloses Neugeborenes kann erst in letzter Minute reanimiert werden. In der Chirurgie rettet Sauerbruch in einem dramatischen Eingriff das Leben eines Jungen, der beim Spielen von einem Blindgänger schwer verwundet worden ist. Im Eifer des Gefechts merkt Sauerbruch erst nach der OP, dass ihm ein Unbekannter dabei assistiert hat: Adolphe Jung (Hans Löw, „Toni Erdmann“) aus Straßburg. Der französische Chirurg ist an die Charité zwangsrekrutiert worden. Sauerbruch ist hocherfreut über den qualifizierten Kollegen. Doch sein herzlicher Empfang kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dr. Jung unfreiwillig in Feindesland ist.