Cast & Crew

„Charité“ Interviewreihe – Regisseur Anno Saul: „Wir bieten einen Einblick, den es so noch nicht gab“

Vorletzte Folge der neuen Staffel

 

Anno Saul (55) setzt mit der zweiten Staffel die Erfolgsgeschichte von „Charité“ fort. Wir wollten von ihm wissen, worauf zu achten ist, wenn man die Regiearbeit eines anderen Regisseurs übernimmt.

 

Herr Saul, Sönke Wortmann hat die Regie in der ersten Staffel übernommen. Haben Sie sich zur Vorbereitung die erste Staffel angeschaut?

Natürlich. Ich war damals total begeistert, als ich die ersten Folgen gesehen habe und dachte mir: So etwas will ich auch drehen! Dann erfuhr ich, dass er die zweite Staffel nicht drehen möchte. Ich kontaktierte daraufhin Nico Hofmann und teilte ihm mit, dass ich gerne die Regie übernehmen würde.  Ich hatte Glück und bekam daraufhin die Treatments und durfte mein Konzept den Produzenten und Redakteuren vorstellen.

Wie sieht die Vorbereitung auf solch einen Termin aus?

Ich habe die Treatments durchgearbeitet und mir überlegt, mit welchen Stilmitteln ich am besten arbeite. Sönke Wortmann hat in der ersten Staffel viel mit Montagen, Zeitlupe und einer großen Brennweite gearbeitet. Dies eignet sich sehr gut für die Darstellung der „Charité“ Gründung. Alles ist im Aufbruch, die Gänge der Klinik sind groß und hell. Ich behielt für mein Konzept nur die Montage bei, weil es sich sehr gut eignet, um den klassischen Klinikalltag darzustellen. Für die Elemente des dritten Reichs musste ich allerdings neue Stilmittel finden.

Die erste Staffel spielt in den Jahren 1888. Nun finden wir uns in dem Zeitraum 1943 bis 1945 wieder. Der Zuschauer durchlebt einen komplett neuen Abschnitt des Berliner Krankenhauses. Finden Sie den Cut vorteilhaft?

Ich finde ihn super, weil ich für mich neu anfangen konnte. Es war für mich, als ob ich ein neues Filmprojekt beginne. Die Ästhetik und alles drum herum konnte ich neu entwickeln, was mir eine große Freiheit in der Umsetzung bot.

"Charité" zweite Staffel

Alles auf Anfang – die zweite Staffel verfügt über ein komplett neues Cast. Mit dabei sind diesmal von oben links: Ulrich Nöthen, Mala Emde, Luise Wolfram, Jannik Schümann, Artjom Gilz und Jacob Matschenz. Foto: ARD/Julie Vrabelova/Montage Maria Jülisch

Was war für Sie die größte Herausforderung bei den sechs neuen Folgen?

Die größte Herausforderung war für mich herauszufinden, wie ich Anni Waldhausen so darstelle, dass ich das dritte Reich nicht verharmlose. Oftmals werden die Figuren des dritten Reiches als Antagonisten dargestellt. Doch mir war es wichtig, dass der Zuschauer meiner Hauptfigur ein stückweit folgen und dadurch eine Sympathie entwickeln kann. Damit er bei ihrer Wesensveränderung über ihr Handeln und ihre Aussagen nachdenkt.

Wie genau lässt sich dieses Ziel erreichen?

Ich habe mir zusammen mit den Autoren die Zwischenbereiche der Sprache angeschaut. Wir haben betrachtet, wie wir heute sprachlich mit Situationen umgehen, wo wir erahnen, dass wir vielleicht in zwanzig Jahren ein bisschen anders darüber sprechen werden. Wo wir genau wissen, dass wir uns moralisch in einem Grenzfall befinden. Das haben wir auf die damalige Zeit angepasst und erreichen somit das Gewissen des Zuschauers.

"Charité"

Wie auch in der ersten Staffel wurde sehr viel Wert auf die detailgetreue Darstellung gelegt. Ein damaliger Hörsal wurde deshalb nachgebaut. Foto: ARD/Julie Vrabelova

„Charité“ ist eine der lehrreichsten Serien, die wir bisher in Deutschland haben. Die medizinischen Details werden sehr originalgetreu dargestellt. Wie viel Rechercheaufwand haben Sie für diese Details betrieben?

Wir haben sehr viel dafür recherchiert. Am Set steht uns jedoch konstant eine medizinische Beratung zur Seite, die uns zum Beispiel die Handgriffe bei einer OP gezeigt hat. Dorothee Schön hat mir allerdings auch eine riesige Literaturliste und weiteres Infomaterial vorab gegeben. Es bedarf schon einem hohen Rechercheaufwand, um allein die medizinischen Details so originalgetreu wie nur möglich darzustellen.

Gedreht wurde diesmal wieder in Prag. Worauf legen Sie am meisten Wert bei der Location Suche?

Auf Authentizität. Wenn Sie die Fotos vom damaligen Operationsaal sehen und den in der Serie, ist es kaum zu unterschieden. Wir haben dafür in einer Kunstakademie den Saal nachgebaut. Die dortige Fensterstruktur hat uns wie damals einen Lichteinfall geboten, was natürlich für den Dreh großartig ist. 

Ulrich Nöthen in "Charité"

Ulrich Nöthen operiert in der Rolle als Ferdinand Sauerbruch in dem besagten Operationssaal. Im Hintergrund, ist deutlich die Fensterstruktur zu erkennen. Foto: ARD/Julie Vrabelova

Was ist für Sie das Highlight in der zweiten Staffel?

Ein besonderes Highlight gibt es für mich nicht. Ich finde, die zweite Staffel ist unheimlich spannend und interessant geworden. Sie bietet einen Einblick, den es so noch nicht gab. Wir haben uns erlaubt, komplett ambivalent zu sein. Selbst bei Dr. De Crinis lassen wir in einer Folge seine Seele und Menschlichkeit zum Vorschein kommen. Wir zeigen, dass er nicht nur der kalte und böse Mensch war. Diese Ambivalenz ist eine Seltenheit.

 

Am 12. März 2018 wird um 20:15 Uhr im Ersten die vorerst letzte Folge von „Charité – Im Untergrund“ ausgestrahlt. Unsere Sonderinterviewreihe endet nächste Woche mit den beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine-Thor Wiedemann. Spannende Einblicke in die Dreharbeiten gab es bereits von den Hauptdarstellern Mala Emde und Artjom Gilz sowie dem UFA CEO und Produzenten Nico Hofmann.

 

„Charité – Im Untergrund“

(pm) – Berlin, 1944: Die Charité wird mittlerweile immer wieder von Bomben getroffen. Die oberen Stockwerke der Chirurgie werden geräumt, operiert wird nur noch im völlig überfüllten, aber bombensicheren OP-Bunker. Bettlägerige Patienten können mangels Personal bei Bombenalarm nicht mehr im Keller in Sicherheit gebracht werden. Otto besteht sein Chirurgie-Examen bei Sauerbruch. Sein Prüfungspatient ist kein Geringerer als Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Dessen amputierte Hand soll durch eine Prothese, die berühmte „Sauerbruch-Hand“, ersetzt werden. Doch als Stauffenberg erfährt, dass die Behandlung Monate dauern wird, sagt er ab. Er hat andere Pläne. Sauerbruch stellt Stauffenberg und seinen Mitverschwörern seine Villa für konspirative Treffen zur Verfügung.