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„Charité“ Interviewreihe – Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann: „Wir wollten an der Klinik einen gesellschaftlichen Kosmos erzählen“

Ende der zweiten Staffel

 

Die wichtigste Grundlage, um einen guten Film oder eine Serie zu verfilmen, ist wie einst schon Billy Wilder zu sagen pflegte: „Ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch.“ Die beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann recherchierten über Jahre für die Erfolgsserie „Charité“, welche heute ihren vorerst krönenden Abschluss im Ersten feiert. Wir sprachen mit den Autorinnen über die Entstehungsgeschichte.

 

Heute endet die zweite Staffel von „Charité“. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Serie über das Berliner Krankenhaus zu schreiben?

Dr. Sabine Thor-Wiedemann: Anlass waren die Ankündigungen des dreihundertjährigen Jubiläums der „Charité“, von dem wir beide gelesen haben. Die Klinik wurde 1710 gegründet, damals noch als Seuchenhaus vor den Toren der Stadt. Wir unterhielten uns darüber und fragten uns, welche Geschichten wohl eine Klinik zu erzählen hat, die seit 300 Jahren Kranke versorgt? Der Alte Fritz, die napoleonischen Truppen, der erste und zweite Weltkrieg, die Mauer direkt über das Gelände – das Haus hat viele historische Ereignisse erlebt. Uns schwebte zunächst eine Art Doku-Fiction vor, in der wir die kompletten dreihundert Jahre abbilden wollten. Doch als die Ufa an uns mit der Frage nach einer Spielfilm-Serie herantrat, haben wir das Konzept entsprechend überarbeitet. Für die reine Fiktion braucht es die Konzentration auf eine Epoche.

Worauf legten Sie besonders Wert bei der Recherche?

Dorothee Schön: Uns war es wichtig, den gesellschaftlichen Kosmos eines bestimmten Zeitabschnittes an einem Ort, nämlich der Klinik, zu erzählen. Angefangen bei den Ärzten, Schwestern, Patienten, Studenten, der Klinikleitung oder den Krankheiten. Alles sollte an diesem Ort erzählt werden.

"Charité"

Einen Einblick in die damalige Zeit – so sah es damals in einem Hörsal der Berliner Klinik aus. Foto: ARD/Julie Vrabelova

Dreihundert Jahre bieten jede Menge wichtige medizinische Fortschritte, aber auch der ein oder andere Skandal war dabei. Wie dürfen wir uns eine solch komplexe Recherche genau vorstellen?

Dorothee Schön: Wir haben zuerst sehr viel über die Geschichte der Klinik gelesen und recherchiert. Aus den Ergebnissen entwickelten wir eine Stoffsammlung mit den für uns zehn interessantesten Phasen des Hauses. Wir stellten zum Beispiel fest, dass die Kaiserzeit mit ihren drei Nobelpreisträgern ein besonderer Höhepunkt in der Geschichte der „Charité“ ist. Dann fingen wir an und nahmen uns für die 1. Staffel jede historische Figur einzeln vor. Außerdem recherchierten wir einzelne Themen, die wir abbilden wollten: die Pflege, der Alltag des Medizinstudiums, die sozialen Verhältnisse in Berlin und vieles mehr.  Und so entwickelten wir die fiktiven Figuren des Ensembles: Den Burschenschaftsstudenten, die Wärterin, die nicht studieren darf und viele andere.

Aus dreihundert Jahren die Top 10 Themen zu selektieren, stelle ich mir sehr zeitaufwendig vor. Wie lange haben Sie insgesamt recherchiert?

Dr. Sabine Thor-Wiedemann: Es waren seit 2009 mehrere Jahre, allerdings auch mit Unterbrechungen.

Wenn die Details in den Geschichtsbüchern fehlten, wo haben Sie sich die fehlenden Informationen beschafft?

Dr. Sabine Thor-Wiedemann: Wir haben uns sehr viel mit den originalen Quellen beschäftigt. In der Staatsbibliothek in Berlin gibt es zum Beispiel den Nachlass von Ferdinand Sauerbruch. Dort haben wir uns viele fehlende Details zu seiner Figur und der damaligen Zeit aus dreißig unsortierten Umzugskartons herausgesucht (lacht).

Ulrich Nöthen als Fwerdinand Sauerbruch in der zweiten Staffel der Erfolgsserie "Charité"

Urlich Nöthen verkörpert Ferdinand Sauerbruch. Foto: ARD/Xiomara Bender

Das heißt, Sie beide haben sich mehrere Tage dort eingeschlossen und sich auf die Suche nach fehlenden und wichtigen Details begeben?

Dorothee Schön: Genau (lacht). Es war unheimlich spannend, weil wir immer wieder in seinen Unterlagen Details gefunden haben, die man noch nie vorher irgendwo gelesen hat. Eben, weil die Dinge noch unsortiert und nicht aufgearbeitet waren. Eine weitere erstrangige Quelle war das bis dahin unbekannte Tagebuch von Sauerbruchs zwangsrekrutiertem elsässischem Oberarzt Adolphe Jung, das wir aufgestöbert haben. Es gibt einen unverfälschten Einblick in den Klinikalltag zwischen 1943 bis 1945. Jung schildert zum Beispiel, wie Sauerbuchs Sekretärin mit ihrem Geliebten Fritz Kolbe, einem Beamten des Auswärtigen Amtes, für die Alliierten spioniert. Solch eine Information ist für die gesamte Geschichte unheimlich interessant.

Warum ist eine solch umfangreiche Recherche für ein Drehbuch notwendig?

Dr. Sabine Thor-Wiedemann: Daraus bildet sich ein fundiertes Hintergrundwissen, wodurch wir alles mit einer besonderen Präzision darstellen können. Diese Genauigkeit macht für den Zuschauer sicher auch den Reiz von „Charité“ aus. Er fühlt sich in eine andere Zeit versetzt und spürt, dass es so tatsächlich gewesen sein könnte.

Ein Teil von „Charité“ ist historisch und ein Teil fiktiv angelegt. Wie finden Sie die richtige Kombination aus fiktiv und historisch Erzähltem?

Dorothee Schön: Im Grunde muss man ein Ensemble entstehen lassen, welches miteinander und nicht nebeneinander agiert. Wir haben mit dem historischen Sauerbruch und seiner Entourage angefangen und die fiktiven Protagonisten Anni und Artur dazu in Beziehung gestellt. Wir wussten, dass der Konflikt mit deren Kind ein zentrales Thema sein wird. Stück für Stück findet man dann die richtigen Verknüpfungen. Famulant Otto wurde beispielsweise erst in der zweiten Drehbuchfassung der Bruder von Anni, um ihn mehr ins Zentrum des Geschehens zu rücken.

"Charité" zweite Staffel

Auch die zweite Staffel war ein voller Erfolg. Diesmal im Ensemble dabei – von oben links: Ulrich Nöthen, Mala Emde, Luise Wolfram, Jannik Schümann, Artjom Gilz und Jacob Matschenz. Foto: ARD/Julie Vrabelova/Montage Maria Jülisch

Am 19. März 2019 endet die zweite Staffel der Erfolgsserie „Charité“ mit der Folge „Stunde Null“ im Ersten. Es ist krönender Abschluss, der zum Nachdenken anregt. Auch unsere Interviewreihe endet mit diesem Interview. UFA CEO und Produzent Nico Hofmann, die Hauptdarsteller Mala Emde und Artjom Gilz sowie Regisseur Anno Saul, geben ebenfalls in weiteren Interviews zur zweiten Staffel, spannende Einblicke in die aufwendige Serienproduktion.

 

„Charité – Stunde Null“

(pm) – Berlin, 1945: Im OP-Bunker hört man bereits das Artilleriefeuer der Russen. Tag und Nacht werden verwundete Soldaten und Bombenopfer versorgt. Sauerbruch und seine Mitarbeiter operieren bis zur Erschöpfung – ohne Wasser, ohne Strom, ohne Medikamente und Verbandsmaterial. Im Keller der Kinderklinik arbeiten Anni und Artur nebeneinander her. Als ein schwer brandverletzter jüdischer Junge eingeliefert wird, der mit seinem Vater untergetaucht war, deckt Artur die Verfolgten. Und als Anni Lebensmittel für Karin und Otto stehlen will, hilft er ihr sogar. Wer kann, verlässt Berlin. Spion Kolbe verabschiedet sich von seiner Geliebten Maria Fritsch. Sauerbruchs Sekretärin will ihren Chef und die Charité nicht im Stich lassen. Sauerbruch, Margot und sogar der Franzose Dr. Jung sind entschlossen, bis zum bitteren Ende für die Patienten da zu sein. De Crinis dagegen trifft Vorkehrungen für die Stunde Null: Er verbrennt belastende Akten und hat Zyankali organisiert. Als Magda Goebbels sich verabschiedet, um mit ihren Kindern im Führerbunker in den Tod zu gehen, lässt das selbst den skrupellosen Psychiater nicht kalt.