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„Head Full of Honey“ Regisseur – Til Schweiger: „Du kannst nur keine Fehler machen, wenn du nichts wagst“

Gelungenes Remake

 

Es war die zauberhafte Geschichte von Tilda und Amandus, die 2014 ein Millionenpublikum begeisterte. Diese Woche startet das Remake der erfolgreichen Tragikomödie „Honig im Kopf“ in Deutschland und Frankreich. Wir wollten deshalb von Til Schweiger (55) wissen, worauf bei einer Neuverfilmung zu achten ist.

 

Herr Schweiger, “Honig im Kopf” ist einer Ihrer erfolgreichsten Filme gewesen. Warum entschlossen Sie sich dazu, genau diesen Film erneut für das Ausland zu drehen?

Ich wollte, dass die Welt die Geschichte von Amandus und Tilda auch zu sehen bekommt. Da sich ein deutschsprachiger Film ohne Stasi oder Drittes Reich Content nicht gut ins Ausland verkauft, habe ich mich dazu entschlossen ihn neu zu verfilmen. Die meisten Europäer schauen keine deutschen Filme. Meistens nur die eigenen oder amerikanischen Produktionen.

Warum verkauft sich ein deutscher Film so schlecht in das Ausland?

Eine Komödie aus Deutschland ist in der Welt leider immer noch ein Oxymoron. Die meisten Menschen in der Welt sagen: Die Deutschen sind alles, außer lustig. Zwar hat „Head Full of Honey“ nicht nur komödiantische Elemente, aber hätte sich im Original nicht verkauft. Zwei Filme, die ich sehr gut ins Ausland verkauft habe, waren „Knockin` on Heaven`s door“ und „Schutzengel”. Beides Drama, Krimi und letzterer mit jeder Menge Action.

Worauf ist bei einer Remake Verfilmung besonders zu achten?

Da ich den Film vier Jahre später gedreht habe, habe ich ihn mit völlig neuen Augen gesehen. Für mich war es so, als ob ich einen komplett neuen Film drehe. Ich habe zum Beispiel auch nie von den Schauspielern verlangt, dass sie die Szenen, wie im Original spielen. Die Schauspieler sollten ihre Rollen anders interpretieren, was ihnen fantastisch gelungen ist. Dadurch ist am Ende ein völlig neuer Film entstanden und ich musste auf nichts Besonderes achten.

Til Schweiger und Sophia Lane Nolte bei den Dreharbeiten zu "Head Full of Honey"

Die Rolle von Matilda, welche im Original von Emma Schweiger verkörpert wurde, übernahm Sophia Lane Nolte (rechts), die Tochter von Hauptdarsteller Nick Nolte. Zusammen mit Til Schweiger (links) schaut sie eine gedrehte Szene an. Foto: Warner Bros. 2019

Eine meiner Lieblingsszenen des Originals ist die Kühlschrank Szene, in der Amandus aufgrund der fortschreitenden Alzheimer-Erkrankung in einen Kühlschrank uriniert, weil er diesen mit einer Toilette verwechselt.  Gab es ein „Muss“ für Sie, was Sie unbedingt mit in das Remake nehmen wollten?

Es gab Szenen, die ich unbedingt mit reinnehmen wollte, aber am Ende dann doch rausgeschnitten habe. Zum Beispiel wechselt im Original Tilda ihrem Großvater die Hose, weil er reingepinkelt hat. In Amerika verlangten sie, dass ich es rausschneide. Es ist dort eine ganz andere Mentalität und sie wollten solche Szenen nicht auf der Leinwand zeigen.

Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft leider immer noch nicht gerne über Alzheimer spricht. Woran könnte dies liegen?

Ich glaube, dass wir mit „Honig im Kopf“ schon einiges bewegen konnten und die Erkrankung ein stückweit aus dem Stigma rausgeholt worden ist. Trotzdem ist es meiner Meinung nach die schlimmste Krankheit, die man kriegen kann. Nicht nur für den Betroffenen ist es schlimm, auch für die Angehörigen ist es nicht einfach. Man muss zusehen, wie der Erkrankte vor den eigenen Augen zerfällt. Du bist völlig machtlos und kannst nichts dagegen tun. Da redet man nicht gerne drüber.

Sie haben die Erkrankung selbst bei Ihrem Großvater miterlebt. Was können Sie Angehörigen raten, die eine Veränderung oder Erkrankung bei ihren Familienmitgliedern miterleben? Wie sollten Sie am besten reagieren?

Eigentlich so wie Tilda im Film. Sie zeigt dem Zuschauer, wie man idealerweise mit ihnen umgeht. Wir wissen aus der Recherche, dass Kinder viel angstfreier und viel natürlicher mit Alzheimer umgehen als Erwachsene. Der Kinderarzt rät Tilda, in die Welt ihres erkrankten Opas einzutauchen und ihm Aufgaben zu geben, damit er sich gebraucht fühlt. Das ist etwas, was jeder machen kann und dem Erkrankten sehr hilft.

Sie haben wieder eine sehr gute Musikauswahl für das Remake getroffen. Wie gehen Sie bei der Auswahl genau vor? Wissen Sie vorher schon, welche Musik zu welcher Szene eingesetzt wird? Oder finden Sie diese erst später, wenn der Film schon fertig geschnitten ist?

Das ist unterschiedlich. Bei der Schlussszene im Taxi meines Films „Keinohrhasen“ wusste ich immer schon, dass ich den Song von den „Killers – Mr. Brightside“ in der Remix Version nutzen möchte. Ich wusste ganz genau, wann der Bass und die Drums einsetzt und was passiert im Schnitt. Das gibt es manchmal und manchmal höre ich mir sehr viel Musik an. Ich habe auch Personen, die mir die Musik zuspielen. Es gibt tausende Songs, die ich gut finde, aber die einfach nicht in den Film reinpassen, weil sie vielleicht ein zu langes Intro haben oder nichts aussagen. Filmmusik muss eine Emotion transportieren und deshalb probiere ich viel aus. Das mache ich nicht nur mit den zugekauften Titeln, sondern auch mit meiner selbstkomponierten Musik. Manchmal versuche bis zu 80 verschiedene Stücke, bis ich sage: Jetzt passt es.

Am Ende gelingt es Ihnen immer wieder, das Passende zu finden. Wie oft fahre ich im Auto, höre die ersten Töne eines genutzten „One Republic“ Songs und habe sofort die passende Szene im Kopf.

Ryan Tedder ist auch der größte Songwriter auf der Welt. Er schreibt nicht nur für sich selbst, sondern auch für Weltstars von „U2“ bis „Beyonce“. Ryan hat einfach das Händchen für gute Musik. Er schafft es, mit wenigen und einfachen Mitteln, dich sofort emotional zu packen.

Beeindruckend in „Head Full of Honey“ sind auch die Landschaftsaufnahmen in Südtirol, wo Tilda und Amadeus (im Original Amandus) auf einem Berg entlangwandern. Wie haben Sie diese gedreht?

Die haben wir mit Drohnen gedreht. Diese Szene ist auch schöner als im deutschen Film. Wir kannten damals leider noch nicht die „Plätzwiese“. Mein Bruder hat mir den Ort empfohlen. Er ist in Südtirol zu Hause und macht dort immer Ski Urlaub. Ein wunderschöner Ort.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit der passenden Location-Suche für Ihre Filme?

Ehrlich gesagt nicht viel. Das ist das Schlimmste für mich beim Filmemachen (lacht). Meist läuft es so ab, dass man mit seinem Team von circa zehn Leuten in einem Mini-Bus mit seiner Thermoskanne und den geschmierten Stullen sitzt. Man fährt den ganzen Tag – wochenlang – von einem Ort zum anderen. Dann schaut man sich alles an und am Ende wird es die Location dann doch nicht. Irgendwann habe ich zu meinem Kameramann und Set-Designern gesagt, macht ihr das. Zeigt mir Fotos und Videos – ich entscheide dann von der Ferne aus, ob wir dort drehen oder nicht. Es gibt Regisseure, die lieben das. Aber das ist nichts für mich (lacht).

Im Vergleich zu „Honig im Kopf“ zeigt „Head Full of Honey“ den Konflikt von Sarah und Nick sehr schön und viel tiefgründiger. Wie finden Sie bei einer Tragikomödie die richtige Balance, um nicht zu komödiantisch zu werden?

Ich arbeite viel mit meinem Instinkt, um die richtige Balance zu finden. Denn ich kann nicht sagen, ich muss jetzt 30 Prozent die Zuschauer berühren und 25 Prozent zum lachen bringen. Das mache ich einfach aus dem Gefühl heraus. Ich weiß noch damals, als ich die Szene geschrieben habe, wo Amandus in den Kühlschrank pinkelt. Da kamen viele Leute auf mich zu und sagten: Til, das ist eklig, damit machst du den Film kaputt.

Til Schweiger bei den Dreharbeiten zu "Head Full of Honey"

Til Schweiger führte für das Remake Regie. Foto: Warner Bros. 2019

Das finde ich überhaupt nicht. Es ist eine unheimlich gute Szene, welche schonungslos die Alzheimer-Erkrankung zeigt, was sehr wichtig ist.

Ja, gerade auf dem Höhepunkt des Streits passiert das Missgeschick. Und Sarah und Nick halten inne. Eine tolle emotionale und bewegende Szene. Alle Sachen, die wir bei Amandus gezeigt haben und jetzt auch im Remake zeigen, sind wirklich passiert. Wir haben es zwar auf den jeweiligen Charakter abgestimmt, aber nicht eine Szene aus beiden Filmen ist ausgedacht. Hilly Martinek und ich haben es in der eigenen Familie erlebt. Außerdem haben wir viel mit Demenzheimen zusammengearbeitet. Wir baten die Erkrankten, uns die lustigsten und berührendsten Erlebnisse aus dem wahren Leben zu schicken. Dann sahen wir die Liste und konnten vieles abhaken, was wir schon in dem Drehbuch verarbeitet haben oder aber auch jede Menge neue super Ideen finden.

Vor 33 Jahren haben Sie Ihre Schauspielausbildung in Köln begonnen. Es gab für Sie viele Höhen und Tiefen. Worauf sind Sie besonders stolz?

Zum Glück waren es mehr Höhen als Tiefen. Am stolzesten bin ich auf meine Kinder. Wenn man zurückblickt, kann man schon sagen, dass ich auch viele Fehler gemacht habe, aber ich habe auch vieles richtig gemacht.

Fehler gehören zum Leben dazu, sonst kommt man nicht weiter.

Du kannst nur keine Fehler machen, wenn du nichts wagst. Viele machen leider nichts aus ihrem Leben, weil sie Angst haben, Fehler zu machen und kommen deshalb nicht weiter. Was sie wiederum unglücklich macht.

Was erwartet den Zuschauer bei „Head Full of Honey“?

Wenn man “Honig im Kopf“ mochte, wird man bei dem Remake absolut auf seine Kosten kommen.

Til Schweiger, Sophia Lane Nolte und Nick Nolte bei den Dreharbeiten von "Head Full of Honey"

Ein talentiertes Trio – Til Schweiger (links), Sophia Lane Nolte (Mitte) und Nick Nolte (rechts) bei den Dreharbeiten. Foto: Warner Bros. 2019

 

Am 21. März 2019 startet „Head Full of Honey” in den deutschen Kinos. Wem „Honig im Kopf“ gefiel, sollte das Remake nicht verpassen. Es entstand in 48 Drehtagen in London, Hamburg, Berlin, Venedig und Bozen. Til Schweiger und seiner Crew ist es gelungen, ihr altes Werk neu aufleben zu lassen. Ein großartiges Filmerlebnis mit einer guten Mischung aus Lachfaktor und ernsten Tönen, welche wir uns alle zu Herzen nehmen sollten. Denn wie Amadeus und Tilda zeigen, ist jede Sekunde unseres Lebens, die wir nicht sinnvoll nutzen, verschwendete Lebenszeit. Wer in die US-Version des Remakes einmal reinschauen möchte, findet sie unter diesem Link.