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„Big Manni“ Hauptdarstellerin – Nina Gnädig: „Visionen können nie groß genug sein“

Bittere Satire zum Nachdenken

 

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass der Betrug des Ettlinger Unternehmens „Flowtex“ aufgedeckt wurde – ein Schaden in Milliardenhöhe. Bis heute geht dieser Fall in die Geschichte der größten Wirtschaftskriminalitätsfälle ein und bietet einen Filmstoff, der uns aufhorchen lassen sollte. Hauptdarstellerin Nina Gnädig (41) erinnert sich mit uns an die prägende Zeit in Baden-Württemberg und die besonderen Dreharbeiten.

 

Frau Gnädig, Sie kommen selbst aus Baden-Württemberg, wo in den 90er Jahren einer der größten Wirtschaftskriminalitätsfälle in Deutschland stattgefunden hat. Wie haben Sie damals den Fall von „Flowtex“ erlebt?

Ich war zu diesem Zeitpunkt für ein Studium in Paris. Der Fall hatte allerdings solche Ausmaße, dass bis weit über die deutschen Grenzen hinaus in den Medien berichtet wurde. Für das sonst so rechtschaffene Ländle, wie es Baden-Württemberg ist, war es ein ziemlicher Skandal.

Rund 5 Milliarden DM wurden für rund 3100 Horizontalbohrmaschinen eingenommen, wobei nur knapp 300 tatsächlich ausgeliefert beziehungsweise hergestellt wurden. Was haben Sie darüber gedacht?

Die Empörung war auf allen Seiten maßlos. Allerdings faszinierte es mich auch, weil der Fall für mich einen Baron Münchhausen Effekt hatte. „Flowtex“ Gründer Manfred Schmider war eine Art Sonnenkönig, der einen unheimliches Charisma besessen haben muss.

Bis heute ist der Fall in Baden-Württemberg nicht vergessen. Wie haben Sie die dortigen Dreharbeiten erlebt?

Wir wurden oft von Passanten während des Drehs angesprochen. Sei es auf der Straße oder im Restaurant. Man merkte, dass es Ihnen wichtig war, ihren Erlebnissen zu dieser Geschichte Gehör zu verschaffen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich zu dem Skandal noch immer positionieren. Die Meinungen über Herrn Schmider gingen bei den Erzählungen sehr weit auseinander. Die einen verurteilten ihn, während die anderen ihn für seine anscheinend großzügige Art wertschätzten.

Sie verkörpern Frau Schmider unter dem fiktiven Namen Irene Brenner. Haben Sie sich kennenlernen können?

Nein, das ist auch nicht notwendig gewesen, da wir eine reale Satire gedreht haben und Irene Brenner eine erfundene Figur ist. Regisseur Niki Stein hatte für jede Szene genaue Bilder im Kopf. Dies ermöglichte mir und meinem Schauspielpartner Hans-Jochen Wagner, der den „Flowtex“ Gründer Manfred Schmider verkörpert, einen konkreten Zugang zu den Figuren.

Sehr gut gelungen ist auch das Maskenbild von Irene Brenner. Wie aufwendig war es?

Es war alles in allem sehr aufwendig. Erstaunlich, wie ich mit einer Jogginghose in die Maske ging und mit einem original 90er Jahre „Chanel“ Kostüm, sowie jeder Menge schwerem Schmuck wieder rauskam. Allein der Schmuck hatte ein unfassbares Gewicht. Ich habe immer am Set gesagt: Gebt mir einen Rollator (lacht).

Hans-Jochen Wagner, Nina Gnädig und Patrick von Blume in "Big Manni"

Das Maskenbild von Nina Gnädig (Mitte) war sehr luxuriös, auch schwere Pelze gehörten damals zu der Ausstattung dazu. Foto: SWR/Benoît Linder

Wie wichtig waren diese originalen Feinheiten aus den 90er Jahren für Ihr Spiel?

Ich wusste, dass Frau Schmider schon morgens sehr gepflegt auftrat. Das gesamte Kostümbild gab mir somit eine bestimmte Haltung vor. Wenn ich nach einer Stunde Maskenzeit die Augen geöffnet habe, hat mich Frau Brenner angeschaut.

Was mich sehr berührt hat, war das Spiel zwischen Ihnen und Hans-Jochen Wagner. Es hat einen besonderen Charme. Worin lag das Geheimnis für dieses Ergebnis?

Wir sind mittlerweile befreundet und haben gemeinsam den Segelschein gemacht. Außerdem kommen wir beide aus Baden Württemberg und haben beide Schauspiel an einer ostdeutschen Hochschule studiert – was uns auch im Spiel zusätzlich nochmal verbunden hat.

NIna Gnädig und Hans-Jochen Wagner bei der "Big Manni" Preview im Baden Airpark

Sowohl privat als auch vor der Kamera verstehen sich Nina Gnädig (links) und Hans-Jochen Wagner (rechts) auch ohne Worte. Grund dafür ist eine langjährige Freundschaft. Beide genossen die Preview ihres Films „Big Manni“ im Baden Airpark. Foto: SWR/Peter A. Schmidt

Worin lag für Sie die Herausforderung in der Rolle?

Es ist immer wichtig, sich bewusst zu machen, dass auch wenn man eine biografische Geschichte erzählt, trotzdem eine Figur innerhalb eines fiktionalen Rahmens spielt. Die spezielle Herausforderung lag darin, sich frei von den verschiedenen Meinungen zu der Figur zu machen und eine eigene Interpretation zu kreieren.

Ihre Figur ahnt irgendwann den Betrug ihres Mannes. Warum schaut Frau Brenner dennoch weg?

Ich glaube, das Phänomen, etwas zu ahnen, was man nicht ahnen möchte und dadurch wegzuschauen, ist sehr weit verbreitet. Oder?

Manfred Schmider hatte eine große Vision. Kann eine zu große Vision auch schnell zu einer Gefahr werden, wenn man sich zu sehr in einer Idee verrennt?

Ich finde, Visionen können nie groß genug sein, nur die eigene Hybris (lacht).

Nina Gnädig und Hans-Jochen Wagner in "Big Manni"

Nina Gnädig (links) und Hans-Jochen Wagner (rechts) verkörpern Familie Schmider, eine der angesehensten Unternehmerfamilie Baden-Württembergs. Foto: SWR/Benoît Linder

Passend zum „Tag der Arbeit“ wird am 1. Mai 2019 um 20:15 Uhr im Ersten die Satire ausgestrahlt. Eine bittere Geschichte, welche uns alle dazu ermahnen sollte, wie schnell man sich in einem Schneeballsystem wiederfindet und irgendwann keinen Ausweg mehr finden kann.

 

„Big Manni“

(pm) – Angelehnt an den realen Aufstieg und Fall der Firma „Flowtex“ erzählt der Fernsehfilm „Big Manni“ von einem der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Über vier Milliarden DM betrug der Schaden, als Firmenchef Manfred Schmider im Jahr 2000 verhaftet wurde. In ihrem komödiantischen Fernsehfilm sezieren Regisseur Niki Stein und die Autoren Johannes Betz und Jürgen Rennecke mit viel Spaß an der Real- satire, wie Banker und Politiker sich von dem Unternehmer täuschen lassen, weil sie begierig danach sind, das ganz große Finanz-Rad zu drehen. Hans-Jochen Wagner steht als Manfred Brenner im Mittelpunkt der Geschichte, auf die im Anschluss die Dokumentation „Big Manni – Big Money“ folgt.