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#lookbehind mit Synchronsprecher und Schauspieler Charles Rettinghaus: „Du musst die Rolle verinnerlichen“

Hollywoods bekannteste deutsche Stimme

 

Charles Rettinghaus (56) hat bereits vielen Hollywoodstars seine Stimme verliehen. Jean-Claude van Damme, Robert Downey Jr., Billy Zane, Jamie Foxx und Matt Dillon sind nur ein kleiner Auszug seiner bisherigen Synchronarbeit. Er gab uns die Möglichkeit, hinter die Kulissen seines Berufs zu blicken.

 

Herr Rettinghaus, wir sprechen gerade in Ihrer Mittagspause. Was stand heute Morgen für Sie auf dem Programm?

Heute Morgen habe ich zuerst den amerikanischen Schauspieler Skeet Ulrich in seiner Rolle als FP Jones in der Serie „Riverdale“ synchronisiert. Für den Rest des Tages arbeite ich in der Synchronregie für die brandneue Polizeiserie „The Rookie“, welche bald bei uns ausgestrahlt werden wird. Die Produktion findet in den heiligen Studios von Brandtfilm statt, das ist die Firma, die meine Kollegin Judith Brandt besitzt und regiert. Die Tochter vom Synchronpapst Rainer Brandt. Eine große Ehre für mich.

Wie bereiten Sie sich vor dem Synchronisieren vor?

Bei großen Filmen bekomme ich manchmal den Film vorab zum Anschauen. Das Drehbuch dazu erhalten wir meist erst am Aufnahmetag. Bei dem täglichen Tagesgeschäft, wie zum Beispiel bei Serien, gehe ich ins Studio, sehe die Szenen und spreche sie gleich ein. Auch aufgrund der starken Sicherheitsvorschriften ist meist eine Vorbereitung kaum möglich. Oftmals sehen wir die Bilder unscharf, was dazu führt, dass wir nicht wirklich wissen, in welcher Situation der jeweilige Schauspieler sich befindet. Aber das sind eher Ausnahmen und kommt meistens bei Filmen vor, die eine hohe Sicherheitsstufe haben.

Ursprünglich haben Sie eine Ausbildung als Brückenbauer absolviert. Wie kam es zum Schauspiel?

Als ich als Kind „Raumschiff Enterprise“ und viele andere Filme sah, wollte ich unbedingt Schauspieler werden. Leider benötigte man damals dafür eine abgeschlossene Berufsausbildung und so kam es, dass ich erst mal eine Ausbildung als Brückenbauer absolvierte. Nach dem Abschluss wurde ich zum Glück an der Schauspielschule in Hamburg aufgenommen.

Sie waren nach dem Abschluss rund sechs Jahre am Theater, bevor Sie 1986 ihre erste Synchronarbeit hatten. Wie gelang Ihnen der Sprung von der Bühne ins Studio?

Als ich von Hamburg nach Berlin ging, bin ich von dem Synchronregisseur Wilfried Freitag entdeckt worden. Er hat mich wahnsinnig gefördert. Eine meiner ersten großen Sprecherrollen, die mich bekannt machte, war lustigerweise Geordi La Forge von „Raumschiff Enterprise“. Die Serie, welche bei mir der Auslöser für das Schauspielen war, verhalf mir zum Durchbruch als Synchronsprecher in Deutschland. So war ich am Ende doch Teil der ganzen Hollywood Welt, wo ich immer als Kind hinwollte.

Jean Claude van Damme, Matt Dillon, LeVar Burton, Vin Diesel und Jamie Foxx sind nur ein kleiner Auszug aus Ihrer bisherigen Synchron Vita. Oftmals erkenne ich Sie kaum in den Filmen. Wie schaffen Sie es, jedem Schauspieler eine andere Nuance mit ihrer Stimme zu geben?

Ich habe das große Glück, dass ich sehr gute Schauspieler mit sehr vielen unterschiedlichen Spielcharakteren habe. Wenn ich sie während des Synchronsprechens höre und sehe, wie sie spielen, verändert sich automatisch meine Haltung. Ich stehe oft im Studio und bewege mich wie sie. Dadurch verändert sich meine Stimme automatisch. Aber es passiert oft, dass meine Stimme nicht gleich erkannt wird. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist Matt Dillon in dem Film „The House That Jack Built“ von Lars von Trier.

LeVar Burton und Charles Rettinghaus

LeVar Burton war mit ein Auslöser für die Schauspielkarriere von Charles Rettinghaus. Beide haben sich bereits kennengelernt. Foto: @charlesrettinghaus/Instagram

Sie haben Matt Dillon erst kürzlich wieder phänomenal in „Head full of Honey“ synchronisiert. Das US-Remake von Til Schweigers Kinoerfolg „Honig im Kopf“ kam im März in die deutschen Kinos. Sie sind ein bekennender Schweiger Fan, was macht seine Arbeit für Sie besonders?

Er steckt sehr viel Herzblut in seine Arbeit und versteht das Filmemachen wie kein anderer. Das ist einer der Gründe, warum ich ein bekennender Fan von ihm bin. Ich habe mich riesig gefreut, endlich mal ein Teil in einem seiner Filme zu sein – leider kam der Film nicht so gut bei den Kinobesuchern an.

Leider eine Folge von Hämen und Spott in den Medien und Social-Media-Kanälen.

Ja, leider. Das Original war schon phänomenal, aber bei dem Remake ist es ihm gelungen, noch mal eine Schippe draufzulegen und ein klasse Film zu produzieren.

Sie sprechen sehr viele emotionale Szenen in diesem Film. Schluckt man da nicht oft und braucht eine Pause?

Ja natürlich. Die Alzheimer-Erkrankung ist schon ein sehr besonderes Thema, was die Arbeit nicht unbedingt einfacher macht. Ich kenne es auch aus dem eigenen Bekanntenkreis, das nimmt einen schon sehr mit und hat mich sehr berührt. Wir haben uns bei der Produktion sehr viel Zeit gelassen. So konnte ich zwischendurch Pausen machen und ein wenig durchatmen.

Wie lange haben Sie für die Szenen im Studio gestanden?

Wir haben für die rund 250 Takes drei halbe Tage aufgenommen.

Welcher Charakter reizt Sie besonders beim Vertonen?

Die Soul-Legende Ray Charles, welcher von Jamie Foxx in dem Film „Ray“ verkörpert wurde, hat mich sehr gereizt. Es waren viele Facetten enthalten. Das Älterwerden, die ganzen Emotionen und den Wahnsinn, den er als Sänger hatte. Außerdem reizen mich verrückte Charakter, wie zum Beispiel die Rolle Negan in „The Walking Dead“, welcher von Jeffrey Dean Morgan gespielt wird. Das war gerade zu seinem Einstieg, wie eine Therapiesitzung für mich (lacht). Ein verrücktes Schauspiel. Er hat in dieser Rolle endlos Monologe gehalten und ist zeitgleich dabei ausgeflippt. Ich weine aber auch sehr gerne. Bei solchen Szenen merkst du, was du alles aus dir rausholen kannst. Ich freue mich immer riesig, wenn es mir gelingt.

Auch Hörbücher vertonen gehört zu seiner Arbeit als Synchronsprecher dazu. Hier nimmt er gerade drei Hörbücher für die gleichnamige Serie „Wayward Pines“ auf – am Ende waren es 30 Stunden Material. Quelle: @charlesrettinghaus/Instagram

Was hat sich in den letzten Jahren im Synchronsprechen zum Positiven verändert?

Früher wurden wir alle gemeinsam ins Studio geholt und sprachen mit mehreren gleichzeitig die Szenen ein. Das Gute daran war, dass wir von den großen und erfahrenen Kollegen sehr viel lernen konnten. Heute ist es so, dass wir allein ins Studio gehen und uns dadurch wiederrum voll und ganz auf unsere Rollen konzentrieren können. Das mag ich heute lieber, da man schneller und wie schon gesagt konzentrierter Arbeiten kann.

Ihre Stimme ist mir auch schon oft in diversen Werbespots begegnet. „Grüner Punkt“ und „Tabac Original“ gehören zu den Spots, wo ich Sie nicht sofort erkannt habe. Ist es schwerer, einen Werbespot einzusprechen, als eine Filmszene?

Beides ist nicht unbedingt schwer, wenn du genau weißt, wie es geht. Die Herausforderung bei einem Werbespot ist jedoch, es dem Kunden recht zu machen. An solch einer Produktion sind viele Macher und Ideengeber beteiligt. Der Eine, mag mich lieber so hören, der Andere lieber anders. Da kann es schon mal vorkommen, dass du mehrere Stunden in die Mangel genommen wirst, und sie sich nach der 60. Aufnahme für die Erste entscheiden (lacht).

Wie oft sind Sie am Ende solcher Tage schon heiser gewesen?

An manchen Tagen habe ich nach fünf Stunden einsprechen einen leichten Belag auf den Stimmbändern. Wenn ich zum Beispiel viel brüllen musste.

Haben Sie ein Geheimtipp gegen Stimmbelag?

Nicht viel reden, ein wenig Salbeitee und dann geht es wieder.

Zum Schluss hätten wir gerne noch ein paar Geheimtipps für den Nachwuchs?

Wer gerne als Synchronsprecher arbeiten möchte, sollte auf jeden Fall auch wissen, wie man Situationen im Spiel umzusetzen hat, damit meine ich, dass es von Vorteil für alle Beteiligten wäre, wenn der Synchronsprecher entweder schon als Schauspieler gearbeitet hat, oder eine  Ausbildung (Coaching etc.) im Bereich Schauspiel absolviert hat. Wichtig ist auch, Respekt vor der Arbeit zu haben und nicht zu denken, das läuft schon irgendwie. Ich persönlich finde das Synchronisieren schwieriger, als dass Schauspielen. Denn den Rhythmus bestimmst du beim Schauspiel selbst, beim Einsprechen musst du dich immer nach der Vorgabe des anderen richten. Du musst genau verinnerlichen, was der Schauspieler, dem du deine Stimme verleihst, macht. Daraufhin ist punktgenau zu reagieren. Und noch ganz wichtig: Jede Menge Geduld sollte der Nachwuchs haben.

Charles Rettinghaus

Demnächst ist er auch wieder vor der Kamera zu sehen. Foto: Martin Diepold

Wenn Charles Rettinghaus mal nicht im Studio den Hollywoodstars seine Stimme verleiht, steht er immer noch gerne vor der Kamera. Vor kurzem drehte er für eine Episodenhauptrolle unter der Regie von Daniel Drechsel-Grau in der ARD Erfolgsserie „In aller Freundschaft“. Derzeit steht er zusammen mit Veronica Ferrres für das Drama „Malou“ unter der Regie von Adi Wojaczek vor der Kamera. Wir dürfen uns also schon darauf freuen, ihn endlich mal wieder vor der Kamera zu sehen. Wer gerne einmal in  die erwähnten Werbespots von „Grüner Punkt“ und „Tabac Original“ reinhören möchte, kann dies unter folgendem Link. Den Trailer zu seinem letzten Filmprojekt „Head full of Honey“ gibt es hier.