Interview des Monats

Ellenie Salvo González im Interview des Monats: „Je weiter die Rolle von dir entfernt ist, desto größer ist die Herausforderung“

„Traumfabrik“ – jetzt im Kino

 

Ellenie Salvo González (40) ist seit Donnerstag in einer außergewöhnlichen Rolle, in „Traumfabrik“ auf der Kinoleinwand zu sehen. Sie verkörpert eine französische Diva, mit allem was dazu gehört. Uns gab sie exklusive Einblicke in die Entstehung der vielleicht beeindruckendsten deutschen Filmproduktion des Jahres.

 

Frau Salvo González, in „Traumfabrik“ verkörpern Sie die französische Schauspielerin Beatrice Morée. Sie liebt das Schauspiel, ist begehrt und schreit sehr gerne. Was forderte Sie am meisten bei der Darstellung dieses außergewöhnlichen Charakters?

Bereits während des Castings, als überheblicher und selbstverliebter Filmstar aufzutreten und noch die Kollegen, wie Ken Duken, Nikolai Kinski oder Heiner Lauterbach, anzuschreien und herumzukommandieren, brauchte eine gewisse Portion „Mut-Marmelade“ zum Frühstück. Aber wenn ich mir morgens beim Dreh den Stiftrock angezogen, den Goldschmuck übergestreift und die Studiowelt durch die Augen von Beatrice Morée betrachtet habe, konnte ich die Liebe zu meinem Beruf ganz stark spüren. Denn genau das ist ja eigentlich das Spannendste und Lustigste als Schauspieler, eben in ganz andere Rollen zu schlüpfen. Je weiter weg eine Rolle von mir selbst ist, desto größer ist die Herausforderung. Und ich liebe Herausforderungen, da kommt meine Kreativität überhaupt erst richtig in Gang.

Es ist Ihnen gelungen nicht zu sehr das Klischee eines überheblichen Filmstars zu erfüllen und auch die zarte Seite von Beatrice Morée zu zeigen. Wie haben Sie diese schmale Gratwanderung gemeistert?

Die Gratwanderung zwischen der Ernsthaftigkeit der Rolle und meiner Lust auf komödiantisches war herausfordernd. Es gab die Gefahr, nur das Klischee eines „zickigen Filmstars“ zu bedienen. Was natürlich viel Spaß macht. Ich musste mich in der Vorbereitung manchmal in dieser Spielfreude bremsen und mich daran erinnern, dass meine Rolle Beatrice auch eine verwundete Seele mit unerfüllten Sehnsüchten ist. Die sich einsam fühlt und sich hinter einer unnahbaren Fassade versteckt, um Stärke vorzutäuschen. Ich glaube, dass sich hinter jeder Arroganz, eine Verletzung, Einsamkeit und etwas kaputtes verbirgt. Eine gesunde, glückliche Persönlichkeit hätte gar keinen Grund, sich selbst über andere zu erheben, um sich besser zu fühlen.

Sie sprechen in der Rolle einen einwandfreien französischen Akzent und es scheint, als wären Sie eine waschechte Französin.

Ich habe als Schülerin das „College francais de Berlin“ besucht, wo der gesamte Unterricht von Bio bis Englisch auf Französisch stattfand. Somit spreche ich ganz passables Französisch. Eine waschechte Französin zu verkörpern, hat mich schon nervös gemacht. Ich habe mindestens einen Monat intensiv mit meinem Sprachcoach Myriam Rosetto geübt. Wir übten auch den französischen Akzent, wenn Beatrice Deutsch spricht: „Ohlala, ich hoffe es funktioniert“.

Ellenie Salvo Gonzáles in "Traumfabrik"Kurz noch ein wenig die Haare richten, bevor die nächste Szene gedreht wird. Foto: Jens Koch

Der Film überzeugt durch ein sehr aufwendiges Kostüm- und Szenenbild. Wie hilfreich war dies für Sie im Spiel?

Wie auch schon damals am „Hui Buh“ Set in den Prager Filmstudios, wo sie das Innere eines ganzen Schlosses nachgebaut hatten, betritt man in Babelsberg automatisch eine Traumwelt, sobald man morgens zur Arbeit kommt. Es ist wie eine Zeitreise in eine andere Welt. Plötzlich bist Du im Berlin der Sechziger, plötzlich im Mittelalter zwischen lauter Piraten und Gauklern oder im antiken Ägypten zwischen Pyramiden, Tempeln und Palmen. Der Wahnsinn, was sie für Welten erbaut haben. Man muss sich da als Schauspieler gar nicht mehr viel vorstellen. Es ist ganz anders, als einen ganzen Film, vor Green Screen drehen zu müssen. Auch die eben schon erwähnten Bleistiftröcke der Sechziger Jahre, die abgeschnürte Taille, Pumps und Goldschmuck haben mir total geholfen, jeden Morgen zur Béatrice zu werden und ihren Gang sowie ihre Bewegungen einzunehmen. Ebenso die hochtoupierten Frisuren oder die stets gezückte Zigarettenspitze machen es einem leicht, in diese andere Welt einzutauchen, sobald man im Kostüm steckt. Da wir einen Film im Film erzählen, gab es außerdem noch Piratenbraut- und Kleopatrakostüme samt Schmuck und Perücken. Da geht morgens in der Garderobe schon ein Mädchentraum in Erfüllung. Ich liebe Kostümfilme und auch unsere Kostümbildnerin Gabriella Reumer hat sich zusammen mit ihrem Team gnadenlos ausgelebt. Es war eine wahre Kostümschlacht.

Gedreht wurde überwiegend in den Babelsberger Filmstudios in Berlin. Diese Studios haben den Ruf, magisch zu sein. Welche Szene war für Sie im Dreh magisch und warum?

Schon morgens, wenn wir durch das Tor im Studio Babelsberg, durch einige Kulissen bis zu den Maskenräumen eingefahren sind, hat die Magie angefangen zu wirken. Ich hatte jedes Mal eine Gänsehaut und war überglücklich, Teil dieses Films sein zu dürfen. Als Kleopatra in einem gigantischen Thron, erhöht über der gesamten Szenerie zu thronen, samt luftwedelnden Dienern, Bauchtänzerinnen, halbnackten Sklaven und Nikolai Kinski als Caesar an meiner Seite. Der Ausblick auf eine einhundert Mann starke römische Armee, ein 60er Jahre Filmteam plus ein echtes hart arbeitendes aus dem 21. Jahrhundert – das ist auf jeden Fall ein magisches Bild, das sich unwiderruflich in meine Erinnerungen eingebrannt hat. Mittendrin im Gewusel war noch unser unermüdlicher Regisseur Martin Schreier. Hochkonzentriert, nicht mal durch ein Dutzend leichtbekleideter Tänzerinnen des Staatsballetts ablenkbar, arbeitete er pausenlos mit akribischem Blick auf jedes Detail. Jeder Einzelne war so sehr bei der Sache, voller Hingabe für seine Aufgaben, das war magisch zu beobachten, von meiner herrschaftlichen Pole-Position. Und ich glaube genau diese Magie, die ich dort spüren konnte, sieht man unserem Film auch an.

Filmstudios haben die Eigenart, eine gewisse Hitze durch die Scheinwerfer zu entwickeln und die Luft ist auch meist sehr stickig. Es gibt Szenen, wo Sie als Kleopatra sehr aufwendig geschminkt sind und ein recht schweres Kostüm tragen. Wie lautet Ihr Geheimrezept, bei solchen Szenen durchzuhalten?

Ohja, das stimmt. Wir haben tatsächlich mitten im heißen Sommer gedreht und neben etlichen heißen Scheinwerfen, hunderten von Menschen und brennenden Feuerschalen, saß ich auf meinem eben erwähnten Thron am heißesten Ort der Halle. Man kennt das aus der Sauna – je höher, umso heißer. Wegen des Sounds mussten wir auch regelmäßig die Klimaanlage ausstellen. Es hat im Prinzip nur noch der Aufguss gefehlt (lacht). Das Einzige, was da hilft, ist: „es zu benutzen“, wie man auf der Schauspielschule sagen würde. Sprich: Kleopatra selbst ging es damals vielleicht auch nicht viel anders und alles was man in so einem Moment erleidet oder erlebt, erlebt deine Figur eben auch gerade. Ansonsten hilft es, viel nicht gekühltes Wasser zu trinken, möglichst nichts zu essen, vor allem keinen Zucker, das produziert nur noch mehr Hitze von innen. Höchstens mal ein Gemüse oder Joghurt, die haben kühlende Eigenschaften. Auch auf schweißtreibenden Kaffee zu verzichten ist schon hilfreich. Und ich liebe Kaffee! Den Rest müssen leider die fleißigen Maskenbildner tupfen und pudern. Beim Kostüm kann es vorkommen, dass doch mal hier und da ein Föhn zum schnellen Trocknen zum Einsatz kommt. 

Ellenie Salvo Gonzáles in "Traumfabrik"

Ellenie Salvo González als Beatrice Morée. Ein schöner Schnappschuss geschossen von ihrer Schauspielkollegin Emilia Schüle. Foto: Emilia Schüle

Sie haben bisher viele komödiantische Rollen, wie zum Beispiel Katja Neumann in „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ gespielt. Wie haben Sie die facettenreiche Figur Beatrice Morée entwickelt?

Ich habe im Laufe meiner Berufsjahre so einige Kolleginnen und Kollegen beobachten können, die mir unfreiwillig viel Inspiration für dieses Projekt geschenkt haben (lacht). Während ich Béatrice beim Casting mit viel Freude noch viel Comedy lastiger angelegt hatte, wurde sie mit der Zeit zu einer immer ernsthafteren Figur. Ich habe mir sehr viele Filme und Interviews von französischen Filmstars aus der Zeit angesehen und entdeckt, dass sie alle etwas ganz trauriges an sich hatten. Etwas ganz einsames. Alles was ich bis dahin erstmal aus dem Bauch heraus als Überheblichkeit und Selbstüberschätzung interpretiert hatte, habe ich dann als tiefe Traurigkeit und Einsamkeit entschlüsselt. Das war auch der Zeitpunkt, in dem ich anfing, meine Béatrice Morée lieb zu haben. Was sehr wichtig ist, wenn man eine erstmal unsympathisch erscheinende Figur zu verkörpern hat. Ohne diese Liebe und das Verständnis für meine Figur, könnte sie nicht so richtig ein Teil von mir werden.

In „Traumfabrik“ geht es um ein Liebespaar, welches durch die Berliner Mauer getrennt wird. Trotzdem kämpft Emil (Dennis Mojen) unermüdlich, um seine große Liebe wieder nach Berlin zu holen. Die Liebe kennt keine Grenzen. Was nehmen Sie für sich aus dieser besonderen Geschichte mit?

Ich finde, unser Film gibt einem den Mut, niemals aufzuhören an die Liebe zu glauben. Wie der fantastische Michael Gwisdeck in „Traumfabrik“ seinem Enkel erklärt. Ich selbst hatte zum Beispiel nie vor, jemals eine Fernbeziehung zu führen. Nun ist es aber so gekommen, dass mein Partner und ich manchmal über längere Strecken räumlich voneinander getrennt sind. Und auch hier ist es so, dass nur die Liebe es möglich macht, damit umzugehen.

Träume können einem zu Höchstleistung verhelfen. Hatten Sie schon einen Traum, wo Sie plötzlich vor Energie nur so sprudelten?

Tatsächlich war es bei mir damals der Traum, Schauspielerin werden zu wollen. Ich hatte ursprünglich vor, nach dem Abi für etwa ein Jahr in die Heimat meines Papas, zu meiner Familie nach Chile zu gehen. Doch als ich nach circa drei Monaten zwischen den Anden und dem Pazifik saß, habe ich mir überlegt, was ich jetzt eigentlich Sinnvolles anfangen wollte mit meinem Leben. In diesem Denkprozess kam ich immer wieder auf: Schauspielerin. Ich hatte zwar vor, einen vernünftigeren Beruf zu wählen, aber irgendwie dachte ich mir, bevor ich mit 50 Jahren irgendwo an einem dunklen Schreibtisch sitze, Akten sortiere, und mir vorwerfe, es damals nicht wenigstens versucht zu haben, probiere ich´s aus! Schneller zurück in Deutschland als gedacht, habe ich mir einen riesigen Stapel Reclam-Heftchen besorgt, sämtliche Theaterstücke gelesen und Vorsprechrollen einstudiert. Obwohl ich, seit ich zehn Jahre alt war, Theater gespielt habe, hatte ich von deutscher Bühnenkultur keinen blassen Schimmer. Erst an der fünften Schauspielschule, der „Universität der Künste“ in Berlin, wurde ich letztendlich angenommen. Ein schmerzlicher Weg, mit Ablehnung und persönlichem Scheitern, aber ich habe nicht aufgegeben und mir am Ende meinen Traum erfüllt. Ich liebe meinen Beruf! Es hat sich gelohnt.

Der Film hat eine klare Message an den Zuschauer und regt ihn an, eine Frage für sich zu beantworten: Wie weit würdest du für deine große Liebe gehen? Wie weit würden Sie gehen?

Für meinen Mann würde ich um die ganze Welt reisen, um bei ihm sein zu können.

Wilfried Hocholdinger, Emilia Schüle, Heiner Lauterbach, Dennis Mojen, Ken Duken, Regisseur Martin Schreier und Ellenie Salvo Gonzáles am Set von "Traumfabrik"

Ein magisches Bild – entstanden in der traumhaften Kulisse der „Babelsberger Filmstudios“ in Berlin. Von links: Wilfried Hochholdinger, Emilia Schüle, Heiner Lauterbach, Dennis Mojen, Ken Duken, Regisseur Martin Schreier und Ellenie Salvo González. Foto: Julia Terjung

 

Ellenie Salvo González („Hui Buh – Das Schlossgespenst“) ist seit Donnerstag mit Emilia Schüle („High Society“), Dennis Mojen („Nirgendwo“), Ken Duken („Zweiohrküken“), Nikolai Kinski („Yves Saint Laurent“), Heiner Lauterbach („Zweiohrküken“) und vielen weiteren namhafter Schauspieler in dem Film „Traumfabrik“ auf der Kinoleinwand zu sehen. Regie führte Martin Schreier („Unsere Zeit ist jetzt“). Das Drehbuch stammt von Arend Remmers („Unsere Zeit ist jetzt“). Den Trailer zum Film, gibt es hier.

 

„Traumfabrik“

(pm) Das DEFA-Filmstudio in Babelsberg im Sommer 1961: ein Ort zwischen zeitloser Magie und kreativer Aufbruchsstimmung.  Frisch aus der NVA entlassen, steht Emil Hellwerk (Dennis Mojen) vor dem großen Torbogen der traditionsreichen Traumfabrik. Sein älterer Bruder Alex (Ken Duken), im Studio als Stuckateur beschäftigt, hat ihm einen Job als Kleindarsteller besorgt. Emil kann mit der Filmwelt nicht viel anfangen, aber einen anderen Plan hat er auch nicht. Das ändert sich schlagartig, als er bei den Dreharbeiten zu einem Piratenfilm das französische Tanzdouble Milou (Emilia Schüle) sieht. Milou arbeitet für Beatrice Morée (Ellenie Salvo Gonzáles), Frankreichs größten Filmstar. Emil ist augenblicklich von Milous außergewöhnlicher Erscheinung fasziniert und schafft es nach einigen Anlaufschwierigkeiten, ihr bei einem improvisierten Abendessen näherzukommen. Allerdings muss Milou schon am nächsten Tag wieder nach Frankreich zurückreisen. Er lädt sie für den letzten Morgen zu einer Überraschung ein. Milou will kommen – peut-être. Emil arbeitet die ganze Nacht an einer fantasievollen Tanzkulisse für Milou. Sie versucht am nächsten Morgen, von ihrem Hotel in West-Berlin nach Babelsberg zu gelangen, doch es ist der 13. August 1961. Stacheldraht, aufgerissene Straßen und bewaffnete Soldaten versperren alle Wege zwischen Ost und West! Kein Durchkommen. Milou versteht die Welt nicht mehr. In ihrer französischen Heimat scheint Milou für Emil unerreichbar. Aber so schnell gibt der charmante Improvisationskünstler nicht auf. Das Chaos während der Tage nach dem Mauerbau nutzt er, um sich einen Posten als Produktionsleiter zu ergaunern und hinter dem Rücken von Generaldirektor Beck (Heiner Lauterbach) einen ebenso verrückten wie gefährlichen Plan zu verfolgen. Um Milou zurück in die DDR zu holen, muss er einen Film produzieren, dem Beatrice nicht widerstehen kann. Und tatsächlich: Das Angebot, die Hauptrolle in „Kleopatra“ zu spielen, kann die Diva unmöglich ablehnen. Ein Jahr vergeht, bis in Babelsberg die erste Klappe fällt. Womit keiner gerechnet hat: Milou ist jetzt mit dem Schauspieler Omar (Nikolai Kinski) verlobt. Emil ist am Boden zerstört. Ist sein Plan zum Scheitern verurteilt? Die Widerstände sind gewaltig: ein turbulenter Studiobetrieb, ein machtbesessener Studioleiter, der Irrsinn des Filmdrehs und vor allem die Verwirrung der Gefühle. Soll er für seine Liebe kämpfen?