Interview des Monats

Michael Gwisdek im Interview des Monats: „Film ist Lebenszeit“

Tragikomödie im ZDF

 

Wer kann heutzutage noch von sich sagen, dass er einen Beruf gefunden hat, der ihn erfüllt und glücklich macht? Schauspieler Michael Gwisdek (77) kann es voller Stolz. Mehr als 200 Filme hat er bereits in fast 60 Jahren gedreht. Für ihn ist das Schauspiel weit mehr als nur ein Beruf, wie er uns im telefonischen Interview anlässlich seines neuen Films „So einfach stirbt man nicht“ verriet.

 

Herr Gwisdek, wir stören Sie gerade bei der Gartenarbeit. Was pflanzen Sie gerade an?

Für meinen neuen Film „So einfach stirbt man nicht“ habe ich in einem Olivenhain auf Mallorca gedreht. Dort habe ich mir kleine Olivenbäume bestellt, welche ich gerade in meinem Garten hin und her trage. Nun überlege ich, ob ich nicht noch mehr in die Erhaltung der Olivenbäume investiere. 

Somit waren die Dreharbeiten für Sie sehr prägend.

Ja, das waren sie. In dem alten Olivenhain gab es ein ausgetrocknetes Flussbett und meine Frau Gabriela hat nach einem originalen Foto dies in unserem Aquarium, man nennt das Aquascaping, nachgebaut. Somit habe ich jeden Tag diesen herrlichen Anblick vom Filmset vor mir.

Ihre Figur Kurt Lehmann hat eine besondere Stärke, er kann seiner Frau einen großen Fehler verzeihen. Warum fällt es uns Menschen so schwer?

Mir fällt das Verzeihen auch immer schwer. Solche Entscheidungen gehören für mich in die Schublade „Tatsachenentscheidung“ und das Wichtigste dabei ist, sich zu fragen, wie es nun weitergehen kann? Gerade in einer Beziehung sollte man versuchen, eine Möglichkeit zu finden, weiterzukommen. Vor allem die jungen Menschen machen sich keinerlei Gedanken über Beziehungen und manchmal denke ich, der liebe Gott hätte eine Gebrauchsanweisung für sie schreiben sollen. Sie denken mit 18 Jahren oft, man lernt sich kennen, heiratet, kauft eine Wohnung oder ein Haus, bekommt Kinder und alles bleibt so schön, wie es ist. Aber das ist leider nicht so. Alles verändert sich mit der Zeit.

Sie haben bereits in mehr als 200 Filmen mitgespielt und können sich derzeit vor Anfragen kaum retten. Aus welchem Grund entschieden Sie sich ausgerechnet für dieses Filmprojekt?

Für mich ist das Schauspiel keine Arbeit und ich würde es sehr wahrscheinlich auch als Multimilliardär machen, weil es mir einfach unheimlichen Spaß macht. Mein Motto ist immer: „Film ist Lebenszeit“. Deshalb schaue ich genau, ob das Drehbuch und die Menschen, mit denen ich arbeite, auch zu mir passen. Schließlich verbringe ich für einen Film fast ein viertel Jahr meines Lebens mit ihnen. Unsere Regisseurin und Drehbuchautorin Maria von Heland besuchte mich ein paarmal und zwischen uns baute sich sofort eine Beziehung auf. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, weil sie meinen Humor verstand.  Außerdem fand ich das Drehbuch super und freute mich auf meine vier Kolleginnen, die mit mir zusammenarbeiteten. Wer hat schon die Möglichkeit, auf einmal vier neue Frauen kennenzulernen (lacht)?

So einfach stirbt man nicht

Ein tolles Filmpaar – Michaela May (links) und Michael Gwisdek (rechts). Foto: ZDF/Marion von der Mehden

Ist eine gute Beziehung zum Regisseur für Sie immer ein Muss?

Die Motivation, einen bestimmten Film zu drehen, ist immer eine andere und die gute Beziehung zum Regisseur ist nicht immer ein Muss. Manchmal liegt die Entscheidung an der Geschichte oder es reizt mich die Location. Wenn ich zwei Wochen in einem dunklen Keller in Köln oder auf Mallorca drehen kann, entscheide ich mich natürlich für das Letztere. Ich schaue auch, dass ich nicht nur immer den lustigen Opa spiele, der am Ende stirbt. Es soll interessant für den Zuschauer bleiben und dann bevorzuge ich auch manchmal Rollen al a James Dean. Viele meiner Filme sind aber durch gute Beziehungen mit den Regisseuren entstanden.

 „Oh Boy“ gehört zu diesen Filmen. Regisseur Jan-Ole Gerster hat Sie damals ziemlich überreden müssen, habe ich gehört.

Das stimmt, ich wollte den Film erst gar nicht machen. Jan-Ole besuchte mich mit bereits gedrehtem Material, was wir in meinem Homekino schauten. Der Text und der Nachtdreh passten überhaupt nicht in mein Leben. Die Art und Weise, wie er den Film machte, überzeugte mich und somit sagte ich dann doch zu.

Haben Sie Rituale, wie Sie Ihre Figuren vor einem Dreh vorbereiten?

Nein, sowas entscheide ich immer kurz vor dem Dreh. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es meist doch anders am Drehtag verlangt wird, als man sich vorbereitet hat. Während eines Drehs können so viele Einflussfaktoren noch hinzukommen, wie zum Beispiel ein anderes Licht oder eine andere Kameraeinstellung, was wieder ein Umdenken erfordert. Deshalb bin ich auch kein großer Freund von Drehbuch Leseproben, es sei denn, sie dienen zum Kennenlernen des anderen Casts. 

Sie haben soeben erzählt, dass Sie ein eigenes Homekino haben. Was flimmert bei Ihnen am liebsten über die Leinwand?

Hollywood. Ich liebe verkitschte Hollywoodfilme. Das ist meine Jugend und mit diesen Filmen bin ich aufgewachsen. Die Mauer wurde gebaut, als ich 19 Jahre alt war. Vorher bin ich immer nach Westberlin gereist und habe mir die Filme aus Hollywood angeschaut. Ich liebe solche Filme. 

Das heißt, bei Ihnen laufen auch die alten Kultfilme mit James Dean?

Ja, die kann ich auswendig. Er war auch der Auslöser, dass ich Schauspieler werden wollte. Für mich war mit 16 Jahren klar, dass ich in meinem Leben besondere Ereignisse sammeln möchte. Als ich ihn da auf der Leinwand sah, dachte ich irgendwann: So wie er, das ist mein Weg. Dass ich natürlich nicht genau den gleichen Weg einschlagen kann, war mir bewusst, aber ich wollte niemals einen Beruf ausüben, wo ich mein Leben genau vorhersagen kann. Um acht Uhr ins Büro, um halb eins Mittagspause und um halb vier Feierabend – konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte die Welt sehen. Wenn ich zurückdenke, wohin ich durch meine Arbeit schon überall reisen konnte, ist unglaublich. Das „Traumschiff“ bot mir zum Beispiel Einblicke in Orte, die man als normaler Tourist überhaupt nicht zu sehen bekommt. Damals habe ich mir genau solche Erlebnisse ausgemalt und wollte diese erleben. Heute kann ich es manchmal gar nicht glauben, was ich schon alles durch den Film erleben durfte.

Michael Gwisdek in "So einfach stirbt man nicht"

Mehr als 200 Filme hat Michael Gwisdek bereits gedreht. Foto: ZDF/Marion von der Mehden

Sie haben in Ihren Anfängen viel in der DDR und später im Westen gedreht. Wie waren die Arbeitsbedingungen im Osten im Vergleich zum Westen?

Wenn wir etwas gedreht haben, haben wir oft mit dem Hintergrund gearbeitet, um verdeckte Gesellschaftskritik in unserer Arbeit unterzubringen. Ob das jetzt im Theater oder beim Film war, es war irgendwo immer das Gefühl da, dass Gesellschaftskritik zum guten Ton dazu gehörte. Wir loteten die Grenzen aus, was bei manchen Projekten leider auch schiefging und sie deshalb in den Giftschrank kamen oder indirekt verboten wurden. Es war immer unter staatlicher Aufsicht, dass wir den realistischen Sozialismus so zeigen, wie er gerne gesehen wurde – die Abbildung der Wirklichkeit, bloß noch viel besser. Im Vergleich zum Westen war in der DDR die Arbeit viel politischer.

Beobachteten Sie Stasi Mitarbeiter direkt bei den Dreharbeiten oder wurden die Filme später entsprechend vor Veröffentlichung gesichtet?

Nein, so war es nicht. In manchen Dokumentationen wird es zwar heute so dargestellt, dass die Stasi einen permanent überwacht und durchleuchtet hat, aber im Vergleich zu heute war es weitaus weniger. Heute hat die Überwachung der Menschen weitaus größere Dimensionen als wir erahnen können. Uns war es damals bewusst, was passieren kann, wenn wir die Verhaltensgrenzen überschreiten und konnten damit umgehen. Wir wussten, dass wenn man bei der „Defa“ oder an einem Theater arbeitete, der Kulturbeauftragte oder Reiseleiter bei einem Gastspiel, bei der Stasi verantwortlich für den Zustand der Leute war. Das Hauptproblem, was die Stasi hatte, war es zu verhindern, dass die Bürger in den Westen gingen. Das heißt, wenn einer nicht mitfahren durfte oder angezählt wurde, hatte man entdeckt, dass Fluchtgefahr bestand. Ansonsten hatten sie keine Angst vor der Opposition, sonst wäre auch nicht die Mauer gefallen. Sie dachten, sie hätten alles im Griff. Um herauszufinden, ob Fluchtgefahr bestand, wurden die Telefone abgehört. Jeder war ein wenig Stolz, wenn es mal wieder in der Leitung geklickt hat (lacht). Natürlich gab es auch die andere Seite, wo Leute erpresst wurden und richtig unter der Stasi litten. 

Ihr erster Drehtag. Wie haben Sie diesen erlebt?

Ich war nervös und drehte im Kaukasus. Damals war ich noch an der Schauspielschule und „Spur des Falken“ unter der Regie von Gottfried Kolditz war mein erstes Filmprojekt. Aufgrund eines Unwetters war kurz vor Drehbeginn ein Erdrutsch. Der Fluss, an dem ich meinen Einsatz mit einer Coltnummer haben sollte, war dadurch verschmutzt. Da wir in Farbe drehten, mussten wir mehrere Tage abwarten, bis der Fluss nicht mehr gelb war. Somit dauerten meine ersten Dreharbeiten gleich acht Wochen. 

Heute ist es eher unwahrscheinlich das acht Wochen auf eine Drehmöglichkeit gewartet wird.

Ja, im Vergleich zu Ost und West sah man da den Unterschied ganz gut. Wir wurden im Osten mittels Monatsgehälter bezahlt und somit machte es für die Produktionen keinen Unterschied, ob wir zwei Monate dort drehten. Jeder verdiente auch das Gleiche. Wir hatten dadurch den großen Luxus, dass wir auf die Wolke warten konnten, die einen Anschluss zur vorherigen gedrehten Szene bot. 

Bald sind Sie 60 Jahre in der Filmbranche tätig. Gibt es noch eine Rolle, die Sie gerne spielen würden oder vielleicht ein Land, in dem Sie gerne drehen würden?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe in all den Jahren, weitaus mehr erreicht, als ich mir damals mit 16 Jahren erträumt habe. Aber wie ich in den letzten Jahren gelernt habe, kann jeden Tag ein neues Angebot kommen, was die alten Erlebnisse noch übertreffen kann. Diese Spannung und Offenheit im Leben gefällt mir und möchte ich unbedingt beibehalten. Das einzige, was ich mir wünschen würde, ist eine bessere Berichterstattung über den deutschen Film. Wir Filmschaffenden werden immer belehrt, was wir besser machen können, aber ein Lob gibt es nur selten. Viele großartige Filme haben in der Vergangenheit dadurch keine Chance gehabt, wie zum Beispiel zuletzt mein Film „Traumfabrik“, der durch die schlechten Kritiken leider nicht viele Zuschauer hatte, obwohl alle, die ihn gesehen haben, nur schwärmten. Es war ein grandioses Werk und so etwas Aufwendiges wurde in Deutschland noch nie zuvor gedreht. Es hatte Hollywood Niveau und dank der Filmjournallie floppte der Film. So etwas tut mir als Schauspieler sehr weh, weil ich weiß, wie viel Arbeit in einem Filmprojekt steckt. 

Jude West, Michaela May, Michael Gwisdek, Sandra Borgmann, Anja Schiffel und Ursula Karven in "So einfach stirbt man nicht"

Ein tolle Cast überzeugt in der Tragikomödie – von links: Jude West, Michaela May, Michael Gwisdek, Sandra Borgmann, Anja Schiffel und Ursula Karven. Foto: ZDF/Marion von der Mehden

Michael Gwisdek absolvierte zuerst ein Fernstudium zum „Leiter des künstlerischen Volksschaffens“ am Arbeitertheater, bevor er seine Berufung im Schauspiel fand. Am 29. August 2019 ist er in der turbulenten Tragikomödie „So einfach stirbt man nicht“ um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen. Regisseurin und Drehbuchautorin Maria von Heland („Solo für Weiss – für immer schweigen“) hat mit Cast und Crew eine wunderbare Inszenierung geschaffen, welche aus dem Leben gegriffen ist und zum Nachdenken anregt. Sie zeigt, worauf es im Leben ankommt: Liebe, Freundschaft, Verzeihen und Vertrauen.

 

„So einfach stirbt man nicht“

(pm) – Als Kurt Lehmann (Michael Gwisdek) in seiner Wahlheimat Mallorca einen Herzinfarkt erleidet und ins Koma fällt, reisen seine drei Töchter Lotte (Ursula Karven), Steffi (Anja Schiffel) und Rebecca (Sandra Borgmann) auf die Baleareninsel, um sich von ihrem vermeintlich sterbenden Vater zu verabschieden – und nicht zuletzt, um das beträchtliche Erbe anzutreten. Auch Kurts Frau Renate (Michaela May) möchte mit ihrem Mann ins Reine kommen und ihr Gewissen erleichtern: Noch während Kurt im Koma liegt, beichtet sie ihm, dass ihre jüngste Tochter Rebecca nicht seine, sondern die Tochter eines anderen Mannes ist. Alles beginnt aus dem Ruder zu laufen, als Kurt dem Tod von der Schippe springt und aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Er kann sich nicht nur an die Beichte seiner Frau erinnern, er ist auch ein anderer Mensch. Er ist besessen von der schönen Inselbewohnerin Carla und einem kostbaren, Jahrhunderte alten Olivenhain, den er mit seinem ganzen Geld vor der Abholzung retten will. Seine Familie erkennt ihn kaum wieder – und sieht ganz nebenbei ihr Erbe entschwinden. Auch Jule, seine Enkeltochter, und Jonas, der von Rebecca überraschend mitgebrachte Sohn ihres in der Ferne weilenden neuen Freundes, werden in die turbulenten Geschehnisse hineingezogen. Was folgt, hebt die gewohnte Welt aller Beteiligten aus den Angeln.