Cast & Crew

#lookbehind mit Kristin Suckow: „Du kannst die damalige Zeit genau spüren“

Herausragende historische Verfilmung

 

Wer träumt nicht einmal davon, in eine andere Zeit zu reisen und die dortigen Gegebenheiten einmal hautnah zu erleben? Schauspielerin Kristin Suckow (29) durfte für ihren neuen Film „Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“ in das Ende des 19. Jahrhunderts reisen, wo sie eine der mutigsten Frauen dieser Zeitepoche verkörperte – Ottilie von Faber-Castell, die eines der größten Bleistiftimperien erbte. Wir sprachen mit Kristin Suckow über die außergewöhnlichen Dreharbeiten.

 

Ottilie von Faber-Castell war die erste Frau, welche Ende des 19. Jahrhunderts ein Unternehmen führte. Bei einer fiktiven Figur haben Sie als Schauspieler die Möglichkeit, Ihre Figur frei zu erfinden, doch bei einer historischen Figur gibt es Einschränkungen. Mit welchen Hilfsmitteln haben Sie Ottilie von Faber-Castell für Ihr Spiel entwickelt?

Die allerwichtigste Grundlage war für mich der Roman von Asta Scheib „Eine Zierde in ihrem Haus: Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell“. Sie hat sehr gut recherchiert und das Buch auf Basis von Ottilies Originalbriefen verfasst. Am Ende ihres Romans findet der Leser auch eine kleine Auswahl dieser Briefe abgedruckt. Dort konnte ich ihre tiefen Gefühle und Gedanken lesen. Das war unglaublich hilfreich für mich, um mich ihr zu nähern. Dann haben wir natürlich zur Vorbereitung Originalfotos aus der damaligen Zeit genutzt. Außerdem half uns Regisseurin und Drehbuchautorin Claudia Garde sehr bei den Vorbereitungen. Sie hatte in Museen recherchiert und brachte uns zahlreiche Bücher mit, die wir zur Vorbereitung nutzen konnten.

Bereits zu Beginn gibt es beeindruckende Szenenbilder, wo Sie durch das Fabrikimperium der Bleistiftfabrik Faber schreiten. Alte Maschinen, die Kostüme und die detailliert gezeigten Arbeitsbedingungen lassen die alten Zeiten aufleben. Was fühlten Sie bei diesem Dreh?

Es war wundervoll, diese Szene zu drehen. Unsere Szenenbildnerin Martina Brünner hat an wirklich jedes kleinste Detail gedacht. Angefangen von dem genau positionierten Staub, bis hin zu anderen liebevollen Details. Dies ermöglichte uns, in die damalige Zeit einzutauchen und berührte mich sehr. Ich erinnere mich aber auch noch an die Anfangsszene, in der Ottilie im Schlafsaal ihres Internats gezeigt wird. Dafür wurden viele Schlafplätze detailliert hergerichtet. Ich setzte mich vor dem dreh auf das Bett, das Ottilie zugeordnet war und fand daneben ein extra angefertigtes Zeichenbuch, das die Szenografen für meine Figur gestaltet hatten. Details wie diese, werden im Film nicht immer gezeigt, aber helfen unglaublich dabei, in die Figur einzutauchen.

Kristin Suckow und Zdeněk Pecháček in "Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau"

Die alte Faber Fabrik wurde mit viel Liebe zum Detail wieder zum Leben erweckt. In dieser Szene geht Ottilie (Kristin Suckow, links) mit Direktor Winkler (Zdeněk Pecháček, rechts) die Importpreise durch. Foto: ARD Degeto/Martin Spelda

Wie sehr hilft Ihnen eine solche originalgetreue Location für das Spiel?

Solche Feinheiten helfen einem unheimlich im Spiel. In den Räumen fühlte ich mich zum Teil, als wäre ich bei Ottilie zu Hause, weil alles so lebendig und real erschien. Die immer wieder auftauchenden Bleistifte, die Schreibfedern und die bis ins Detail ausgefeilten Räume ließen die damalige Zeit wieder zum Leben erwecken. Es war einfach toll, wie jedes einzelne Departement mit Leidenschaft und viel Engagement dabei war. Jeder hat sein Bestes gegeben, um alles so original getreu wie nur möglich darzustellen.

Dieses Engagement und die Leidenschaft sah ich deutlich. Ich fühlte mich bei der Sichtung des Films wie auf einer Zeitreise. Wenn Sie solche detailgetreuen Räume betreten oder auch die Utensilien nutzten, veränderte sich da automatisch Ihr Gang, Ihre Körperhaltung oder Ihre Gestik?

Das ist wirklich so (lacht). Du kommst in den Raum und gehst plötzlich ganz anders, vorsichtiger und langsamer. Auch, als ich hinter Ottilies imposanten Schreibtisch saß und wir noch nicht drehten, nahm ich automatisch eine andere Körperhaltung ein. Als ich die schweren, alten Notizbücher in die Hand nahm, spürte ich sofort den Fleiß und die Verantwortung, die Ottilie damals bei ihrer Arbeit erbrachte. Mein Schmuck war wie viele andere Gegenstände auch bis zu 150 Jahre alt. Du fasst plötzlich alles mit einer unheimlichen Wertschätzung an. Man möchte ja nicht das es nach so einer langen Zeit am Ende kaputt geht. Und für das Spielen muss diese Vorsicht wieder vergessen werden. In unseren Figuren behandeln wir die Dinge ja als Alltagsgegenstände.  Die Kostüme tragen ebenfalls dazu bei, dass sich dein Gang und deine Haltung automatisch verändert. Die Kleider waren ausschweifend und manchmal sehr schwer. Außerdem schränkte das Korsett die Atmung ein.

Bei einer historischen Verfilmung ist das Kostüm ein wichtiger Bestandteil. Korsetts und ausschweifende Kleider gehörten zum Alltag. Sieht der Zuschauer Sie im Spiel und schaut sich ein originales Foto von Ottilie an, ist manchmal kaum ein Unterschied zu bemerken. Welcher Aufwand musste dazu betrieben werden?

Unsere Kostümbildnerin Petra Kray hat in ganz Europa in den verschiedenen Kleidungsfundus nach geeigneten Stücken aus der damaligen Zeit gesucht. Ich trage zum Beispiel ein wundervolles eierfarbenes Kleid. Dies war eines der vielen originalen Kleider. Von meinen rund 50 Kostümen waren jedoch nur drei neu genäht, was für mich eine enorme Leistung ist. Ottilie wird nämlich in verschiedenen Zeitepochen gezeigt, deshalb arbeiteten wir auch mit vielen verschiedenen Modestilen. Wir hatten aufgrund des hohen Aufwands für die Kostümprobe eine Woche Zeit. Hierzu wurde die riesige Filmproduktionsfirma in Tschechien geräumt und es entstand darin kurzzeitig eine große Näherei. Von früh bis spät wurden die Kostüme und die Maske angepasst. Ein enormer Aufwand, den ich in meiner Filmkarriere bisher noch nicht so erlebt habe

Kristin Suckow in "Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau!

Das besagte eierfarbene Kleid wurde restauriert und an Schauspielerin Kristin Suckow angepasst. Foto: ARD Degeto/Martin Spelda

Das Hochzeitskleid von Ottilie ist bezaubernd. Ist dies ebenfalls ein Original gewesen?

Ja, dies ist ein Kleid aus reiner Seide gewesen und war wie alle Gegenstände und Kleidungsstücke um die 120 Jahre alt. Es war unglaublich, wie sich diese Seide anfasste. Für mich war es nicht ganz einfach, die Hochzeitsszenen zu drehen. Ottilie feiert ausgiebig und man sagte mir nur: Kristin, auch Ottilie hätte diesen Moment gefeiert und bestimmt nicht darauf geachtet, wenn das Kleid beim Tanzen einreißt. Also fühle dich frei (lacht). Am Set stand dann immer eine Näherin zur Seite, die schnell etwas reparieren konnte. Sie hätten mich sehen müssen, als zum ersten Mal das Einreißen des Stoffes zu hören war (lacht).

Kristin Suckow und Maren Eggert in "Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau"

Kristin Suckow (links) trug für die Dreharbeiten ein Kleid aus reiner Seide, welches schon rund 120 Jahre alt war. Zusammen mit Schauspielkollegin Maren Eggert (rechts) drehte sie diese beeindruckende Szene vor der Hochzeit. Foto: ARD Degeto/Martin Spelda

Das Schloss der Faber-Castell`s ist im mittelfränkischen Stein an der Grenze zu Nürnberg angesiedelt. Gedreht haben Sie aber in Tschechien.

Ja, wir drehten im Schloss der tschechischen Stadt Libochovice. Dieses sieht dem Faber-Castell Schloss sehr ähnlich. Wir quartierten uns für die Dreharbeiten in dem benachbarten Hotel ein und hatten so die Möglichkeit, direkt am Drehort bei Bedarf die Kollegen zu unterstützen – so sind wir dauerhaft in die Welt von Ottilie eingetaucht.

Der Sprachstil war damals anders als heute. Wie entwickelten Sie diesen für Ottilie?

Ich versuchte, aus Astha Scheibs Buch und den dort abgedruckten Briefen einen Stil zu erahnen. Die Regisseurin Claudia Garde hat auch das Drehbuch geschrieben und sehr viel über die damalige Sprache recherchiert. Allein durch die Wortwahl der Figuren im Drehbuch, wurde uns die damalige Sprache nähergebracht. Wir Schauspieler haben uns diese Worte dann zu eigen gemacht und zum Leben erweckt.

Der Film überzeugt durch ein überwältigendes Szenenbild, eine exzellente Kameraführung und ein sehr gutes Schauspiel. Welche Szene ließ Sie bis heute nicht mehr los?

Es waren die Szenen, in denen Ottilie eines ihrer Kinder verliert. Diese Dreharbeiten, waren für alle da sehr emotional. Ich selbst musste dafür an meine Grenzen und darüber hinaus gehen.

Kristin Suckow und Johannes Zirner in "Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau"

Aufstellung für ein Familienfoto – Ottilie (Kristin Suckow, links) und ihr Mann Alexander von Faber-Castell (Johannes Zirner, rechts). Foto: ARD Degeto/Martin Spelda

Ottilie von Faber-Castell war für mich eine sehr mutige Frau. Sie führte als erste Frau eines der größten Unternehmen der damaligen Zeit und dies ohne langjährige Geschäftsführungskenntnisse. Was nehmen Sie für sich aus Ihrer Rolle mit?

Durch den Film habe ich für mich das Denken über die Gegenstände verändert. Gehe jetzt gerne auf Flohmärkte, um Gebrauchtes zu nutzen, bevor ich es neu kaufe. Ottilies Geschichte hat mich darin bestärkt Entscheidungen nicht aus Angst zu treffen und auf das zu hören, an das ich glaube. Ottilie hat mich noch mal dafür sensibilisiert, die Dinge viel mehr zu hinterfragen und nicht alles als gegeben anzusehen.

Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau

Jedes Detail musste stimmen, dass war das Ziel von Cast und Crew. Deshalb wurden auch alte Tennisschläger aus Holz für den Dreh genutzt. Kristin Suckow hält auf dem Foto solch ein altes Unikat in den Händen. Foto: ARD Degeto/Martin Spelda

„Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“ wird am kommenden Samstag, den 14. September 2019 um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Das Drehbuch schrieb Claudia Garde („Tatort“) auf der Grundlage von Asta Scheibs Buch „Eine Zierde in ihrem Hause: Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell“. Ebenfalls führte sie Regie. Es ist eine grandiose Verfilmung, die den Zuschauer in die Welt der ältesten Schreibwaren Dynastie Deutschlands abtauchen lässt. Eine Geschichte über Mut, Macht und unerfüllte Liebe, die durch eine große Leidenschaft der Filmemacher herausragend inszeniert wurde.

 

„Ottilie von Faber-Castell – Eine mutige Frau“

(pm) – Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts: Der fränkische Bleistiftfabrikant Lothar von Faber (Martin Wuttke) bestimmt seine 16-jährige Enkelin Ottilie (Kristin Suckow) zur Firmenerbin. Der 76-Jährige glaubt zwar fest an ihr Talent und ihren Durch-setzungswillen, er weiß aber auch, dass ihm nur wenig Zeit bleiben wird, um sie auf die künftige Verantwortung vorzubereiten. Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens ist nicht nur für die Direktoren eine ungewöhnliche Vorstellung, sondern auch für Ottilies Mutter (Maren Eggert) und Großmutter (Eleonore Weisgerber). Um in der Männerwelt zu bestehen, lernt die desig-nierte Chefin akribisch alles über das Bleistift-geschäft – von der Herstellung bis zur Vermarktung. Von ihrem Großvater bekommt die umschwärmte Ottilie den wohlgemeinten Rat, sich bei der Partner-wahl nicht von Gefühlen leiten zu lassen, sondern an das Familieninteresse zu denken. Als geeigneter Anwärter erscheint ihm der ebenso ehrgeizige wie beharrliche Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen (Johannes Zirner). Ottilies Herz schlägt jedoch heimlich für den gutaussehenden Baron Philipp von Brand zu Neidstein (Hannes Wegener), der ihr romantische Avancen macht. Bei ihrer Entscheidung möchte sie sich allerdings nicht beeinflussen lassen. Ebenso wenig beabsichtigt sie, sich später als Ehefrau und Mutter aus den Geschäften zurückzuziehen. Um selbstbestimmt leben zu können, muss Ottilie jedoch gegen gesellschaftliche und familiäre Widerstände kämpfen.